„Die Malediven als Demokratiemuster“

So überschrieb Frank Schirrmacher ein Interview vom 9.2.2011 in der FAZ. Darin stellt er dem damaligen Vizepräsidenten der Malediven, Dr. Mohammed Waheed (Foto r.), eine Reihe bemerkenswert einfältiger Fragen, die meist entsprechend aussagelos beantwortet wurden. Interessant wurde dieses in seiner geistigen Schlichtheit heute wieder lesenswerte Interview dadurch, dass fast auf den Tag genau ein Jahr danach, am 8.2.2012, die maledivische demokratische Republik liquidiert wurde (PI berichtete). Präsident ist nun jener interviewte Vizeminister und er steht jetzt einer salafistischen „Republik“ vor, in die sich die Malediven in wenigen Wochen gewandelt haben.

(Von Atollman)

Der mit Ausnahme der Islamisten fast einmütig als Befreier von 25 Jahren Gayum-Diktatur gefeierte, und 2008 zum ersten frei gewählten Präsidenten der Malediven gekürte Mohammed Nasheed wurde durch einen Putsch aus dem Amt gejagt.

Bereits zwei Jahre nach seiner Wahl hatte sich Nasheed einer Opposition gegenüber gesehen, die vornehmlich religiös-islamisch agierte. Seine säkulare Amtsführung, Fotos eines auf Auslandsreisen mit Wein toastenden Präsidenten, sowie diverse gezielt rufschädigende Gerüchte schafften bald eine Antistimmung vornehmlich unter den nach 25 Jahren Gayum bildungslosen Insulanern. Islamische Hassprediger wie der Inder Zakir Naik, der Jamaikaner Philips oder Scheik Green aus England gaben sich in der Folge in Male einander die Klinke in die Hand. Als der Präsident einmal laut über Religionsfreiheit nachdachte, war damit sein Ende praktisch besiegelt.

Am 10. und 11. November 2011 fand eine Konferenz des Südasiatischen Staatenbundes SAARC in Addu/Malediven statt, in dessen Verlauf ein kleines Monument mit Symbolen der Mitgliedsstaaten, gestiftet von den Gastländern und dort angefertigt, enthüllt wurde. Es war auch ein kleiner Buddha abgebildet. Der aufgeputschte Mob zerstörte dieses Denkmal und Präsident Nasheed sah sich wütenden Straßenprotesten gegenüber, als er sich dafür bei den anderen Staaten entschuldigte.

Am 24. November 2011 sprach der UN-Menschenrechtsdelegierte Pillay vor dem Parlament in Male und warnte vor zunehmender religiöser Intoleranz, eine „antiislamische Aktivität“, die weitere Straßenproteste hervorrief.

Wütende Proteste auch am 10. Dezember, dem Menschenrechtstag, als eine Handvoll Aktivisten eine friedliche Mahnwache abhielten, und nicht, wie von der Islampartei Adaalath gefordert, vom Platz weg eingesperrt wurden (auch der einzig bekennende Homosexuelle der Malediven war unter den Menschenrechtlern).

Am 23. Dezember gab es schließlich die erste Großdemonstration in Male, zu der Leute von allen Inseln herantransportiert wurden. Motto: „Maldives Defending Islam“.

An diesem Tag wurde Präsident Nasheed offiziell als „Abtrünniger“ und „Feind des Islam“ bezeichnet. Es sei für jeden Muslim Pflicht, in den Dschihad gegen ihn einzutreten. An diesem Tag wurde auch das international Aufsehen erregende „Wellnessverbot“ auf Druck der Fundamentalisten erlassen (PI berichtete). Diesmal war es DIE ZEIT (12.1.2012), die behauptete, das sei alles gar nicht wahr, denn Mohamed Shaheem, Sprecher der salafistischen Adhaalath-Partei, habe „etwas verdattert“ beteuert: „Wir haben dieses Generalverbot nicht gewollt. Wir würden nie etwas tun, was dem Tourismus schadet. Und medizinische Massagen gehören doch zur islamischen Kultur“. Sein Boss, der Parteivorsitzende Scheik Imran Abdullah, sah die islamische Kultur etwas anders und forderte:

– Verbot von Spas auf den gesamten Malediven
– Generelles Alkoholverbot, auch für den Tourismus
– Betreten anderer Inseln als Resorts und Flughafen durch Ausländer nur mit Sondergenehmigung

Auf Nachfrage (nein, nicht auf Nachfrage der ZEIT) präzisierte er, man habe nichts gegen den Tourismus – im Gegenteil – er müsse nur nach islamischen Regeln erfolgen. Das heiße auch getrennte Strände und das Übernachtungsverbot unverheirateter Paare. „Wir wollen die Malediven frei von westlichem Einfluss machen.“

Am 31. Dezember vormittags fand unter dem Vorsitz dieses Scheik Imran Abdullah die entscheidende Sitzung statt, in der die Fundamentalisten und Parteigänger des Ex-Diktators Gayum den Putsch beschlossen. Dazu müsse aber das Militär gewonnen werden. Kolportierte sechs Millionen US-Dollar wurden dafür bereit gestellt, namentlich vom Vorsitzenden der Republik-Partei und Multimillionär Gasim (Sun- Fun- Holiday- Royal Island sowie TMA-Flugtaxis) und Yamin, Bruder Gayums, reich geworden durch Drogen und langjähriger Unterschlagung von Öllieferungen. Eine Formalie war noch zu klären: Ein Präsident mit legalem Anschein musste her. Noch am Abend desselben Tages sagte Vizepräsident Mohammed Waheed zu, der Putsch hatte sein Feigenblatt. Und das waren die Leute, denen sich der Doktor der Philosophie zur Verfügung stellte: Salafisten auf der einen Seite und Millionarios des Ex-Diktators Gayum auf der anderen, manche von ihnen mit Blut an den Händen.

Am 7. Februar kam es zum Putsch, Nasheed, der erste frei und demokratisch gewählte Präsident der Malediven, wurde illegal beseitigt.

Am 8. Februar gaben die neuen Machthaber entsprechend eines Koranspruchs die Parole aus: „Es ist die Pflicht jedes Moslem, Dschihad gegen alle aufzunehmen, die andere Gesetze als die Islamische Scharia haben und so lange Krieg zu führen, bis sie die Scharia angenommen haben.“ Militärbanden zogen durch die Straßen und skandierten „Allahu Akbar“, das Museum wurde gestürmt und buddhistische Statuen aus der vorislamischen Geschichte der Malediven zertrümmert. (Anm.: Hat jemand etwas darüber in der Qualitätspresse gelesen?)

Präsident dieser ganz und gar unheiligen Allianz ist Dr. Mohammed Waheed, Schirrmachers Darling, von ihm ins Blauäugige gefeierter „Demokrat und Intellektueller“, der bis zum heutigen Tag die vom Commonwealthsrat, der EU und von anderen Ländern geforderten Neuwahlen strikt ablehnt.

Aber lassen wir doch abschließend nochmals unseren Herrn Schirrmacher zu Wort kommen:

„In diesem neuen Zeitalter könnten Länder wie die Malediven auf manchen Gebieten führende Rollen einnehmen…, die Industrienationen können hier etwas lernen und von einem Austausch profitieren.“

Vor allem können sie lernen, wie man eine Demokratie illegal durch Kapital – Salafismus ersetzt. Oder, wie man es in Male ausdrückte, aus einem Haram-Präsidenten einen Halal-Präsidenten zu machen.