Buchbesprechung: Imageproblem – Das Bild vom bösen Islam und meine bunte muslimische Welt

Das Buch von Anja Hilscher mit den rosa Orientpantoffeln auf dem Cover wird auf Amazon mit folgenden Sätzen beworben: Von wegen, den Islam kennen! Hier wird all denen, die meinen, vom Islam nun wirklich alles zu wissen, einmal gehörig der Kopf gewaschen! Temporeich, frech und ausgestattet mit einem ziemlich anarchischen Humor zeigt Anja Hilscher, wie islamisches Denken und Leben wirklich geht. Ob sie über das Gottesbild erzählt oder über die islamischen Gebote, über religiösen Fanatismus, islamische Machos oder den Sinn des Lebens – so überraschend anders und bunt bekommt man diese Religion selten präsentiert. Und das Beste: Die vielen freundlichen Züge, die man in diesem Buch an der ach so finsteren Lehre Mohammads entdecken kann, kann die Autorin auch noch aus der Tradition des Islam begründen!

(Von Jerry Blackwater)

Nachdem auch noch die insgesamt 15 Leserbewertungen auf Amazon.de 13mal gut bis sehr gut ausfielen, mit begeisterten Erläuterungstexten wie „Dieses Buch ist toll! Witzig, lehrreich, leicht zu lesen, und brandaktuell. Und das Beste: Man muss danach seine Schubladen umsortieren“, wollte ich doch mal sehen, ob der Inhalt des Buches hält, was so viele versprechen. Hier die Zusammenfassung:

Nach dem Vorwort, was sie denn an Vorurteilen und Missverständnissen alles zu recht rücken möchte, stellt sich Hilscher gleich zu Beginn des ersten Kapitels auf ihr eigenes intellektuelles Podest, indem sie prophylaktisch alle mit anderer Meinung als Schwachköpfe darstellt. Konkret sei „Wir sind doch ganz anders als die“ zur Abgrenzung von Muslimen das idiotischste aller Argumente und der Ausdruck „wir Deutschen“ sei noch dämlicher als „wir Christen“. Sie vermutet, dass ihre Gesprächspartner häufig überfordert seien von viel neuem geistigen Input, empfiehlt deshalb die Kapitel mehrfach zu lesen und warnt vor dem ansteigenden Schwierigkeitsgrad in diesem Buch. Da ist der geneigte Leser gespannt, was denn nun dieses Kapitel an schwieriger Erkenntnis vermitteln will: nach islamischem Verständnis wird jeder Mensch als Muslim geboren und Hilscher liefert auch die etymologische Begründung; Islam und Muslim sind vom gleichen Wortstamm abgeleitet und transportieren als Bedeutung „heil sein“ oder „unversehrt“. Babys sind heil und unversehrt, also per Definition Muslime. PI-Leser dürften kaum überrascht sein, dass Muslime die Welt so sehen und dass in der Tat in den Hadithen mit einem bedauernden Unterton steht „Alsdann machen seine Eltern aus ihm einen Juden, Christen oder Zoroastrier.“ Jetzt wird auch klar, warum Hilscher es für dämlich hält, von „wir Christen“ als Abgrenzung von den Muslimen zu reden, weil für sie als bekennende Muslimin jeder Christ und jeder Deutsche ganz zu Beginn mal Muslim war.

