Drygalla: Offener Brief von Bettina Röhl an Gauck

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, wenn der Antifaschismus zum Faschismus verkommt, dann wird es für das Grundgesetz, für die Verfassung in Deutschland, eng. Das trifft zumindest dann zu, wenn der pervertierte Antifaschismus medialisierter Mainstream ist und alle Verdächtigungs- und Hetzstrukturen funktionieren und das Netz engmaschig das Grundgesetz erwürgt; in eine solche Richtung entwickeln sich Teile der Gesellschaft beklagenswerter Weise.

Von dieser Entwicklung sind nicht nur der politische und der kulturelle Bereich betroffen. Auch die eher privaten Räume, zum Beispiel im Internet, sind von Phänomen wie menschenverachtendem Mobbing oder Rufmord bis hin zur Existenzvernichtung und in einzelnen Fällen dem Setzen eines Selbstmordrisikos des Opfers betroffen. Am schlimmsten ist es naturgemäß, wenn die Institutionen des Rechtsstaates selber, wozu sich ja die Presse gern zählt, von einer solchen Fehlentwicklung infiziert sind.

Gesellschaftliche Verwerfungen einer zunehmenden öffentlichen Akzeptanz von Treibjagden gegen einzelne Menschen unter offenkundiger Inkaufnahme von Rechtsbrüchen zu deren Lasten sind erschütternd und sie erschüttern das Grundgesetz. Und sie entsetzen und erschüttern sehr viele Menschen im Land.

Die Beweislastregeln, wichtigster Bestandteil eines konstitutiven Rechtsstaates, werden derzeit von einem Mob in den Medien und in der Politik und in einem heuchlerisch verkommenen Sportmanagement nicht nur missachtet, sondern quälerisch genüsslich in ihr Gegenteil verkehrt.

Es macht offenbar einigen anfälligen Menschen Spaß die Sau mal richtig raus zu lassen und auf Menschenjagd zu gehen, jedenfalls dann, wenn man sich tausendprozentig der Zustimmung seines Mobs sicher ist und an der moralischen Höchstlegitimation seines Tuns so gar keinen Zweifel zu haben braucht und auch nicht befürchten muss, dass die freigelassene Sau als Solche erkannt wird; schließlich ticken ja alle im angeschalteten Mainstream gleich. Und die Mainstreamer wissen, dass ihr Opfer mit Namen Nadja Drygalla keinen Verteidiger hat, weil jeder, der sie verteidigen würde, kollektiv von derselben Rotte vernichtet würde.

Menschenjagd macht Spaß! Nicht jedem, aber den dafür anfälligen Menschen!

Dieser ganz spezielle Shitstorm – nicht etwa in den unsäglichen Foren, die es gibt, sondern von ganz Oben aus dem Establishment gegen eine Sportlerin, die sich aus der Sicht allzu Vieler plötzlich anbot gehetzt zu werden – ist menschenunwürdig. Die inzwischen weltweit von den etablierten Medien ausgemachte „Nazibraut“ gibt es nach dem bisherigen Sachstand so nicht. Der Fall ist ein Beleg für die Perversion des sogenannten Antifaschismus. Die Aufklärung kippt in die Barbarei (Adorno).

Weiter auf Bettina Röhls Blog „Der Mainstream“…

(Spürnase: Thomas D.)