Ein Gespräch über die Beschneidung im Judentum

Kinder in IsraelN-TV berichtet über einen Arzt aus Gießen, Guevara Kramm, der den jüdischen Beschneider David Goldberg aus dem oberfränkischen Hof angezeigt hat. Der Vorwurf lautet „schwere Körperverletzung und Misshandlung“. Der Beschneider würde auf seiner Internetseite „medizinisch nicht indizierte operative Genitaloperationen an nicht einwilligungsfähigen Säuglingen“ bewerben. Auf diesen Fall hat mich heute ein Bekannter aus Israel angesprochen. Er bat mich, meine Landsleute doch mal zu fragen, warum kein islamischer Beschneider angezeigt wurde, sondern ein jüdischer.

(Gastbeitrag von D.Mark)

Erst einmal weiter bei N-TV zu dem konkreten Fall:

Goldberg habe weder eine Zulassung als Arzt noch hinreichende medizinische Kenntnisse. Laut Kramm führt Goldberg die Eingriffe überdies an medizinisch ungeeigneten, unsterilen Plätzen durch.

Goldberg äußerte dazu, dass er mit den Beschneidungen fortfahren würde, sie auch weiterhin ohne Betäubung durchführen würde. Er vermutet „antisemitische Motive“ hinter der Anzeige. Hiergegen wehrt sich Kramm:

Kramms Motive sind nach eigenen Angaben alles andere als antisemitisch. “Ich sehe mich dem Schutz der Kinder verpflichtet, und das gilt nicht nur gegenüber rituellen Beschneidern, sondern auch gegenüber ärztlichen Kollegen”, sagte er.

Der Ethikrat hat in der Zwischenzeit getagt und Vorschläge zur Lösung des Problems gemacht. Diese sehen unter anderem eine „qualifizierte Schmerzbehandlung“ vor. Als medizinischer Laie stelle ich mir darunter eine lokale Betäubung vor (falls diese in der sensiblen Körperzone und bei Kindern überhaupt praktikabel ist) oder eben eine Vollnarkose, wie sie ja auch heutzutage bei ambulanten OPs möglich ist.  Und natürlich ist auch an die Gabe von Schmerzmitteln zu denken, bis zum Abheilen der Wunde.

Außerdem gibt es zu berichten, dass der israelische Oberrabbiner Yona Metzger zu einem Besuch in Deutschland war, um für die Anliegen der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu werben. Yona Metzger sagt:

“Wir geben dem Säugling einen Tropfen süßen Weins, dann schläft er ein”, sagte er. Das Kind spüre den Eingriff nicht, und in der Regel gebe es keine Komplikationen. Ein Trauma erfahre das Kind nicht, denn es vergesse, dass es beschnitten wurde. Eine örtliche Betäubung lehnte Metzger ab. “Das jüdische Religionsgesetz fordert, dass es natürlich von sich geht”, sagte er. Die Beschneider verrichteten ihr Handwerk besser als Ärzte, sagte Metzger.

Wie man unschwer erkennen kann, prallen hier Welten aufeinander, weswegen es ja auch schon ausgedehnte Diskussionen auf Politically Incorrect zu dem Thema gab, das sehr viele Aspekte enthält:

– unsere Grundrechte (körperliche Unversehrheit, freie Religionsausübung, Erziehungsauftrag der Eltern)

– medizinische Aspekte (Wie wird es in der Praxis gemacht? Kann man das verbessern? Bleibt der religiöse Ritus dann gewahrt? Ist Beschneidung evt. sogar medizinisch sinnvoll? Oder gibt es ein hohes Risiko von Komplikationen? Gibt es ein Trauma?)

– religiöse Aspekte (Ist der Ritus wirklich erforderlich? Gibt es dazu eine Diskussion im Judentum? Was sagt der Tenach? Was sagt der Koran zur Beschneidung bei den Moslems? Sind damit nicht Tür und Tor für die Einführung aller möglichen religiösen Praktiken geöffnet?)

