Antworten auf eine immer wieder gestellte Frage

„Gehört der Islam zu Deutschland?“ Welche Antworten gibt es 2012 auf die 2010 aufgeworfene Frage? Hier eine kleine Auswahl (mit nachträglichen Hervorhebungen):

Bischof Markus Dröge, evangelische Kirche Berlin:

„Unsere Verfassung spiegelt wider, dass Religion ihr Recht haben muss, wenn sie öffentlich der Gesellschaft dient und sie bereichert. Dafür kann sie eine faire Unterstützung erwarten. Dies gilt nicht nur für die christlichen Kirchen, sondern für jede Religion, die die nötigen Voraussetzungen erfüllt: eine klare Mitgliederstruktur, Transparenz, Verfassungstreue. Religionsgemeinschaften, die sich so organisieren, können den Status der Körperschaft öffentlichen Rechts beantragen. Ich würde mir wünschen, dass eine solche Entwicklung auch für den islamischen Glauben in Gang kommt. Muslime haben (und dadurch auch „der Islam“) die Chance, in diesem Gesellschaftssystem eine Heimat zu haben und auch alle Rechte zu genießen, die unser Religionsrecht bietet: Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, theologische Fakultäten, religiös geprägte Sozialarbeit, Seelsorge und Verkündigung im öffentlichen Raum.“

MdB Erika Steinbach (CDU), menschenrechtspolitische Sprecherin der CDU-CSU-Bundestagsfraktion:

„Der Islam gehört auch zu Deutschland.“ […] „Das war töricht und ich kann das so nicht akzeptieren.“

„In der Türkei wird einem vom Botschafter empfohlen, kein Kreuz um den Hals zu tragen. Für uns eine unvorstellbare Situation.“

Sorgen bereitete ihr vor allem der Auftritt eines Salafisten in einer Fernsehsendung. „Solange wir in der Minderheit sind, achten wir das Grundgesetz’“, sei diese dort gefallene Aussage nicht zu akzeptieren. Steinbach: „Und das in einem öffentlich-rechtlichen Medium, das ist ein Skandal.“

„Wir leben in Deutschland auf dem kulturellen Fundament des christlichen Abendlandes. Jeder, der hier lebt, hat unsere kulturellen Wurzeln zu respektieren und sich nicht darüber zu erheben.“

MdB Kerstin Griese, religionspolitische Sprecherin der SPD Bundestagsfraktion:

„Ich sag eindeutig, wenn die Muslime zu Deutschland gehören, gehört eindeutig auch der Islam dazu, denn Muslime leben ihren Glauben, manchmal sogar intensiver als Christen, und deshalb würde ich sagen: Das kann man nicht auseinanderhalten.“

Professor Abdullah Takim, islamischer Theologe Uni Frankfurt:

„Ich kann nur dazu sagen, dass diese Begriffe wie Reformation und Aufklärung in der Geistesgeschichte Europas eine Epoche darstellen, und diese Entwicklung Europas kann man nicht auf andere Religionen, andere Kulturkreise anwenden, weil das etwas Eurozentristisches ist.
Ich sag aber nicht, dass der Islam keine Aufklärung durchgemacht hat, denn der Koran ist eine Schrift, die sich mit anderen Religionen rational auseinandersetzt. (…) und das wird auch den Muslimen aufgetragen, (…) in dieser Hinsicht kann man sagen, dass die Aufklärung eine Auseinandersetzung mit der Kirche ist, und diese Auseinandersetzung hat im Islam nicht stattgefunden, weil der Islam von Anfang an mit der Ratio keine Probleme hatte. Ich denke, dass Aufklärung, wie Kant das formuliert, ein Prozess ist, und nicht eine bestimmte Epoche bezeichnet.“

Professor Joachim Valentin, katholischer Religionshistoriker Uni Frankfurt:

Die Zeit der rationalen islamischen Theologie sei eine vergangene Epoche des Islam. Sie habe im damals islamisch besetzten Spanien zur Zeit des europäischen Mittelalters vorgeherrscht. Eine Theologie, so Valentin, „…die sich dem griechischen Denken verdankt, Aristoteles, die sich kritisch mit Glaubensinhalten auseinandergesetzt hat, im Islam leider nur wenig Echo gefunden hat, wenig Geschichte gehabt hat, die aber über die theologische Fakultät von Paris über Thomas von Aquin und andere christliche Theologen zur Entstehung einer systematischen Theologie und damit letztlich auch der Aufklärung im christlich – und jüdisch geprägten Europa beigetragen hat.“

Für den heutigen Islam fordert Joachim Valentin ein neues Verhältnis zur Rationalität ein. Auch müsse der Koran, wie die Bibel, stärker als historischer Text betrachtet werden, der menschlichem Einfluss ausgesetzt war.

„Schriftkritik ist eine Form von Rationalität. Eine andere ist die, eine Religion mit den Inhalten der aufgeklärten Philosophie zu konfrontieren, (…) da reden wir von den Menschenrechten, da reden wir von der Trennung von Staat und Religion. Das wäre aber eine Rationalität die an den Islam auch nicht von außen herangetragen würde, sondern die an die Tradition der aristotelisch geprägten Theologie im Mittelalter anknüpfen könnte.“

Für Valentin sind die Verständigungsprobleme zwischen Islam und europäischer Moderne ohne Beschäftigung mit der Ideengeschichte und ohne Auseinandersetzung mit dem Begriff der Rationalität nicht zu lösen.

Rainer Grell, Leitender Ministerialrat a. D., Stuttgart:

Bundespräsident Theodor Heuss hat 1950 erklärt „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“ Bundespräsident Joachim Gauck hat (im Gegensatz zu Wolfgang Schäuble und Christian Wulff) offenbar begriffen, um welche Dimension es bei einer solchen Aussage geht. Die Islamverbände sind jetzt sauer, weil es ihnen nicht um Menschen, sondern um Macht geht. Dabei werden sie und andere nicht müde zu betonen, dass es „den“ Islam gar nicht gibt. Wie kann dieser also zu Deutschland gehören? Welcher Islam sollte es denn auch sein: der sunnitische, schiitische, wahabitische, alevitische, salafitische (um Gottes willen, nein), der konservative, fundamentalistische, orthodoxe oder nur der „moderate“? Hierzu hat allerdings der türkische Ministerpräsident Erdogan uns wissen lassen: „Es gibt keinen moderaten oder nicht moderaten Islam. Islam ist Islam, und damit hat es sich.“ Was nun?