Sam Harris: Die Seuche der moralischen Feigheit

Sam Harris (Foto) ist ein amerikanischer Philosoph, Neurowissenschaftler und Schriftsteller, der im Islam eine große Gefahr für die derzeitige Gesellschaft sieht. Auf dem sehr lesenswerten US-Blog „Bare Naked Islam“ erschien vor ein paar Tagen ein ausgezeichneter Artikel von ihm unter dem Titel „LEFT WING AWAKENING: Realization that not all religions are the same“. PI-Leser Dschizya hat ihn für uns übersetzt.

Die letzte Welle muslimischer Hysterie und Gewalt ist mittlerweile auf über 20 Länder übergeschwappt. Die Mauern unserer Botschaften und Konsulate wurden durchbrochen, ihre Vorhöfe wurden triumphierenden Mobs überlassen und viele Menschen wurden ermordet – alles als Reaktion auf ein unansehnliches Internet-Video namens „Die Unschuld der Muslime“. Egal ob über einen Film, eine Karikatur, einen Roman, einen Schönheitswettbewerb oder einen unglücklich benannten Teddybär: der eintretende Ausbruch religiöser Gewalt ist so vorhersehbar wie der Sonnenaufgang. Dies ist eine alte und langweilige Geschichte über alte, langweilige und tödliche Ansichten. Und ich befürchte, sie wird uns für den Rest unseres Lebens begleiten.

Unsere Panik und moralische Verwirrung sublimierte sich zuerst in Attacken auf den glücklosen Gouverneur Mitt Romney. Ich bin kein Fan von Romney und ich würde die Aussicht auf seine Präsidentschaft lächerlich finden, falls sie nicht so deprimierend wäre. Aber er hat die Anzeichen von Angst in der Reaktion der Obama-Regierung auf die Krise erkannt. Romney hatte zwar – wie viele andere – ein Statement der US-Botschaft in Kairo mit einer offiziellen Erkärung der US-Regierung zu den Morden in Libyen verwechselt. Aber die Wahrheit ist, dass das Weiße Haus eine ähnliche Entschuldigung verwendet hat: es verurteilte die „beleidigenden“ Meinungsäußerungen, während es vorgab, insgesamt die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Das mag angesichts der momentanen hitzigen Diskussion ein kleines Detail sein – aber das sind zitternde Lippen auch.

Unsere Regierung verfolgte die Appeasement-Strategie weiter durch den Versuch, den unerschütterlichen und exzentrischen Pastor Terry Jones zum Schweigen zu bringen. Der hatte die Koranverbrennungen gerade solange ausgesetzt, wie er brauchte, um den Film zu bewerben. Ebenfalls forderte die Obama-Regierung Google auf, „Die Unschuld der Muslime“ von seinen Servern zu entfernen. Diese Manöver könnten zwei psychologische und diplomatische Versuche sein: entweder will unsere Regierung die Probleme nicht angehen oder das Problem ist so riesig und einschüchternd, dass wir entschieden haben, die Barbaren vor unseren Toren zu beschwichtigen.

Diese Seuche der moralischen Feigheit folgte ihrem üblichen Kurs, indem liberale Journalisten und Gelehrte anfingen, unsere grundlegendsten Freiheiten wegen sadomasochistischen muslimischen Zorns – bekannt als „religiöse Empfindlichkeit“ – in Frage zu stellen. Kommentatoren der „New York Times“ und des „National Public Radio“ sprachen von der Notwendigkeit, eine Balance zwischen freier Meinungsäußerung und Religionsfreiheit zu finden. Als ob Letztere überhaupt von einem Youtube-Video berührt werden könnte! Genauso vorhersehbar wie muslimisches Beleidigtsein und muslimische Erpressungen geworden sind – scheint die moralische Verwirrung säkularer Liberaler Teil desselben Uhrwerks zu sein.

Bedenken wir, was wirklich passiert: Ein Anteil der weltweiten Muslime – 5%? 15%? 50%? Das ist noch nicht klar – verlangt, dass alle Nicht-Muslime sich an die Bedingungen islamischen Rechts halten. Und dort, wo sie in ihren Protesten nicht sofort auf Gewalt zurückgreifen, drohen sie sie an. Ein Schild zu tragen „Köpft alle, die den Propheten beleidigen“ könnte gerade noch als friedlicher Protest durchgehen. Aber es ist auch eine Versicherung, dass das Blut der Ungläubigen vergossen würde, sobald der Verrückte mit dem Plakat mehr Macht hätte. Dieses groteske Versprechen wird natürlich in fast jeder muslimischen Gesellschaft eingelöst. Einen Film wie „Die Unschuld der Muslime“ irgendwo im Mittleren Osten zu drehen, wäre die sicherste Methode des Selbstmords.