– historische Aspekte (Warum entflammt die Diskussion ausgerechnet in Deutschland? Steckt Antisemitismus dahinter? Sind die Deutschen aus historischen Gründen verpflichtet, dieses Ritual nicht als Körperverletzung zu werten?)

– nicht zu vergessen: sexuelle Aspekte, denn es handelt sich ja nun mal um das Geschlechtsorgan, an dem der Eingriff vorgenommen wird

Das alles ist schon X-fach diskutiert worden und eigentlich hatte ich mir auch schon eine Meinung gebildet… Die sieht so aus, dass ich es generell störend finde, dass in unserer Gesellschaft seit geraumer Zeit ständig über religiöse Fragen diskutiert werden muss. Ich mag das nicht, obwohl ich selber ein gläubiger Mensch bin. Ich bin es gewohnt, als Christ meinen Glauben unauffällig zu praktizieren. Mich nervt es, dass wir dauernd gezwungen sind, uns mit anderen Glaubensinhalten auseinander zu setzen, während sich das Christentum als anpassungsfähig zeigt, sich dezent verhält und kaum noch Diskussionsstoff liefert. Können die anderen das nicht auch, sich einfach dezent und kompatibel verhalten?

Und wenn wir dann in den Strudel religiöser Diskussionen hineingezogen werden, ist es auch noch schwierig, sich „richtig“ zu verhalten. Darf ich beispielsweise einem Juden sagen, dass ich die Beschneidung für unzeitgemäß und unzumutbar halte und es frech finde, wie man sich über unsere Gesetze hinwegsetzen will?

Ich hab das heute einfach mal gemacht. Mit einem Juden darüber diskutiert. Mehr als drei Stunden. Im Gegensatz zu mir ist er Atheist, aber er hat die Beschneidung verteidigt wie ein Löwe! Und das ist es, was er sagte:

Warum wird ein Jude bei euch angezeigt? [Es geht um den oben genannten Beschneider Goldberg – der Fall steht in Israel in allen Zeitungen!] Bei euch wird ein Jude angezeigt, weil ihr ganz genau wisst, dass das keine Konsequenzen hat. Kein Mob wird eure Häuser niederbrennen. Warum wurde kein islamischer Beschneider angezeigt? Weil ihr Angst vor den islamischen Reaktionen habt! Man würde eure Häuser niederbrennen, während ihr von den Juden nichts zu befürchten habt.

Tja, gute Frage. Ein Blick auf die aktuellen Webseiten der vom Staat hofierten Moslemverbände zeigt:

VIKZ:

Neben den verschiedenen Kursen bietet der Verband seinen Mitgliedern und auch anderen Interessenten die Möglichkeit, in seinen Gemeinden verschiedene Feierlichkeiten wie Hochzeiten, Verlobungen und Beschneidungsfeste (sünnet merasimi) nach islamischem Ritus zu veranstalten.

Ditib:

Zu den religiösen Diensten gehören: (…) Religiöse Begleitung der Beschneidungszeremonien

Wieso hat Herr Kramm nicht den Verein Islamischer Kulturzentren oder die Ditib angezeigt? Oder jemanden in Hessen? Er sagte ja wörtlich: “Ich sehe mich dem Schutz der Kinder verpflichtet, und das gilt nicht nur gegenüber rituellen Beschneidern, sondern auch gegenüber ärztlichen Kollegen”. Da gibt es zum Beispiel eine Praxis in Frankfurt, wo selbst Patienten, die wegen anderer Indikationen kommen, ohne Vorhaut nach Hause gehen.

Das kommt in Israel sehr negativ rüber, dass Dr. Kramm es mit seiner Anzeige auf einen jüdischen Beschneider abgesehen hat. Überhaupt hat mein Gesprächspartner den Eindruck, dass die Juden jetzt vorgeschickt werden, um für die Moslems das Beschneidungsrecht zu erstreiten. Das ist auch mir aufgefallen und in diesem Punkt waren wir uns einig.

