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1050 Jahre Deutschland: 962 bis 2012 (Teil 1)

Posted By PI On 22. November 2012 @ 22:44 In Deutschland,Geschichte | Comments Disabled

Flagge Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation nach 1400 [1]Die Geschichte Deutschlands beginnt traditionell mit der Krönung Ottos I und der Gründung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Deutschland wird daher in diesem Jahr 1050 Jahre alt. Die politische Elite unserer heutigen Bunten Republik hat dieses Jubiläum natürlich „vergessen“. Da die Geschichte Deutschlands auch an den Schulen nur noch bruchstückhaft und ideologisch verzerrt gelehrt wird, soll eine dreiteilige Artikelserie bei PI jeweils 350 Jahre Deutschland beleuchten. Bevor also 2012 zu Ende geht, hier der erste Teil einer modernen Sicht auf die spannende Geschichte (und Kunstgeschichte!) unseres Landes, von 962 bis zum Anfang des 14. Jh.: Ottonen, Salier, Staufer, Kaiserdome, Mongolen, Hochmittelalter!

(Von Ralf Stenner)

Historische Pfennigfuchser werden nicht ganz zu Unrecht einwenden: Die Geschichte Deutschlands beginnt nicht 962, sondern 911 mit dem Tod des letzten Karolingers (Ludwig das Kind) und der Gründung des ostfränkischen Reiches. Dann wäre Deutschland schon 1100 Jahre alt, aber auch dieses Jubiläum hat unsere bunte Staatsführung natürlich „vergessen“. Nicht vergessen hat sie 2011 hingegen das 50. Jubeljahr des ersten türkischen Gastarbeiters, das mit viel Pomp und Gloria zelebriert wurde. Ob also 911 oder 962: Es gilt, wieder die richtigen Prioritäten zu setzen und das politische Langzeitgedächtnis aufzufrischen!

1. Die Ottonen (0962 – 1024)

Die ersten Jahrzehnte der Geschichte Deutschlands waren geprägt durch die Verteidigungskriege gegen die Ungarn. Zum Glück erkannten unsere Vorfahren die historische Bedeutung dieser Bedrohung und ergriffen die richtigen Maßnahmen. Schon 919 war Heinrich I aus dem Haus der sächsischen Ottonen zum deutschen König gewählt worden und übernahm die Verteidigung. Endgültig besiegt wurden die Ungarn 955 unter seinem Sohn Otto (Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg). Durch Heirat auch Herrscher über Italien, war Ottos Kaiserkrönung in Rom (962) die erste Krönung eines gemeinsamen Herrschers über Germanien und Italien seit dem Ende des Römischen Reiches (476). Der offizielle Name für Ottos Staat, „Römisches Reich“, war daher völlig gerechtfertigt. Was im übrigen aus den Ungarn wurde, ist bekannt: Sie ließen sich in ihrem heutigen Siedlungsgebiet zwischen den damals dort lebenden Slawen nieder, die nach und nach aus dem ungarischen Siedlungsraum verdrängt oder ungarisch assimiliert wurden. Das hat den Ungarn bis heute kein Mensch übelgenommen.

Bei den Deutschen ist das natürlich anders. In die ottonische Zeit fällt der Beginn der deutschen Ostwanderung, die zum einen zur Entstehung einer von Bayern aus besiedelten Ostmark (dem heutigen Österreich) führte, zum anderen zu einem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den östlich der Elbe gelegenen, dünn besiedelten slawischen Gegenden. Knapp 1.000 Jahre später entwickelte sich diese ottonische Ostwanderung zum Politikum, als polnische Nationalisten nach 1918 historische Ansprüche auf urslawischen Boden bis kurz vor Berlin geltend machten. Ansprüche slowakischer Nationalisten auf urslawischen Boden bis Budapest stehen noch aus.

