Huntington 1: Who are we? Wer sind wir?

Man muß nicht immer das Rad neu erfinden. Der ausgezeichnete, inzwischen verstorbene, weltbekannte Wissenschaftler Samuel Huntington hat neben dem berühmten „Kampf der Kulturen“ noch andere interessante Bücher geschrieben. Darunter anno 2004 „Who are we?“ (Wer sind wir?). Huntington befürchtet darin, daß die USA irgendwann in zwei Teile zerfallen. Im Gegensatz zu früheren Einwandererwellen würden sich die Latinos nicht assimilieren, und es würden auch nicht genügend Anstrengungen unternommen, das zu ändern.

Hier ein Ausschnitt, der zeigt, daß im Gegensatz dazu die USA vor über 100 Jahren große Anstrengungen unternommen haben, um die Einwanderer zu amerikanisieren. Dabei hat sicher geholfen, daß es nie Sozialhilfe gab, auch nicht für die oben abgebildete deutsche Familie auf der Einwanderer-Insel Ellis Island mit 7 Söhnen und einer Tochter.

Die Immigranten amerikanisieren

Die Amerikaner prägten den Begriff und das Konzept der Amerikanisierung Ende des 18. Jahrhunderts zusammen mit dem Begriff und Konzept des Immigranten. Sie sahen die Notwendigkeit, aus den Neuankömmlingen in ihrem Land Amerikaner zu machen. »Wir müssen«, so John Jay 1797, »dafür sorgen, daß unser Volk amerikanischer wird.« Jefferson drückte sich ähnlich aus. Die entsprechenden Bemühungen erreichten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Amerikanisierung, so Richter Louis Brandeis 1919, bedeute, daß der Immigrant »die Kleidung, Sitten und Gebräuche annimmt, die allgemein hier vorherrschen, und anstelle seiner Muttersprache die englische Sprache verwendet«. Dies stelle sicher, daß er »seine Interessen und Gefühle dem Land hier zuwendet« und »in vollkommene Harmonie mit unseren Idealen und Zielen« gelangt und »mit uns zusammenarbeitet, um sie zu verwirklichen«. Wenn der Immigrant all dies geleistet hat, wird er »das Nationalbewußtsein eines Amerikaners« haben. Andere Verfechter der Amerikanisierung fügten zu dieser Definition noch die Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft hinzu, die Abkehr von ausländischen Untertanenpflichten und die Aufgabe doppelter Loyalitäten und Nationalitäten.

Die Ansicht, daß es erforderlich sei, die Immigranten zu amerikanisieren, erzeugte eine breite soziale Bewegung, die sich diesem Ziel widmete. Es entstanden viele verschiedene, sich teils überschneidende und teils konkurrierende Bemühungen von lokalen, bundesstaatlichen und nationalen Regierungsstellen, privaten Organisationen und Unternehmen, und dabei spielten die öffentlichen Schulen eine zentrale Rolle. »Man kann den Umfang der Amerikanisierungs-Bewegung kaum übertreiben«, hat ein Historiker geschrieben. Es war ein »sozialer Kreuzzug«, ein Schlüsselelement der Reformphase der amerikanischen Politik. Mitarbeiter sozialer Hilfswerke, Erzieher, Reformer, Geschäftsleute und Politiker bis hin zu Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, sie alle propagierten diesen Kreuzzug oder nahmen aktiv daran teil. Die »Liste der Organisatoren der Bewegung«, notierte ein anderer Historiker, »liest sich wie eine Kombination aus Who’s Who und Social Register«.

