Kapitalismuskritik: Ein Fußballprofi steigt aus

Keine Ahnung, für welchen Prozentsatz der deutschen Jungs „Fußballprofi“ heute das ist, was früher einmal Lokomotivführer oder Feuerwehrmann waren, nämlich der absolute Traumberuf. Ganz sicher dürfte aber die Geschichte des spanischen Fußballers Javi Poves im materialistischen Deutschland zwischen Schule und Werkskantine weit überwiegend nur Kopfschütteln verursachen. Der 24jährige Nachwuchsstar beim spanischen Erstligisten Sporting de Gijon beendet vor wenigen Tagen seine Karriere bevor sie richtig begonnen hatte, weil ihn der Fußballbetrieb anwiderte.

(von Thorsten M.)

Javi Poves Äußerungen über die Geldgier, Korruption und bildungsfaule Kollegen im Profi-Fußballbetrieb wirbelten dabei in seinem Heimatland viel Staub auf. n-tv berichtet:

„Fußball ist in Wirklichkeit eine Metapher für unsere derzeitige Welt. Alles beruht auf einer großen Täuschung“, sagte der 24-Jährige der Nachrichtenagentur dpa. „Es ist alles nur tägliche Unterhaltung.“ Obwohl ihm seine ungewöhnlichen Aussagen viel Kritik eingebracht haben, steht er zu ihnen. „Ich schäme mich nicht für meine Gedanken oder meine Handlungsweise, auch wenn mich andere für verrückt halten.“

Poves, schon in der Vergangenheit ein entschiedener Gegner des Kapitalismus, will nun ein neues Leben beginnen. Statt Fußball spielen will er lesen. Er misstraut den Medien und den Mächtigen in Politik und Wirtschaft. „Fußball soll nur die Menschen von der Realität ablenken“, sagt Poves. „Es gibt im Fußball sehr viel Korruption, wie in jedem Sektor, in dem es um Geld geht.“

Der Verteidiger hat Jahre in der Gesellschaft anderer Profis verbracht. Von den meisten ist er enttäuscht. „Fast keiner interessiert sich für seine Umgebung. Es ist frustrierend, dass kaum ein Fußballer mal ein Buch zur Hand nimmt.“ Aber, sagt er, es sei nicht ihre Schuld, sondern die des Bildungssystems.

Eltern würden ihren Kindern falsche Ideale mitgeben, sagt der junge Spanier. „Jedes Kind möchte heute ein Cristiano (Ronaldo) oder Messi sein. Aber nicht Cristiano oder Messi der talentierte Fußballer, sondern der Cristiano und Messi mit den Häusern, den Autos und dem Ruhm.“ Kinder würden dadurch zum Egoismus und Materialismus erzogen, meint Poves.

Poves will nun Geschichte und Geografie studieren und Libyen, Syrien und den Iran bereisen. „Ich will die Realität in diesen Ländern für mich selbst sehen, nicht was die Politiker sagen oder im Fernsehen gezeigt wird.“

Und Poves‘ Traum, als Fußballspieler eine bessere Welt zu sehen? „Wir müssen Tausende Stunden arbeiten um zu essen und unsere Politiker belügen uns. Ist das die Zukunft, die uns versprochen wurde? Wenn ja, dann will ich sie nicht.“

Bei Sporting Gijon wollte man Poves‘ plötzlichen Rücktritt nicht weiter kommentieren. „Er war schon immer ein etwas komischer Junge“, sagte ein Funktionär, der anders als Poves aber nicht öffentlich zu seiner Ansicht steht. Seinen Namen wollte er nicht genannt wissen.

Hand auf’s Herz – wie viele Leser hätten den Mumm, sich so der verlogenen Glitzerwelt der Fußballligen zu entziehen, wenn sie wirklich die Chance hätten, dort etwas vom Kuchen abzubekommen?! Selbst wenn man für sich selbst zu dem Ergebnis kommt, dass es sinnvoller wäre, ein paar Jahre dort mitzuspielen um vielleicht finanziell unabhängig zu werden, kommt man nicht umhin Javi Poves einen gewissen Respekt zu zollen.