Mao Tse Tung – noch eine sozialistische Karriere

„Bestrafe einen, erziehe hundert“ oder „Das Dogma ist weniger wert als ein Kuhfladen“, solche Zitate werden ihm zugeschrieben, gelten jedoch nicht als gesichert. Was jedoch als gesichert gilt: „Die Toten sind nützlich, sie düngen den Boden“ – 1958. Und er hat sehr viel gedüngt. 38 Millionen verhungerten während der großen Hungersnot von 1958 bis 1961, als Mao Getreide und Fleisch von den Bauern herauspresste, um damit von der Sovjetunion und anderen sozialistischen Ländern das Know How zum Bau der Atombombe zu kaufen.

(Von Hans-Dieter Felix Henninger)

Der STERN schreibt dazu am 1. Oktober 2005 :

(…)
Während des von Mao inszenierten „Großen Sprungs nach vorn“ 1958 bis 1961 verhungern 38 Millionen – die größte Hungersnot in der Geschichte der Menschheit. Mao presst den Bauern Getreide und Fleisch ab, um damit bei der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern Know-how für den Bau der Atombombe zu kaufen. „In den beiden kritischen Jahren 1958 und 1959 hätten allein die Getreideexporte, die fast genau sieben Millionen Tonnen ausmachten, genügt, um 38 Millionen Menschen täglich mit weiteren 840 Kalorien zu versorgen – dem Unterschied zwischen Leben und Tod“, schreibt Jung Chang.
(…)

Was der STERN damals noch schrieb:

(…)
Fast alles, was in China über Mao erzählt wird, stimmt nicht.
Das fängt mit einfachen Daten an. Die Kommunistische Partei Chinas wurde von Mao 1921 gegründet, heißt es in China, und die angebliche Gründungsstätte in Schanghai gehört heute zu den Sehenswürdigkeiten für Touristen. In Wahrheit entstand die Partei bereits 1920, allerdings ohne Mao. Der sieht sich in jener Zeit noch um, welche politische Gruppe ihm beste Aussicht auf Karriere bietet. „Menschen wie ich sind nur sich selbst verpflichtet, wir haben keine Verpflichtung anderen gegenüber“, notiert er.
(…)

Planet Wissen hat auch einiges zu Mao zusammengetragen:

(…)
Dekadent und unbarmherzig

Mao war kein großer Theoretiker, kein Intellektueller, kein Denker. Die theoretischen Schriften des Marxismus-Leninismus interessierten ihn nie wirklich. Wenngleich Mao seine eigenen literarischen Ergüsse millionenfach unters Volk brachte und als Pflichtlektüre verordnete – und daran vorzüglich verdiente -, ist er doch nicht als kommunistischer Theoretiker in die Literaturgeschichte eingegangen. Maos damals frenetisch gefeierte Phrasen wie „Der Revolutionär muss sich im Volk bewegen wie im Wasser“ zeugen von eher bescheidenem literarischem Talent. Inzwischen gehen etliche Historiker sogar davon aus, dass die meisten seiner Schriften nicht einmal aus Maos eigenen Feder stammen.

Mao war darüber hinaus des Hochchinesischen nicht mächtig, sondern sprach ausschließlich den Dialekt seiner Heimatprovinz Hunan. Mao genoss ungeheure Privilegien und verstieß gegen alle Sittlichkeitsvorstellungen, alle Zwänge und Entbehrungen, die er seinem leidgeprüften Volk auferlegte. Millionenfach starben die Chinesen in der großen Hungersnot zu Beginn der 60er Jahre. Mao aß und trank im Überfluss. Er führte ein ausschweifendes Sexualleben und ließ sich zahlreiche junge Mädchen zuführen, da er fest an die lebensverlängernden Praktiken der taoistischen Tradition glaubte. Er besaß Luxusautos, Villen und Schwimmbäder, auf Sonderkonten verfügte er über enorme Summen, auf die nur er Zugriff hatte.
(…)

Das hielt aber viele Größen aus Politik, Sport, usw. Nicht davon ab, Mao als Vorbild zu sehen. Paul Breitner las während des Trainingslagers mit der Nationalmannschaft demonstrativ in der Mao-Bibel und Henry Kissinger sah ihn als „Mönch der seine revolutionäre Reinheit bewahrt hat“. Dazu der STERN:

(…)
Viele im Westen glauben, China habe, anders als Indien, den Hunger besiegt. Mao persönlich versorgt Bewunderer wie den US-Journalisten Edgar Snow mit Märchen über gigantische Umwälzungen, die dieser in seinem Buch „Roter Stern über China“ verbreitet. Revolutionsromantik mischt sich mit Fernost-Exotik, Unkenntnis mit politischem Kalkül. Paul Breitner liest demonstrativ die Mao-Bibel beim Training der Nationalmannschaft. Der Philosoph Jean-Paul Sartre lobt Maos „revolutionäre Gewalt“ als „tief moralisch“. Der „Spiegel“ würdigt Mao bei dessen Tod als „größten Politiker des Jahrhunderts“, US-Außenminister Henry Kissinger nennt ihn einen „Mönch, der seine revolutionäre Reinheit bewahrt hat“.
(…)

Wie er allerdings wirklich tickte, zeigt wohl eher der Gipfel der Kommunistischen Parteien in Moskau, wo er vorschlug mit einem Atomschlag den „Imperialismus“ zu vernichten. Der STERN dazu:

(…)
In Wirklichkeit ist Mao nur eines wichtig: seine Macht. Die will er auf die ganze Welt ausdehnen. 1957, beim Gipfel der kommunistischen Parteien in Moskau, sieht er seine Stunde gekommen. Stalin ist seit vier Jahren tot, der neue sowjetische Parteichef Chruschtschow umstritten. Als einziger ausländischer Parteiführer wohnt Mao im Kreml, wo ein Zimmer eigens für ihn eingerichtet ist, mit Holzbett und Hocktoilette. Über das weiche Federbett und die westliche Kloschüssel hatte er sich zuvor beschwert.

Die versammelten KP-Führer ruft er zum Atomschlag gegen den Westen auf: „Im schlimmsten Fall stirbt die Hälfte der Weltbevölkerung. Aber der Imperialismus würde ausgelöscht, und die ganze Welt würde sozialistisch.“ Die Zuhörer schauen sich entsetzt an.
(…)

Er meinte wohl das, was er unter „westlichem Imperialismus“ verstand. Seinen eigenen Imperialismus pflegte er hingegen mit aller Leidenschaft:

(…)
Überall im Land lässt er monströse Gebäude für sich errichten. In Shaoshan wird unter dem Decknamen „Projekt 203“ ein gigantischer Wohnkomplex aus Stahl und Beton gebaut, mit eigener Bahnlinie sowie erdbeben- und atombombensicherem Bunker. Ein kompletter Gebirgszug wird dafür abgeriegelt, die Bauern müssen das Gebiet verlassen. Mao wohnt dort ganze elf Tage. Er lebt wie ein Kaiser, regiert wie ein Despot. „Mao war verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten“, fasst Jung Chang das Ergebnis ihrer Recherchen zusammen. „Kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran.“
(…)

70 Millionen Tote in Friedenszeiten. Ja, das Düngen das können sie die Sozialisten.


» Pol Pot – auch eine sozialistische Geschichte
» Holodomor – auch das war gelebter Sozialismus