Huntington 2: Who are we? Wer sind wir?

Hier Teil 2 des Auszugs aus Huntingtons übersetztem Buch „Who are we“ (Abb.). Wer Teil 1 gestern nicht gelesen hat und das sinnvollerweise nachholen möchte, der Link ist da! Das Buch handelt über die amerikanische Identität und die Gefahr eines Auseinanderbrechens der USA, da sich die Latinos nicht genügend assimilieren, woran sich seit Erscheinen des Buches nichts geändert hat. Natürlich liest man solche Bücher auch, um mögliche Parallelen und Lehren für Europa zu ziehen.

Der Ausschnitt handelt von den wenig bekannten früheren Anstrengungen der USA, die vielen Einwanderer zu amerikanisieren:

Vor dem Ersten Weltkrieg drängten protestantische, katholische und jüdische Gruppen auf die Integration ihrer eingewanderten Glaubensgenossen in die amerikanische Gesellschaft. »Die römisch-katholische Kirche mobilisierte ihren Klerus, ihre Schulen, ihre Presse, wohltätigen Organisationen und Interessenvereine, daß sie auf die Immigranten einwirkten, ihre ausländischen Kulturmuster aufzugeben und sich den amerikanischen Gepflogenheiten anzupassen.

Erzbischof John Ireland, ein irischer Immigrant, übernahm die Initiative unter den amerikanischen Bischöfen. Er kämpfte gegen die Bestrebungen katholischer Immigranten, ihre Sprache und Traditionen zu bewahren.« Und »jüdische Hilfswerke ermunterten in vielen Städten die Kinder jüdischer Immigranten, die englische Lebensweise zu übernehmen, öffentliche Schulen zu besuchen und innerhalb des amerikanischen Rahmens ihre Identität zu bewahren«.

Die Amerikanisierungsbewegung begann mit privaten Organisationen an der Basis. Sie übten dann Druck auf lokale und bundesstaatliche Stellen aus, entsprechende Bemühungen zu fördern und sich daran zu beteiligen. Bald verabschiedeten mehr als dreißig Bundesstaaten Gesetze über Amerikanisierungsprogramme, Connecticut richtete sogar ein Ministerium für Amerikanisierung ein. Schließlich wurde auch die Bundesregierung aktiv, die Einbürgerungsbehörde im Arbeitsministerium und die Erziehungsbehörde im Innenministerium wetteiferten um Geld und darum, die jeweils eigenen Assimilierungsbemühungen voranzubringen.

1921 beteiligten sich 3526 Institutionen in Bundesstaaten, Städten und Gemeinden an Programmen der Einbürgerungsbehörde. Der Schwerpunkt lag auf Englischunterricht, die Regierungen unterstützten die Programme massiv ideell und finanziell.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die wichtigste Institution für die Amerikanisierung das allgemeine Schulwesen. Tatsächlich wurden die öffentlichen Schulen Mitte des 19. Jahrhunderts zum Teil im Hinblick auf die erwarteten Erfordernisse der Amerikanisierung konzipiert und eingerichtet. Wie Carl Kaestle es formuliert hat: »Bildung zur Assimilierung wurde zu einem Hauptanliegen der Schulverantwortlichen im 19. Jahrhundert.« Die Schulen pochten darauf, daß die Immigranten »angloamerikanische protestantische Traditionen und Werte« übernahmen.

Insbesondere in Neuengland mit seinem hohen Anteil an Einwanderern »betrachteten die Menschen die Schulerziehung als den besten Weg, angloamerikanische protestantische Werte weiterzugeben und den Zusammenbruch der republikanischen Institutionen zu verhindern«. Mit Blick auf die längerfristige Wirkung hat Stephen Steinberg geschrieben: »Mehr als jeder andere einzelne Faktor hat das öffentliche Schulwesen verhindert, daß Immigrantengruppen ihre heimische Kultur an ihre in Amerika geborenen Kinder weitergeben konnten.«

Die dominierende protestantische Atmosphäre und Wertewelt in den Schulen führte natürlich zu einer Gegenreaktion der katholischen Kirche und der Einrichtung katholischer Schulen, die im Laufe der Zeit jedoch ebenfalls zu Einrichtungen der Propagierung amerikanischer Werte und patriotischer Gefühle wurden.

Die Schulen hatten vor dem Ersten Weltkrieg überragende Bedeutung für die Bemühungen zur Amerikanisierung der Immigranten aus Süd- und Osteuropa. »Der Fortschrittliche glaubte an die Bildung«, sagt Joel M. Roitman. »Er verwendete sie als das wichtigste Werkzeug bei den Bemühungen zur Assimilierung (Amerikanisierung) der Millionen von Menschen, die in der Zeit von 1890-1924 in die Vereinigten Staaten kamen.« Die Schulen wurden angehalten, Unterricht in Englisch und amerikanischer Landeskunde für erwachsene Einwanderer anzubieten. Eine führende Organisation der Amerikanisierungsbewegung, die North American Civic League, veröffentlichte 1913 einen Plan für die Bildung des Immigranten. Das Federal Bureau of Education förderte diese Bemühungen und drängte 1919 darauf, daß Schulen nicht nur Orte sein sollten, an denen tagsüber Kinder lernten, sondern daß sie auch Abendprogramme für die Amerikanisierung von Erwachsenen einrichteten.

1921-1922 unterhielten zwischen 750 und 1000 Gemeinden »spezielle Programme an allgemeinbildenden Schulen zur Amerikanisierung von im Ausland geborenen Personen«. Zwischen 1915 und 1922 nahmen über eine Million Immigranten an solchen Programmen teil (aber nicht alle hielten bis zum Ende durch).

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, so berichtet Reed Ueda, versuchten Lehrer »Kindern von Immigranten ein Gefühl der amerikanischen nationalen Identität zu vermitteln. Die verwendeten Lehrbücher für Literatur und Gesellschaftskunde stellten die Institutionen und die politische Geschichte Amerikas in den Mittelpunkt und präsentierten große Männer und Frauen als heroische Vorbilder des Nationalcharakters.« Im ganzen Land wurde das Schulsystem »geprägt durch aufeinanderfolgende Generationen von Reformern von Horace Mann bis John Dewey, die das öffentliche Schulwesen als ein Instrument ansahen, aus der wuchernden Vielfalt, die durch die Immigration und die damit verbundenen sozialen Veränderungen entstanden war, eine geeinte Gesellschaft zu formen«.

An den späteren Phasen der Amerikanisierungsbewegung wurde kritisiert, es sei übermäßiger Druck auf Immigranten ausgeübt worden und die Bewegung sei nativistisch und immigrationsfeindlich geworden, was 1924 zum drastischen Rückgang der Immigrantenzahlen geführt habe. Ohne die Amerikanisierungsbemühungen seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wäre der Einbruch bei der Zuwanderung jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach schon früher erfolgt. Die Amerikanisierungsbemühungen machten die Immigration für die Amerikaner annehmbar. Der Erfolg der Bewegung wurde offensichtlich, als Immigranten und ihre Kinder zur Fahne eilten und für Amerika in den Krieg zogen. Der Erste Weltkrieg fachte den Patriotismus an und hob die nationale Identität gegenüber anderen Identitäten hervor.

Ihren Höhepunkt erreichten die nationalen Identitätsgefühle jedoch im Zweiten Weltkrieg, als rassische, ethnische und Klassenidentität der nationalen Loyalität untergeordnet wurden…

(Samuel P. Huntington, Who are we. Die Krise der amerikanischen Identität, Goldmann 2006, Seite 169 ff.)