Im weiteren Kapiteln erklärt Hilscher völlig korrekt, dass „Allahu Akhbar“ mit „Allah ist größer“ zu übersetzen sei und Islam entweder mit „Hingabe“ oder „Unterwerfung“, je nach dem ob freiwillig oder eben nicht. Auf muslimische Fanatiker geht Hilscher mehrfach ein und charakterisiert sie als “mikroskopisch kleine Minderheit“, “freudlos guckende Typen“, “die überhaupt nichts kapiert“ haben. Sie erläutert einerseits das Missverständnis von den 72 Jungfrauen im Paradies und räumt in dem Kapitel „Unangenehm extrem“ auch ein, dass Muslime irgendwie zum Übertreiben neigen. In dem Kapitel über die „Gleichberechtigung“ interpretiert Hilscher durchaus sachkundig die ihr genehmen Koranpassagen und räumt ehrlicherweise ein: „In Bezug auf das Thema Frauen schieden sich sowohl die Geister als auch die islamische Theorie und Praxis leider schnell und nachhaltig“. Gleich zwei Kapitel sind dem Kopftuch gewidmet, in dem Hilscher erwartungsgemäß ihre Erfahrungen und Sichtweise als Kopftuchträgerin wiedergibt. Sehr interessant sind ihre Ausführungen in dem Kapitel „Islam – die Ökoreligion“: Muslime in den Golfstaaten seien besonders reinliche Menschen. Daher überprüft dort den Ölstand immer der pakistanische Chauffeur und die Windeln des Nachwuchses werden immer vom äthiopischen Hausmädchen gewechselt. PI-Leser dürften ob dieser Information nicht sonderlich überrascht sein. Auch in diesem Kapitel ist Hilscher absolut ehrlich: Was den Umgang mit Tieren angeht, sei der Widerspruch zwischen Hilschers Interpretation islamischer Lehre und der tatsächlichen Praxis haarsträubend. Augenscheinlich versucht sie, mit Mohammed-Geschichten zur Gründung von Naturschutzgebieten im frühen Islam ihre Glaubensbrüder zu einem Umdenken zu bewegen.

Im vorletzten Kapitel beklagt Hilscher, dass eine gebildete und emanzipierte Bekannte bei einer Talkshow ausgeladen worden ist und durch einen radikalen Prediger in Wallegewändern ersetzt worden ist. Damit meinte sie leider nicht den Fall Sabatina James bei Maischberger, sondern eben eine Muslima, die ihren Wunsch-Islam repräsentieren könnte, als „aufgeschlossen, unfanatisch, lebendig, überzeugend, voller Mystik und eine ernst zu nehmende Lebensalternative.“ Im selben Kapitel geht Hilscher kurz auf Saudi-Arabien ein: „Dort ist die Heimat der rigidesten und gewaltbereitesten aller islamischen Strömungen – des Wahhabismus, der im achtzehnten Jahrhundert entstand und jetzt mit Hilfe vieler Petrodollars weltweit verbreitet wird.“ Hier braucht man nur deren offenkundigen weltweiten Einfluss beachten, die Salafisten und die Muslimbruderschaft und weitere radikale Gruppen hinzuzählen, um zu sehen, dass sich Hilscher mit ihrer “mikroskopisch kleinen Minderheit muslimischer Fanatischer“ erheblich irrt. Indirekt bestätigt sie dies mit ihrer Aussage „Nicht der Islam hat es nötig, eine Aufklärung zu durchlaufen“ wohl aber das „Gros der Muslime“. Sie äußert den frommen Wunsch, die Tage seien gezählt, dass die Mehrheit der Muslime vor allem durch Drohungen, soziale Kontrolle und Gruppenzwang bei der Stange gehalten wurden. Dass sich Hilscher in ihrem naiven Glauben an einen „neuen Islam“ leider ebenfalls gründlich irrt, kann man am Verlauf des arabischen Frühlings allzu deutlich erkennen. Und darauf, dass man sich in der muslimischen Gesellschaft auf „das lange brutal unterdrückte weibliche Potential“ besinnen wird, darauf wird Hilscher warten dürfen, bis die Sonne im Westen aufgeht, wie es ebenfalls nach ihren Angaben in den Hadithen heißt.

Es ist Hilscher unbenommen, den Dschihad in ihrem Islamverständnis als „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ zu interpretieren und Mohammed als vormodernen Frauenversteher zu sehen. Damit mag es ihr gelingen, den Lesezirkel auf Lovelybooks den Traum vom angeblich so schönen Al Andalus träumen zu lassen. Der dominierende Islam sieht ganz anders aus. Wer verstehen möchte, warum das so ist, sollte lieber Artikel wie The Terrifying Brilliance of the Islamic Memeplex lesen.