Danach haben wir uns über die medizinische Seite unterhalten. Da waren wir uns wiederum nicht einig, denn ich hatte ja in der Zwischenzeit etwas über Komplikationen und Traumata gelesen. Mein Gesprächspartner in Israel hat selber Beschneidungen beigewohnt und meint, das ginge sehr schnell und sei eine Sache von einer halben Minute, „vergleichbar mit Fingernägelschneiden“.  Es ginge um die „Entfernung von etwas Lästigem, Überflüssigem“. Die Babies würden nicht viel davon mitbekommen – weil man ihnen vorher etwas Wein einflößt. Letzteres hatte ich schon in der Zeitung gelesen und versuchte klar zu machen, dass das Einflößen von Wein bei Säuglingen mit Sicherheit in Deutschland verboten ist. Er lachte und fragte, was Eltern hier denn überhaupt frei entscheiden dürften? In Israel dürfte jedes Kind am Sabbat am Wein nippen.  Es kristallisierte sich heraus, dass das religiöse Recht mit dem Familienrecht eng verwoben ist und der Staat sich da nicht einzumischen hat. Die Eltern könnten in Israel auch frei entscheiden, ob ein Mohel (Beschneider) ins Haus kommt oder ob man das im Krankenhaus machen ließe. Es sei noch kein Kind gestorben und von Komplikationen sei ihm nichts bekannt. Wieso bei uns die Eltern keine Entscheidungsfreiheit hätten?

Ich finde auch, dass Eltern hier immer weniger Entscheidungsfreiheit haben. Ich konnte zum Beispiel nicht entscheiden, ob mein Sohn eine Moschee besucht oder nicht. Er wurde schon zwei Mal von der Schule aus in eine Moschee geschleift. In den Kindergarten durften keine Wurststullen mitgenommen werden, in die Grundschule keine Gummibärchen. Alles aus religiöser Rücksichtnahme… wobei meine religiösen Gefühle dadurch verletzt wurden. Aber danach hat mich nie einer gefragt…

Ich versuchte dann zu erklären, dass bei uns der elterlichen Erziehung durch Gesetze Grenzen gesetzt sind – zum Kindeswohl. Und das man das doch akzeptieren müsse, wenn man in diesem Land lebt. Warum wir Minderheiten Rechte zugestehen sollen, die der Mehrheit verwehrt sind? Obwohl die Bibel die Züchtigung meines Sohnes empfiehlt, seien mir vom Gesetzgeber die Hände gebunden. Man würde mich sehr schnell auf den Boden der Gesetze zurückholen, falls ich mich da auf die Bibel berufen würde. Wir haben dann ziemlich lange über das Durchstechen von Ohrläppchen diskutiert und kamen auf keinen gemeinsamen Nenner.

Ich fragte im Zusammenhang mit Gesetzen, was er von einer Verschiebung der Zeremonie in das Alter der gesetzlich festgelegten Religionsmündigkeit hält. Nichts, weil es dann nicht mehr der biblischen Vorschrift entspricht. Und obwohl er nicht an das glaubt, was in der Bibel steht, erzählte er mir von einer Begebenheit bei Mose. Mose wollte nämlich seinen Sohn nicht beschneiden. Das machte dann seine Frau:

Unterwegs am Rastplatz trat der Herr dem Mose entgegen und wollte ihn töten. Zippora ergriff einen Feuerstein und schnitt ihrem Sohn die Vorhaut ab. Damit berührte sie die Beine des Mose und sagte: Ein Blutbräutigam bist du mir. Da ließ der Herr von ihm ab. «Blutbräutigam», sagte sie damals wegen der Beschneidung. (2. Mose4,24)