Was genau kam in dem Film vor? Wer produzierte ihn? Was waren seine Motive? Wurde Mohammed tatsächlich dargestellt? Brannte tatsächlich ein Koran oder doch ein anderes Buch? Fragen wie diese sind obszön. Hier muss eine rote Linie gezogen und kompromisslos verteidigt werden: Wir haben die Freiheit, den Koran und jedes andere Buch zu verbrennen. Sowie Mohammed und jedes andere menschliche Wesen zu kritisieren. Lasst das niemanden vergessen!

In Zeiten wie diesen hören wir unvermeidlich – von Leuten die nicht wissen, wie es ist, ans Paradies zu glauben –, dass Religion ein Weg sei, öffentliche Unzufriedenheit zu kanalisieren. Die wahre Ursache des Problems läge in der Geschichte westlicher Aggression in der Region. Es seien unsere Strategien, nicht unsere Freiheiten, die sie hassen. Ich glaube, die Zukunft des Liberalismus – und noch viel mehr – hängt davon ab, ob wir diesen ruinösen Selbstbetrug besiegen können. Religion funktioniert nur deshalb als Vorwand für politische Gewalt, weil Millionen Menschen tatsächlich glauben, (imaginäre) „Verbrechen“ wie Blasphemie und Apostasie seien todeswürdig.

Die meisten säkularen Liberalen glauben, alle Religionen seien gleich. Und sie betrachten jeglichen Hinweis auf das Gegenteil als Engstirnigkeit. Irgendwie übersteht dieser Glaubenssatz die tägliche Falsifikation durch reale Ereignisse. Eine Hauptschuld daran trägt unsere Sprache. Wie ich schon öfters bemerkt habe, ist „Religion“ ein Wort wie „Sport“: manche Sportarten sind friedlich, aber extrem gefährlich (unangeleintes Klettern, Straßenrodeln); andere sind sicherer, aber stehen für Gewalt (Boxen, Kampfsport) und manche bergen nicht mehr Risiken schwerer Verletzungen als das Duschen (Bowling, Federball). Allgemein von „Sport“ zu sprechen, macht es unmöglich, zu diskutieren, was die Athleten tatsächlich machen oder welche physischen Voraussetzungen dafür nötig sind. Was haben alle Sportarten gemein, abseits vom Atmen? Nicht viel. Das Wort „Religion“ ist selten nützlicher.

[… Der inneramerikanische Abschnitt zum Thema Romney und Mormonen wurde weggelassen.]

Bis heute kann ich all diese [negativen] Dinge über das Mormonentum sagen und [den Gründer] Joseph Schmidt nach Herzenslust verunglimpfen, ohne befürchten zu müssen, dafür getötet zu werden. Säkulare Liberale ignorieren diesen fundamentalen Unterschied zu jeder Gelegenheit und beschwören damit eine Gefahr. Denken wir kurz über die Existenz des Musicals „The book of mormon“ nach. Jetzt stellen wir uns die Sicherheitsvorkehrungen vor, die nötig wären, eine ähnliche Produktion über den Islam aufzuführen. Das Projekt ist unvorstellbar – nicht nur in Beirut, Bagdad oder Jerusalem, sondern auch in New York City.

Die Freiheit, manche Themen laut zu denken, ohne Angst vor Verfolgung oder Mord haben zu müssen, haben wir bereits verloren. Und die einzigen Kräfte auf Erden, die diese wiederherstellen können, sind starke säkulare Regierungen, die Anschuldigungen wie Blasphemie energisch zurückweisen. Keine Entschuldigungen nötig. Muslime müssen lernen: wenn sie aggressive und fanatische Forderungen an die Toleranz freier Gesellschaften stellen, dann werden sie die Grenzen dieser Toleranz kennenlernen. Und Gouverneur Romney, obwohl er mit fast allem falsch liegt, was es unter der Sonne gibt (wahrscheinlich auch über die Sonne), hat absolut recht, wenn er sagt, dass es Zeit ist, dass unsere Regierung diese Botschaft ohne zu blinzeln verbreitet.