Die neuen großen Industriekonzerne brauchten massenweise Immigranten als Arbeitskräfte und richteten in ihren Fabriken Schulen ein, wo die Arbeiter die englische Sprache und amerikanische Werte lernten. In fast jeder Stadt mit einem nennenswerten Anteil von Immigranten hatten die Handelskammern ein Amerikanisierungsprogramm. Henry Ford gehörte zu den treibenden Kräften bei den Bestrebungen, aus Immigranten produktive amerikanische Arbeiter zu machen, denn, wie er sagte, »diesen Männern aus vielen Nationen müssen amerikanische Gebräuche, die englische Sprache und die richtige Lebensweise beigebracht werden«. Die Ford Motor Company führte zahlreiche Amerikanisierungsmaßnahmen durch, darunter sechs bis acht Monate dauernde Englischkurse, die eingewanderte Beschäftigte besuchen mußten. Der Abschluß wurde mit einem Diplom bescheinigt, das sie zum Erwerb der Staatsbürgerschaft berechtigte. U.S. Steel und International Harvester förderten ähnliche Programme, und »eine Vielzahl von Unternehmern richtete Kurse in den Fabriken ein, finanzierte Unterricht in Staatsbürgerkunde und unterstützte sogar öffentliche Abendschulen finanziell«.

Unternehmern der Reformära lag es am Herzen, daß ihre eingewanderten Arbeiter Englisch lernten und mit der amerikanischen Kultur und dem amerikanischen privaten Unternehmertum vertraut wurden. Das sollte ihre Produktivität steigern und sie gegen gewerkschaftliche und sozialistische Anwerbungsversuche feien.

Ihre speziellen Interessen deckten sich zum Teil mit dem allgemeinen nationalen Interesse. 1916 brachte Ford das Ziel, das erreicht werden sollte, in einem glanzvollen Schauspiel auf die Bühne: In der Mitte stand ein gewaltiger Schmelztiegel. Von der einen Seite zog ein breiter Strom von Immigranten »von hinter der Bühne dort hinein, gekleidet in fremdländische Gewänder, ausstaffiert mit Zeichen, die ihre Vaterländer angaben. Zugleich traten auf beiden Seiten des Tiegels andere Menschenströme hervor, alle schmuck identisch gekleidet und jeder mit einer kleinen amerikanischen Flagge in der Hand.«

Eine große Zahl privater wohltätiger Organisationen widmete sich den Amerikanisierungsbestrebungen. Teils waren es alteingesessene Organisationen, teil neue, eigens zu dem Zweck geschaffene. Die YMCA organisierte Englischunterricht für Immigranten. Die Sons of the American Revolution und die Colonial Dames boten Amerikanisierungsprogramme an. In Springfield in Massachusetts wurde das American International College speziell für Immigranten gegründet. Ethnische und religiöse Organisationen mit Verbindungen zu Neuankömmlingen warben aktiv für ihre Programme.

Liberale Reformer, konservative Unternehmer und engagierte Bürger gründeten Gruppierungen wie das Committee on Information for Aliens (Informationskomitee für Ausländer), die North American Civic League for Immigrants (Nordamerikanische Bürgerliga für Immigranten), die Chicago League for the Protection of Immigrants (Chicago-Liga zum Schutz von Immigranten), die Educational Alliance of New York City (Bildungsbündnis von New York City), die Stiftung Baron de Hirsch Fund (speziell für jüdische Immigranten), die Gesellschaft für italienische Einwanderer und viele ähnliche Organisationen. Sie berieten Einwanderer, boten Abendkurse in Englisch und amerikanischer Lebensweise an und halfen bei der Suche nach Arbeitsplätzen und Wohnungen. Ein Großteil der Maßnahmen und der dabei aktiven Personen gingen aus den sozialen Hilfswerken hervor, die Ende des 19. Jahrhunderts in den städtischen Armenvierteln entstanden waren, so etwa Jane Addams Hull House in Chicago. Die städtischen Parteibüros spekulierten auf die Stimmen der Immigranten und hatten schon deshalb ein Interesse daran, daß die Menschen ins Land kamen. Sie verschafften ihnen Arbeitsplätze, boten soziale Unterstützung an und halfen ihnen natürlich, daß sie möglichst rasch die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht erhielten.

Samuel P. Huntington, Who are we. Die Krise der amerikanischen Identität, Goldmann 2006, Seite 169 ff.; Teil 2 folgt irgendwann demnächst.