Immerhin einigten wir uns darauf, dass die Beschneidung einen Bund des Volkes mit Gott darstellt, also für die jüdische Nation steht und nicht unbedingt einen erforderlichen Ritus darstellt, um den jüdischen Glauben zu praktizieren. Kein Unbeschnittener wird der Synagoge verwiesen. Mein Bekannter sagte, dass man über die Beschneidung zur jüdischen Nation gehört und danach jederzeit frei entscheiden kann, was man glauben will. Wer dann Christ werden würde, würde trotzdem noch zur jüdischen Nation gehören. Er als beschnittener Atheist würde genauso dazugehören. Aus israelischer Sicht geht es also um mehr als um die Religion. Es geht um ein Zusammengehörigkeitsgefühl des jüdischen Volkes. Dass das wichtig ist, kann ich anhand der Geschichte und der Gegenwart des Volkes Israel natürlich gut nachvollziehen. Das ist aus meiner Sicht auch der einzige akzteptable Grund für eine Ausnahmegenehmigung. Dann fände ich es allerdings grundverkehrt, wenn andere Religionsgemeinschaften als „Trittbrettfahrer“ davon profitieren. Die islamische Ummah definiert sich nämlich nicht über die Beschneidung. Das hier konnte man Mitte Juli noch auf der Webseite des Zentralrates der Moslems lesen. Es wurde in der Zwischenzeit durch einen anderen Text ausgetauscht.

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Bei den Juden sieht das wie gesagt anders aus, es ist sehr zentral. Und ich befürchte, dass wenn die Juden keine Ausnahmegenehmigung bekommen, sie auswandern werden. Man kann nicht mit acht Tage alten Babies durch die Gegend reisen. Keiner kann wollen, dass die Juden das Land verlassen. Und obwohl mein Freund aus Israel Atheist ist, ist er sehr aufgebracht – von daher kann man sich dann ungefähr vorstellen, was gläubige Juden denken:

Ich habe das Gefühl, dass Juden in Deutschland wieder verfolgt und gejagt werden, weil sie anders sind. Ihr müsst wissen, dass selbst säkulare und atheistische Juden, die seit Generationen nicht die Religion praktizieren, die Beschneidung beibehalten. Wir tun dies, um ein Teil der Nation zu bleiben. Es ist sehr wichtig! Ich befürchte, dass es zu einem Kampf der Religionen kommen würde, wenn man uns zwingen würde, das aufzugeben. Radikale Juden wären bereit, für dieses Recht zu kämpfen. Unser Präsident Perez, der nicht orthodox ist, hat einen dringenden Brief an euren Präsidenten geschrieben, um unsere Gefühle klar zu machen. Es ist der tiefste Punkt für Juden in Deutschland seit 1945. Das ist es, was die Menschen fühlen, auch hier in Israel.

Was nun? Ich bin nach diesem langen Gespräch nach wie vor der Meinung, dass das Ritual wenigstens in der Moderne ankommen sollte, also in sterile, medizinisch ausgebildete Hände gelegt werden sollte, inklusive Betäubung. Ist das zu viel verlangt? Denn schon das wird ja als Einmischung empfunden… Dabei ist Israel ein so modernes, fortschrittliches Land. Verschiedentlich konnte man in letzter Zeit lesen, dass der Holocaust die Diskussionen im sogenannten Reformjudentum zum Erliegen gebracht hat und sich die Frage nach einer Reform der Beschneidung seitdem nicht mehr gestellt hat (siehe Deutschlandradio Kultur). Oder Lorenz S. Beckhardt in der Frankfurter Rundschau:

Mein Vater erlebte dieses körperliche Merkmal jedoch als verräterisch in den Augen der ihn verfolgenden „arischen“ Mehrheit. „Deshalb hielt ich es für besser, dich nicht als Juden in Deutschland aufwachsen zu lassen“, begründete er die Unterlassung. Dennoch saß er Jahre später stolz neben der Liege, auf der ich von einem jüdischen Arzt beschnitten wurde. Mein Vater, der alle Religionen gleichermaßen verabscheut, sich aber selbstverständlich als Jude versteht, sprach stolz die hebräischen Worte, mit denen ich „in den Bund Abrahams“ aufgenommen wurde. Denn die Beschneidung ist nicht nur ein religiöses Ritual, sie ist auch das Symbol des Überlebens. Mit ihr bin ich in die Linie meiner Groß- und Urgroßväter eingetreten, die verfolgt und ermordet wurden. Die Beschneidung ist ein Sieg über Hitler. Wir sind noch da. Wir leben.

