Atomstrom von Wasserkraftwerken

Wasserkraftwerk in OberösterreichÖsterreich ist ein Nachbar, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte. Er spricht gut Deutsch, heißt uns sommers wie winters für einen schönen Urlaub willkommen und lässt uns im Fußball immer gewinnen. Nun wird er uns mit Stromlieferungen über den Winter helfen, was vor allem die süddeutsche Industrie beruhigt. Denn nach der Abschaltung der Atomkraftwerke befürchtet sie, dass es im Winter zu Engpässen bei der Stromversorgung kommen könnte. Die Schäden durch Produktionsverzögerungen und Ausschuss wären enorm. In vorwiegend sozialindustriell geprägten Regionen wie Berlin mag das keine Rolle spielen, aber dort, wo das Geld fürs Soziale verdient wird, schon.

Die österreichischen Stromlieferanten wollen für Deutschland Produktionskapazitäten von etwa 1100 Megawatt bereithalten, was ungefähr der Nennleistung eines Kernkraftwerks entspricht. Allerdings ist Österreich ist selbst Strom-Importland. Die großen Erzeuger wie die mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche Verbund AG werben zwar gerne mit „sauberem Strom aus Wasserkraftwerken“, importieren aber den europäischen ENTSO-E-Mix, in dem etwa 27 Prozent Atomstrom enthalten ist. Die Umweltschutzorganisationen Greenpeace und GLOBAL 2000 bezifferten unlängst in einer Untersuchung den Anteil von Atomstrom im gesamten Strom-Mix der Verbund AG auf 16 Prozent. Bei anderen waren es zwischen 10,5 und 23 Prozent.

Umweltverbände werfen den österreichischen Stromproduzenten schon seit langem Etikettenschwindel vor. Diese werben gerne mit ökologischem „Strom aus Wasserkraft“. In Wirklichkeit, so Greenpeace, kaufen die Unternehmen in großem Umfang Wasserkraftzertifikate, vor allem aus Skandinavien, und etikettieren damit Atom- und Kohlestrom in Ökostrom um. Auch deutsche Anbieter brüsten sich mit Strom aus „österreichischen Wasserkraftwerken“.

Drei Viertel der Österreicher sind laut Umfragen gegen den Import von Atomstrom. Im Interview mit dem österreichischen „Kurier“ redete Wolfgang Anzengruber, der Vorstandsvorsitzende des Verbund, Klartext. Man könne nicht von heute auf morgen alle Kernkraftwerke abschalten, das werde mindestens noch 30 Jahre dauern. Und so lange welche in Europa arbeiteten, werde es im Netz Atomstrom geben. Er lasse sich nicht herausfiltern. Vorwürfen, die Österreicher würden mit Atomstrom Wasser in Speicherkraftwerke hochpumpen und den Strom dann als Ökostrom verkaufen, trat der Verbund-Chef entgegen. Das würden sie „praktisch nicht tun“ und „so ohne weiteres“ könne man den Strom auch nicht umetikettieren.

Die Stromlieferungen an Industriekunden im In- und Ausland wickelt der Verbund über die Verbund Sales GmbH ab. Auf deren Website findet man die vorgeschriebene Stromkennzeichnung. Demnach besteht der Strom-Mix zu 78,9 Prozent aus europäischem ENTSO-E-Mix mit 27,2 Prozent Atomstromanteil und lediglich zu 21,1 Prozent aus Wasserkraft und sonstiger Öko-Energie. Die Abnehmer können zertifizierten Strom aus Wasserkraftwerken kaufen, tun es aber offensichtlich nur in bescheidenem Umfang.

Deutschland kann dem Winter beruhigt und mit reinem Umweltgewissen entgegensehen. Es bleibt zu hoffen, dass Österreich auch weiterhin Atomstrom importiert. Wir brauchen ihn hier dringend.

(Foto oben: Wasserkraftwerk in Oberösterreich)