Einige Sätze auch zur Kunstgeschichte der ottonischen Zeit. Nach einem ersten Wiederaufblühen abendländischen Architektur unter den Karolingern (Pfalzkapelle Aachen, Königshalle Lorsch) beginnt in Deutschland mit den Ottonen die mittelalterliche Baukunst in größerem Stil. Erhalten sind die wunderschöne romanische Stiftskirche im thüringischen Gernrode und St. Michael in Hildesheim. Die Bilder der ottonischen Buchmalerei auf der Insel Reichenau faszinieren bis heute (Bamberger Apokalypse). In der Literatur wird nach einigen ersten deutschen Texten unter den Karolingern (Wessobrunner Gebet) wieder stärker auf Latein zurückgegriffen.

2. Die Salier (1024-1125)

1034 erweiterte sich das bisher deutsch-italienische Reich durch das französischsprachige Burgund. Seitdem ähnelte das mittelalterliche Heilige Römische Reich in seiner territorialen Ausdehnung der über 900 Jahre später geschaffenen EWG. Im 14. Jh. spalteten sich Italien und Burgund wieder ab. Man sieht: Die Versuche, Europa zu einigen, sind so alt wie Europa selbst. Irgendwann sind sie schon damals gescheitert, und genauso werden sie auch heute wieder scheitern. Man kann Europa nicht einigen.

Die in der heutigen Bunten Republik nach knapp 900 Jahren wieder aus der Gruft geholte Zombie-Frage nach dem richtigen Recht, geistlichem oder weltlichem Recht, Scharia oder Grundgesetz, war auch das große Thema der Salier. Im Wormser Konkordat von 1122, der ersten deutschen „Reichsverfassung“ wurde klar geregelt, dass die Scharia in Deutschland nichts zu suchen hat. Canossa (1076) war damit Geschichte. Dieser Grundsatzentscheidung von 1122, dass kein Gott und dessen machthungriges Priestertum über Deutschland bestimmen, sondern weltliche Herrscher, verdanken wir die weitere Entwicklung unseres Landes zu einem Rechtsstaat. Jeder andere Staat in Deutschland wäre ein Unrechtsstaat, dem wir die Freundschaft aufzukündigen hätten. Es gibt keinen Rückwärtsgang nach Canossa.

In der Baukunst geht es unter den Saliern richtig los: Die berühmten Kaiserdome von Speyer, Worms und Mainz entstanden alle im 11. Jh. Auch die Kaiserpfalz in Goslar wurde unter den Saliern errichtet. Die Glasmalereien im Augsburger Dom zählen zu den schönsten Beispielen für die Malerei in salischer Zeit.