„Dennoch. Könnt ihr nicht eine moderne Variante entwickeln?“, fragt die nichtjüdische Mehrheit. Gäbe es nicht ein Ritual, das eine die körperliche Unversehrtheit des Individuums achtende Gesellschaft tolerieren würde? So unblutig wie die Taufe etwa? Eine berechtigte Frage.

Doch für uns Juden verläuft die Debatte fatal. Sie trifft uns zur Unzeit – bis ins Mark. (…)

Denn die nichtjüdische Mehrheit ignoriert in ihrem Eifer, in welchem Zustand sich das deutsche Judentum seit 1945 befindet und, dass es ohne die Schoah die Beschneidung gerade in Deutschland in ihrer heutigen Form womöglich kaum mehr gäbe.

Schon im 19. Jahrhundert nannte der in meiner Geburtsstadt Wiesbaden amtierende, berühmte Reformrabbiner Abraham Geiger die Beschneidung einen „barbarisch blutenden Akt“. Geiger, der 1874 starb, war einer der Begründer des liberalen Judentums, das von Deutschland aus die jüdische Welt eroberte. 50 Jahre nach Geigers Tod gab es in Wiesbaden 30.000 Juden, darunter nur noch 100 orthodoxe. Die liberale Mehrheit hatte sich bis zur Unkenntlichkeit in die bürgerliche Gesellschaft integriert.

Die Frage, ob Beschneidungen sein müssen, wird im liberalen Judentum, dem heute weltweit die meisten Juden zugehören, seit Geigers Zeiten diskutiert (…) Deutschland ist der Geburtsort jener Ideen, die das Judentum in die Moderne geführt und den Juden den Weg zur rechtlichen Gleichstellung geebnet haben.

Hätte man uns diesen Weg weitergehen lassen, gäbe es heute mit hoher Wahrscheinlichkeit eine moderne Alternative zur Beschneidung (…) Doch der Weg des deutschen Reformjudentums endete nicht in der Moderne, sondern in Auschwitz. Die Überlebenden verließen das Land der Mörder. Übrig blieb ein kleines, verunsichertes Häuflein (…) Sie alle rangen jahrzehntelang um ihre Identität, dem Spott der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt, weil sie wie Lämmer unter Metzgern lebten. Um diese seelische Last zu bewältigen, wurden die deutschen Juden fromm, jüdischer als jüdisch, und buhlten um Anerkennung durch das orthodoxe Establishment Israels, das dort inmitten einer säkularen Mehrheit einflussreich ist. Zu dieser Seelenarbeit gehört, die Söhne beschneiden zu lassen und sie so als (Über-) Lebende zu zeichnen.

Historisch war die Beschneidung ein Mal der Unterscheidung, das es Juden jahrtausendelang ermöglicht hat, als Minderheit in einer feindlichen Umgebung sichtbar zu bleiben. Gegenwärtig ist sie der Beweis, dass selbst der Holocaust das Judentum in Deutschland nicht völlig ausgelöscht hat, wie es Leo Baeck, der letzte große Reformrabbiner, der Theresienstadt überlebte, prophezeit hatte. Dass die Beschneidung als Identität und Gemeinschaft stiftendes Ritual heute unter Juden weniger umstritten ist als noch vor 100 Jahren, ist ein Ergebnis deutscher Geschichte.

Doch dabei muss es nicht bleiben. Natürlich ist ein Judentum ohne Beschneidung denkbar. Diskutieren, streiten, Regeln aufstellen, um sie wieder zu verändern, das ist jüdischer Alltag. Noch mag die Mehrheit auch der säkularen Juden nicht auf die Beschneidung verzichten. Salopp formuliert: Wir brauchen sie, solange der Geruch der Asche noch in unseren Kleidern steckt. Doch selbst aus einer orthodoxen Gemeinde wird schon heute niemand verwiesen, der unbeschnitten daherkommt.

