Necla Kelek: Muslime beim Arztbesuch

Ich sitze im Wartezimmer der Praxis der einzigen türkischstämmigen Allgemeinmedizinerin in einer deutschen Großstadt. Es warten ausschließlich türkische Patienten in dem hellen, freundlichen Raum mit modernen Möbeln. Über dem Anmeldetresen hängt eine Auszeichnung für die »besten« Arzthelferinnen der Stadt. Nach mir betritt ein älteres Ehepaar die Praxis. Er, über sechzig, mit Bart und Strickkäppi klar als frommer Muslim ausgewiesen, wie auch seine Frau, die sich mit Kopftuch und langem Mantel gleich auf die linke Seite des Wartezimmers zu den anderen verschleierten Frauen setzt.

Er begrüßt mit einem »Selamün aleyküm« seine »Brüder« auf der rechten Seite.
Sein Nachbar fragt ihn auf Türkisch: »Warum hat Allah dich hierhergeführt?«
»Ich habe etwas mit dem Magen, und es soll herausgefunden werden, ob es etwas Ernstes ist. Wenn es so ist, soll es wohl so sein.«
»Ja, ja«, sagt sein Nachbar, »wenn Allah es vorgesehen hat, dann kannst du nichts machen.«
»Ja, Allah bilir, nur er weiß es. Allah sei Dank war ich schon drei Mal bei der Hadsch [Pilgerreise nach Mekka]. Was die Ärztin auch sagt, ich bin vorbereitet. Und was führt dich, mein Bruder, hierher?«
»Ach, ich brauche nur eine Spritze«, antwortet der Mann, »ich bin seit drei Monaten bei meiner Tochter zu Besuch. Wir waren bei einem deutschen Arzt, aber der wollte es nur mit Geld machen. Was will er Geld? Es ist doch nur eine Spritze. Wir haben gehört, dass hier eine türkische Ärztin ist. Sie wird es machen, es ist doch nur eine Spritze.«
»Warum bist du hier?«, fragt eine Frau neben mir ihre Nachbarin, die auch mit Kopftuch und langem Mantel im Wartezimmer sitzt.
»Ich komme aus einer kleinen Stadt, etwa eine Stunde mit dem Auto von hier, und will zu einer türkischen Ärztin. Die versteht mich. Ich habe ständig Kopfschmerzen, mir ist übel, ich muss mich ständig übergeben. Die anderen Ärzte konnten mir nicht helfen. Vielleicht hilft mir unsere Schwester.«
»Ich brauchte ihr nicht einmal zu sagen, was ich habe«, bestätigt die andere Patientin, »sie hat sofort gesehen, dass mit meiner Schilddrüse etwas nicht in Ordnung ist.«

Die Allgemeinmedizinerin teilt die Praxis mit einem anderen türkischen Arzt. Ich frage sie, was ihre Praxis von einer mit deutschem Arzt und deutschen Patienten unterscheidet. Sie sagt, es ist nicht nur die Sprache, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Körper, und wie man damit umgeht. So beschreiben türkische-Patienten Symptome ganz anders als deutsche. Da sagt jemand, »mir ist die Galle geplatzt«, wenn er meint, dass er sich über etwas geärgert hat. Wenn man das nicht weiß, führt das zu Missverständnissen. Es ist der gesamte kulturelle Hintergrund, erläutert sie, und der führe zu spezifischen Krankheiten.

Auffällig viele Frauen zum Beispiel hätten Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen und Depressionen. Sie führt das auf die familiäre Situation zurück. Zum einen sei die Aufklärung über gesunde Ernährung und Hygiene mangelhaft. Kinder würden schon in frühen Jahren ausschließlich zuckerhaltige Limonaden trinken, hätten entsprechend schlechte Zähne und litten häufig an Übergewicht und Bewegungsmangel. Zum anderen würden die Frauen schon in jungen Jahren verheiratet, bekämen früh zwei, drei Kinder und seien an die Wohnung, den Haushalt, gebunden. Während in der Gesamtbevölkerung eine von zwölf Frauen nach einer Schwangerschaft Probleme mit der Schilddrüsenfunktion hätte, sei der Anteil bei türkischen Frauen signifikant höher.

Etwas anderes beunruhigt die Ärztin weit mehr. Immer wieder muss sie Familien besuchen, deren Töchter einen Selbstmordversuch unternommen haben. Die Selbstmordrate bei jungen türkischen Frauen sei unverhältnismäßig hoch. »Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich gerufen wurde und manchmal sogar einen Totenschein ausstellen musste«, sagt sie. Sie kann die Ursachen klar benennen. Zum einen ist körperliche Gewalt in türkischen und vor allem kurdischen Familien an der Tagesordnung. Frauen und Kinder werden wie selbstverständlich geschlagen.

Und je größer der Familienclan, desto mehr verschließt sich die Familie nach außen, was für die Frauen eine besonders enge Kontrolle bedeutet. Und das kann auch sexuellen Missbrauch befördern — ein absolutes Tabu in der türkisch-kurdischen Gemeinschaft, meint die Ärztin. Sie weiß nicht, wie man dem wirksam begegnen könnte, denn wenn man Missbrauch öffentlich mache, werde noch mehr im Geheimen geschehen. Die Situation ist tragisch.

Da ein Mädchen nach der Vorstellung der Männer als Jungfrau in die Ehe gehen muss, werden die Mädchen meist anal vergewaltigt. Täter können die eigenen Väter, Brüder, Onkel sein. Manchmal über Jahre hinweg. Manche Mädchen reagieren mit Bulimie, Depression oder Suizid, oder sie können aufgrund des Missbrauchs ihren Stuhl nicht mehr halten. Andere entfliehen dem Martyrium, indem sie sich verheiraten lassen. Oder bringen sich eben um.

Die Ärztin will die Frauen nicht ihrem Schicksal überlassen. Sie geht neben ihrer Arbeit in der Praxis in Schulen und Kindergärten, auf Elternabende. »Ich liebe meinen Beruf, aber ich weiß nicht, wie lange meine Kraft reichen wird. Es ist für einen Menschen einfach zu viel, was ich höre, was ich erlebe und was von mir erwartet wird.«

(Necla Kelek, Chaos der Kulturen, Köln 2011, S. 122 ff. Wir haben über das neue Buch schon kurz berichtet.)