Oslo – Raubüberfall Nr. 351

Im Schatten der Vergewaltigungswelle in Oslo werden in der norwegischen Hauptstadt in noch viel größerem Ausmaß Raubüberfälle begangen. Die Opfer sind zumeist junge Männer. Allein in den letzten zehn Jahren wurden 4000 Überfälle im Bereich der Polizeistation vom Zentrum und Grönland (Stadtteile) verübt. Vor sechs Wochen wurde Sturla Nøstvik (Foto) das Überfall-Opfer Nr. 351 von 400 nur im Stadtteil Grönland in diesem Jahr. Die Polizei bezeichnet ihn als eines der „vergessenen Opfer“.

(Übersetzung aus der norwegischen Tageszeitung Aftenposten)

Er schildert dem Aftenposten-Team seinen 50-minütigen Albtraum und zeigt ihnen den Weg zum Tatort: Sturla Nøstvik ist Schlagzeuger in einer Band und war an einem Donnerstagabend um 21.30 Uhr nach einer Veranstaltung auf dem Heimweg. Er rief noch vergnügt seine Freundin mit dem Handy an: „In ein bis zwei Minuten bin ich daheim“ und legte auf.

In der nächsten Sekunde bekam er einen Schlag mit einer Pistole gegen seine Stirn. Die Gewalttäter hatten sich in dem Gebüsch am Weg versteckt. Aggressiv verlangten die jungen Täter Geld und das Handy. Er gibt ihnen die vorhandenen 1500 Kronen, sie schubsen ihn vor sich hin, eine Treppe herunter, durch einen Fahrradtunnel weiter bis sie in ein dichtes Gestrüpp kommen. Unterwegs wird er mehrmals geschlagen, die Pistole im Rücken wird er gewarnt, er dürfe nicht um Hilfe rufen. Sturla Nøstvik ist verletzt und benommen. Er wird auf den Boden geworfen. Ein Täter setzt sich auf ihn und hält ihm die Pistole unter das Kinn. „Passwort, Passwort“, wiederholen die Täter abwechselnd in gebrochenem Englisch und Norwegisch. Sie drohen damit, ihn in den Fuß zu schiessen. Dann läuft einer der Täter fort, um das Konto zu plündern. Als er zurückkommt, verlangen sie die Adresse und drohen damit, ihn und seine Freundin zu töten, falls sie zur Polizei gehen. Das Handy klingelt, es ist seine Freundin. Ein Täter schaltet den Ton aus, sieht den Namen, findet das Bild der Freundin und sagt: “Very pretty“.

Sie instruieren ihn, er solle sagen, dass sie nicht dunkelhäutig, sondern Weiße seien. Sturla Nøstvik hält sie für Somalier. Dann verschwinden sie. Sturla wartet etwas, dann läuft er den kurzen Weg nach Hause. Das Haus ist leer. Seine Freundin sucht verzweifelt im Dunkel nach ihm. Sie bekommt einen Schock, als sie ihn blutig und verletzt daheim vorfindet, aber sie ruft die Polizei, den Krankenwagen und lässt die Karten bei der Bank sperren.

50 Minuten erlebte Sturla Nøstvik Gewalt. Er meint, dass er noch Glück gehabt hat, denn er ist auf einem Auge blind und das Gesunde wurde nicht beschädigt, der große Schnitt ist oberhalb der Braue. 21.000 Kronen wurden von seinem Konto gestohlen. Zwei Wochen später geht er mit bandagiertem Kopf seinem Job nach – er ist zur Hälfte krank geschrieben und braucht psychologische Behandlung.

Ein Nigerianer und ein Mann aus Gambia, beide 20 jahre alt, werden beschuldigt, Sturla Nøstvik überfallen zu haben. Sie bestreiten die Tat. Die Polizei ließ Nøstvik wissen, dass junge Männer viele gleichartige Raubüberfalle in Grünerløkka (Szeneviertel in Oslo) und Umgebung in den letzten Wochen verübt hätten. Sie sagten, dass jeder ein Recht hat, sich sicher zu fühlen, aber dass sie nicht in der Lage wären, Raubüberfälle zu verhindern. „Wir haben die Stadt verloren“, sagten sie. Nøstvik sollte raten, wieviele Polizeiwagen an dem Abend in Oslo unterwegs waren. Es waren nur zwei!

Sturla Nøstvik ist einer von vielen, die als „vergessene Opfer“ unter weitreichenden menschlichen und wirtschaftlichen Folgen durch diese Raubüberfälle leiden müssen.

(Übersetzung: Alster, PI-Hamburg)


Beim Recherchieren zum Szeneviertel Grünerloekka in Oslo stieß ich auf diesen Artikel des Tagesspiegels, der die Krimis des norwegischen Autors Torkil Damhaug thematisiert. Der Tagesspiegel schreibt:

„… dort sind alle Schauplätze des Thrillers verzeichnet. Denn das in Wahrheit recht friedliche Oslo ist der heimliche Hauptdarsteller… Gott sei Dank sind seine Geschichten reine Fantasie…“