Religionsfreiheit verstehen wir so, dass wir den in Auschwitz unterbrochenen Weg in die Moderne aus eigenem Antrieb und in freier Selbstbestimmung gehen, wie es seit den Tagen Moses Mendelssohns, des großen jüdischen Aufklärers, bei uns Tradition ist. Eine nichtjüdische Begleitung auf diesem Weg benötigen wir nicht; ihn nicht zu behindern, würde dieses Mal schon reichen.

Dass das Grundgesetz die dazu nötige Freiheit durch das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit einschränke, ist ein Irrtum. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes hatten nicht die Absicht, jüdisches Leben in Deutschland zu behindern – im Gegenteil! Einer von ihnen, der später zum ersten Bundespräsidenten gewählt wurde, rief meinem im Exil ausharrenden Großvater zu, er „begrüße die Rückkehr der Juden nach Deutschland, namentlich solcher Juden, die noch eine geistige Verwandtschaft mit Deutschland fühlen“. Hätte Theodor Heuss geahnt, welche Debatte wegen eines Landgerichtsurteils geführt werden würde, hätten er und die Mehrheit des Parlamentarischen Rates nicht nur die Religion, sondern auch ihre Rituale unter besonderen Schutz gestellt. (…)

Mein israelischer Gesprächspartner meint, diese ganze Diskussion sei überflüssig. Israelische Eltern seien sehr liebevolle Eltern und wollten wie alle anderen Eltern das Beste für ihre Kinder. Der Eingriff sei nicht so schwer wie wir uns das vorstellen würden, denn dann wäre er längst abgeändert worden. Ich selbst komme aus einer Familie mit jüdischen Wurzeln und nur wegen des Konstrukts, dass alleine die Mütter das Judentum weitervererben, bin ich in der Christenheit gelandet. Ich kann mir trotz des Gespräches nicht vorstellen, dass ich meinen Sohn ohne Betäubung hätte beschneiden lassen. Überhaupt hätte ich es so gehandhabt wie mit seiner Taufe, zu der er sich selbst entschieden hat, weil Religionsfreiheit für mich höher steht als das Elternrecht.

Aber ich habe heute durch das Gespräch gelernt, dass es bei der jüdischen Beschneidung gar nicht so sehr um die Religion an für sich geht. Es geht den Juden um das Überleben ihrer Nation und das Gefühl des Zusammenhalts des jüdischen Volkes – völlig unabhängig vom persönlichen Glauben des Einzelnen und der Familie. Ich denke, dass ich nachvollziehen kann, warum mein Bekannter und viele andere so verletzt auf die Diskussion – ausgerechnet in Deutschland – reagiert haben. Für mich war es wichtig, dass wir als Freunde darüber reden konnten und das auch sehr offen. Ich konnte seine Bedenken verstehen und er meine. Ich finde es auch wichtig, dass nicht nur „historisch“ argumentiert wird. Ich habe versucht, mir nach bestem Wissen und Gewissen eine Meinung zu bilden und dazu steh ich auch: Ich würde die Entscheidung meinem Sohn überlassen und sie nur bei einem Arzt durchführen lassen. Aber ich akzeptiere, dass man das in den jüdischen Gemeinden anders sieht. Ich denke, dass mein jüdischer Großvater, der eine Christin heiratete, heute das hier gesagt hätte: „Lasst die Juden in Ruhe, aber sagt ihnen, dass sie viel zum Fortschritt beigetragen haben. Sie werden den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen…“

Links zu englischsprachigen Artikeln bei Y-Net, wo auch heftig in den Kommentaren diskutiert wird:

» Manfred Gerstenfeld: The circumcision battle
» Eran Sadeh, founder of Protect the Child: Follow Germany’s lead on Circumcision

Weitere Links:

German Jewish group to begin training mohels
Beschneidung wird Thema deutscher Sonderbriefmarke