3. Die Staufer (1138-1254)

Die Staufer sind die mittelalterliche Dynastie par excellence. Besondere Verdienste für das Abendland erwarben sie sich durch ihre koordinierende Funktion während des 3. und 5. Kreuzzugs. Die verzerrte Propaganda, die unsere Kinder heute zum Thema Kreuzzüge auf den Schulen lernen („Böse Ritter griffen das friedliche Arabien an“) lässt sich schnell beiseite wischen, wir erinnern uns: 637 gewaltsame Einnahme des christlichen Jerusalem durch den friedlichen Islam, 1009 Zerstörung der Grabeskirche Christi durch den toleranten Islam. 1078 wird Jerusalem von friedliebenden türkischen Seldschuken besetzt, die ebenso friedliebend schon das byzantinische Reich angegriffen und verwüstet hatten. Ein Besuch der christlichen Pilgerstätten ist aufgrund der Toleranz der neuen türkischen Herren nicht mehr möglich. Noch toleranter werden 1096 die christlichen Pilgerstätten in gesamten Heiligen Land komplett geschlossen. Die Frage sei erlaubt, wie heutzutage wohl die Muslimheit reagieren würde, wenn christliche Armeen Mekka besetzen und die muslimische Pilgerfahr einschränken würden. Die Christenheit reagierte unter französischer Führung 1099 völlig richtig: Sie ließ sich nichts gefallen, eroberte Jerusalem zurück und errichtete das Königreich Jerusalem. 1187 allerdings wird Jerusalem durch den kurdischen Sultan Saladin wieder islamisch okkupiert. Kaiser Friedrich I (Barbarossa) organisiert daraufhin den 3. Kreuzzug (1189-92) als einer Art gesamteuropäische Befreiungsaktion unter Teilnahme sowohl des englischen Königs (Richard Löwenherz) als auch seines französischen Kollegen Philipp II. Nach dem Unfalltod Barbarossas (1190) zerstreiten sich Engländer und Franzosen, die abendländische Solidarität ist wieder einmal hin, das Unternehmen am Ende. Immerhin konnte Kaiser Friedrich II im Verlauf des späteren 5. Kreuzzugs (1228-29) eine christliche Selbstverwaltung von Jerusalem, Bethlehem und Nazareth aushandeln. Diese Vereinbarung wurde 1244 gebrochen und alle drei christlichen Städte wieder der muslimischen Oberherrschaft unterworfen. Die Lehre aus der Geschichte? Eins ist sicher: Im Gegensatz zur Christenheit, die sich seit 1244 nicht mehr für ihre heiligen Städte ins Zeug gelegt hat, hätte die Muslimheit jeden einzelnen Tag von 1244 bis heute damit verbracht, für die Rückeroberung eines christlich besetzten Mekkas zu kämpfen.

Zur Geschichte der Kreuzzüge gehört auch die Gründung des Deutschen Ordens und die anschließende Unterwerfung der heidnischen Pruzzen im südlichen Baltikum. 1226 wird dort, im späteren Preußen, ein eigener Ordensstaat errichtet. Tatsächlich war diese Eroberung des Pruzzenlandes die einzige gewaltsame Episode der ansonsten ausnahmslos friedlich verlaufenden deutschen Ostbesiedlung. Wer bei Adam und Eva anfangen möchte, kann sich also gern auf den Standpunkt stellen, dass die Deutschen das Land der Pruzzen im 13. Jh. zu Unrecht in Besitz nahmen. Und die Türken im 13. Jh. das Land der Griechen. Und die Chinesen im 13. Jh. das Land der Thaivölker. Und überhaupt sah die Welt in der Bronzezeit ganz anders aus.

Deutschland scheint alle paar Jahrhunderte von asiatischen Horden heimgesucht zu werden: Nach den Ungarn des 10. Jh. waren im 13. Jh. die Mongolen an der Reihe, die zum Glück TROTZ IHRES SIEGES VON 1241 IN DER MONGOLENSCHLACHT BEI LIEGNITZ (SCHLESIEN) IN IHRE ASIATISCHEN WEITEN ZURÜCKKEHRTEN UND DEUTSCHLAND SEITHER BIS AUF WEITERES VERSCHONT HABEN (TEXT KORRIGIERT – PI). Die Mongolenschlacht bei Liegnitz zeigt: In der Geschichte entscheiden manchmal nur ganz kurze Momente über den Verlauf kommender Jahrhunderte.

Nach dem Ende der Stauferzeit (1250 Tod Friedrichs II) wurde der deutsche Kaiser von sieben Kurfürsten gewählt. 1273 fiel die Wahl auf den schweizerischen Füsten Rudolf von Habsburg, den man für den schwächsten Kandidaten hielt. So kann man sich irren. 1278 konnte Rudolf von Habsburg nach einem Sieg über den Böhmenkönig Ottokar die Ostmark („Österreich“) der Habsburgischen Hausmacht angliedern. Vom Intermezzo der Luxemburger Dynastie (1346-1437) abgesehen, stellten die Habsburger bis 1806 fast ununterbrochen die deutschen Kaiser.

