Mit seinem Bruder, einem Kretin, ging der Junge die Landstrasse hinaus. Wie steif und verordnet er schritt! Das rundköpfige, tapsige Wesen, eines von seinem eigenen Fleisch und Blut, hatte sich bei ihm eingehängt und kicherte unentwegt. Nicht einmal hätte man sagen können, wer von beiden der Ältere war, der Begleiter oder der zockelnde Unverständige, den er ausführte. Der Idiot hielt den Kopf gesenkt, und es lächerte ihn grundlos, im Wesentlichen und schlechthin. Der gerade Bruder zuckte manchmal mit dem Arm, so wie eine nüchterne Dame ihren betrunkenen Mann vom Torkeln abhält und an sich zieht, ja er riss sogar an ihm und zerrte ihn, als das letzte Dorfhaus hinter ihnen lag.

Doch der Schwachsinnige unterbrach sich nur kurz und begann sogleich wieder sein hohes, wimmerndes Kichern abzulassen, als wär’s die einzige Äusserung, Belustigtsein, die sich ihm von Gott und den Menschen mitgeteilt hatte, die einzige zumindest, in deren Übereinstimmung er sich selbst zu äussern imstande war.

(Fortsetzung der „Variationen über den Idioten und seine Zeit“ hier in der NZZ. Sie hat zu diesem neuen Essay von Strauss zusätzlich noch eine Einführung verfaßt. Lektüre zu Pfingsten.)

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7 KOMMENTARE

  1. Von allen Feiertagen hat Pfingsten wohl das schlechteste Marketing erwischt. Kein Weihnachtsmann, kein Osterhase … nur Pfingstochsen 🙂

  2. Botho Strauß:

    Verblödung als rebellischer Untergrund des Geistes interessierte Swift wie Flaubert. Ersterer erreichte sie. Flaubert war sie intime Partnerin seiner Wissensexzesse.

    In Flauberts letztem Roman „Bouvard et Pécuchet“ ist Verblödung aber nicht „rebellischer Untergrund des Geistes“, sondern nur Beschränktheit und trostloses Scheitern in allen Disziplinen. Auf die Dauer langweilig, meinte der Verfasser selbst, „& es wird Zeit, daß das ein Ende nimmt, wenn nicht, nehme ich selbst ein Ende“, schrieb er an Turgenjew. Fand ich auch nach fünfzig Seiten. Irgendwas, und sei’s nur eine Kleinigkeit, hätte den beiden schon gelingen sollen. Flaubert (1821-1880) war ein Hassender:

    „Ich empfinde Hass auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Hass, die mich ersticken. Scheiße steigt mir hoch wie bei einem eingeklemmten Bruch, bis in den Mund. Aber ich will sie bei mir behalten, sie eindicken und daraus einen Brei machen, mit dem ich das 19. Jahrhundert beschmieren werde, wie man die indischen Pagoden mit Kuhfladen vergoldet.“

  3. Nachtrag zu #3:

    Das Flaubert-Zitat stimmt so nicht: Flaubert war nicht „gelangweilt“, sondern erschöpft, „Es wird Zeit, daß das Ende meines Buches kommt, sonst ist es das meine“, schrieb er an Turgenjew. Was dann ja auch eintraf. „Bouvard et Pécuchet“ arte zur „Strafarbeit“ aus, schrieb er, er sei „zermartert und geschlagen“, „wie gerädert“. Einen Monat später war er tot, der Roman erschien posthum.

  4. Der Idiot als Sinnbild hat mindestens 2 Funktionen :
    1. Wir sind zu Idioten degeneriert, in dem wir meinen, alles drehe sich nur um uns, unseren Egoismus. Wir erkennen die wahre Welt nicht mehr. Wir kennen unseren Erlöser unseren Befreier Jesus Christus nicht mehr, wir wollen besser sein als er, wir wollen die Richtung vorgeben, landen aber immer wieder mit unserem verblendeten egoistischen weltverbessernden Denken in der Diktatur. Wir wollen Gott sein, erzeugen aber nichts anderes als die Hölle. Selbstkritik, Umkehr verabscheuen wir. Wir meinen die Herren zu sein, erzeugen aber nur Chaos. Die Hand ist uns <gereicht von Gott.Wir brauchen sie nur zu ergreifen und uns <führen zu lassen, durch seinen Geist, der mit Pfingsten in die Welt gekommen ist.
    Die 2. Variante heißt : Der Idiot ist der Glücklichste. er nimmt nichts von der Welt war, lebt in seinem eigenen begrenzten Raum, hat sich abgeschottet von der Welt, will nichts mehr mit ihr zu tun haben.
    Abschottung und Ignorierung der Herrschaft Gottes sind keine Lösungswege aus unserem heutigen Dilemma. Die Lösung kann nur heißen: Jesus folgen. Er macht uns stark, wer sollte da gegen uns sein ?!

  5. Anmerkung:
    Als Christ will ich keinen Gottesstaat, auch im AT ist nie das Ziel eines Gottesstaates ausgegeben worden. Als Christ lebe ich in der Gesellschaft zum Lob Gottes. Ich halte eine strikte Trennung von Staat und Religion für äußerst wichtig. Nur diese Trennung kann eine gegenseitige Befruchtung bewirken. Trotzdem werde ich als<Christ meine Meinung äußern und meinen Standpunkt offensiv vertreten : Abtreibung ist staatlich sanktionierter Mord,
    Homosexualität entspricht nicht Gottes Gebot.
    Trotzdem werde ich Frauen, die abgetrieben haben und Homosexuelle achten und <respektieren.

  6. Nachtrag zu Sarah Kuttner:
    „Und auf einmal ist die dem linken Spektrum zuzuordnende Kuttner in den Strudel der politischen Korrektheit geraten – welchen sie eigentlich verteidigen wollte.“

    Das könnte man einen „Treppenwitz“ nennen. Er wäre sogar lustig, gäbe es nicht diesen pc-ernen Beigeschmack.

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