Nicht nur politisch, sondern auch kulturgeschichtlich zeigt sich die Stauferzeit in höchstem Glanz: Kaiserdom in Bamberg, Straßburger Münster, Magdeburger Dom, Limburger Dom, Kaiserpfalz in Eger. Mit Walther von der Vogelweide nimmt die Dichtkunst in deutscher Sprache ihren Anfang, Wolfram von Eschenbach schreibt den „Parsifal“, Gottfried von Straßburg den „Tristan“. Der ritterliche Minnesang (Ulrich von Liebenstein: „Frauendienst“) wird populär. Die für das Abendland so charakteristische Haltung gegenüber Frauen, das kulturelle Ideal der „Ritterlichkeit“ im Umgang mit dem schöneren Geschlecht: dass wir Frauen den Vortritt lassen und sie nicht hinter uns herschlurfen müssen, dass wir um sie werben und sie uns nicht kaufen oder anhandeln, dass wir sie als „Damen“ achten und nicht nur als Kindergebärobjekt benutzen – diese kulturelle Tradition in Deutschland bildete sich im Hochmittelalter der Stauferzeit.

4. Spätmittelalter

Für die gesamte deutsche Geschichte nicht ganz untypisch ist ab Mitte des 13. Jh. das Hervortreten von Partikularinteressen auf Kosten der gemeinsamen Zusammenhalts – ein Thema, das uns auch aus der Gegenwart zur Genüge bekannt ist. Vom 13. bis weit ins 19. Jh. hinein, d. h. fast die gesamte Geschichte Deutschlands, bestimmte nicht die kaiserliche Zentrale, sondern eine Handvoll Fürstenhäuser das politische Geschehen, allesamt gefangen in erbittertem gegenseitigen Konkurrenzdenken. Im Zweifel verbündete man sich lieber mit ausländischen Feinden als dem innerdeutschen Gegner einen Punktsieg zu gönnen – auch dies heute nichts Neues. Neben den Habsburgern im Südosten seien genannt: Wittelsbacher (Bayern, Kurpfalz), Askanier (Brandenburg, Sachsen-Wittenberg), Wettiner (Sachsen, Thüringen), Welfen (Braunschweig-Lüneburg), Hohenzollern (Brandenburg ab 1415).

Seit dem Ende der Stauferzeit war Deutschland für die nächsten Jahrhunderte ein eher schwacher und machtloser Flickenteppich aus fürstlichen und kirchlichen Besitztümern und über hundert freien Reichsstädten. Diese politische Zersplitterung hatte aber auch ihr Gutes. Deutschland war über die längste Zeit seiner Geschichte tatsächlich – um auf die Gedankenwelt Stefan Georges und der Stauffenberg-Brüder zurückzugreifen – in gewissem Sinn ein neugeborenes antikes Griechenland. Wie im alten Hellas hat uns die jahrhundertelange innerdeutsche Zerstrittenheit und Konkurrenz eine in Europa (neben dem ähnlich zerrissenen Italien) wohl einzigartige Dezentralität und ein besonders reiches kulturelles Erbe hinterlassen. Die vielseitige antike Kulturlandschaft der konkurrierenden Erzfeinde Sparta, Athen und Korinth spiegelt sich in Deutschland im kulturellen Reichtum der politischen Gegner Wien, Berlin, Dresden, München, der bürgerlichen Wettbewerber Hamburg, Bremen, Köln (und früher Danzig) wieder.

Auch nach 1250 bedeutete der Zerfall der Zentrale keineswegs den kulturellen Niedergang. Dass des Reiches Herrlichkeit nicht mit den Staufern endete, lässt sich schon an den wichtigsten Baudenkmälern dieser Epoche leicht ablesen. Die Gotik kommt in Deutschland erst Mitte des 13. Jh. so richtig in Fahrt: Kölner Dom, Marienkirche Lübeck, Freiburger Münster. Die Anfänge der Rathausarchitektur (Stralsund, Thorn, Braunschweig, Lübeck) verweisen bereits in eine neue Epoche.

Fortsetzung folgt!


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