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1050 Jahre Deutschland: 962 bis 2012 (Teil 2)

Posted By PI On 23. November 2012 @ 17:05 In Deutschland,Geschichte | Comments Disabled

Die deutsche Hanse [1]Die Geschichte (und Kunstgeschichte) Deutschlands im Schnelldurchlauf! Der zweite Teil der dreiteiligen Serie (hier Teil 1) [2] mit wieder 350 Jahren Deutschland: von der Pest bis zu den Türkenkriegen. Einige Stichworte: Marienburg, Hanse, Luther, Grimmelshausen, Elsass!

(Von Ralf Stenner)

1. Das 14. Jahrhundert

Dass Deutschland niemals ein simpler Obrigkeitsstaat war, wie unseren Kindern heute auf der Schule beigebracht wird, belegen bereits im 14. Jh. die zahlreichen Beispiele weitgreifender bürgerlicher Selbstorganisation. Viele deutsche Städte entschieden über ihre inneren Angelegenheiten autonom, wählten ihren eigenen Stadtrat, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und gaben sich ihr eigenes Stadtrecht. Bürgerliches Selbstbewusstsein zeigte sich auch im politischen Verbund der Hansestädte. Schon Mitte des 12. Jh. lag der Ostseehandel fast ausschließlich in den Händen deutscher Kaufleute: Die Deutschen übernahmen auf der Ostsee in etwa die Rolle der Chinesen in Südostasien oder der Griechen auf dem Schwarzen Meer. Die wichtigsten Handelsstädte schlossen sich unter der Führung Lübecks (Abbildung oben) zur Hanse zusammen und übernahmen auf dem Höhepunkt ihrer Macht nach ihrem Sieg über den dänischen König (Frieden von Stralsund 1370) sogar den Handel in vielen Seehäfen Skandinaviens.

Ohne Frage war das 14. Jh. die Glanzzeit des Deutschen Ordens im späteren Ostpreußen. Seit 1237 mit dem Schwertbrüderorden im nördlichen Baltikum vereinigt, beherrschte er im 14. Jh. den gesamten östlichen Ostseeraum bis ins heutige Lettland. Dank vorbildlicher Verwaltung und Wirtschaftsförderung, nicht zuletzt aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der Hanse (der Deutsche Orden war der einzige Flächenstaat, der Mitglied der Hanse war), entwickelte sich der Ordensstaat im 14. Jh. zu einem der modernsten und wohlhabendsten Staaten seiner Zeit.

Die große Katstrophe des 14. Jh. war die Pest. Wie viele Katastrophen der deutschen Geschichte kam auch diese aus dem Osten. Die Mongolen hatten wieder einmal auf der Krim gewütet. Bei der Belagerung von Feodosija (1346), damals eine Handelsenklave der Stadt Genua, warfen sie Pestleichen in die Stadt und infizierten so die Genuesen. Die Belagerten flohen nach Genua und schleppten die Pest in Italien ein, von dort fand sie schnell ihren Weg nach Deutschland (ab 1348). Der Bevölkerungsrückgang infolge der Pest hatte auch ganz erhebliche politische Folgen für den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte: Er bedeutete das Ende der deutschen Ostwanderung.

Kulturgeschichtlich war das 14. Jh. trotz der Pest eine Glanzzeit ersten Ranges. Das Ulmer Münster sei als Stichwort genannt und natürlich die großartigen Bauten im Gebiet des deutschen Ordens: die Marienburg, die Marienkirche in Danzig, der Dom zu Marienwerder, der Dom zu Frauenburg. In Hamburg entsteht mit dem Grabower Altar ein Meisterwerk der deutschen Altarmalerei. Auch die berühmten Glasfenster im Erfurter Dom stammen aus dieser Zeit. Mit dem 14. Jh. geht die Epoche der großen Kirchenbauten allerdings zu Ende – zumindest für die nächsten 300 Jahre. Die Wende zu einer aufgeklärteren Neuzeit markiert die Gründung der ersten deutschen Universität im böhmischen Prag durch Kaiser Karl IV (1348).

2. Das 15. Jahrhundert

Das 15. Jh. beginnt mit einem historischen Paukenschlag: 1411 erleidet der Deutsche Orden in der berühmten Schlacht von Tannenberg eine vernichtende Niederlage gegen ein polnisch-litauisches Heer. Im 1. Thorner Frieden wird der Orden zu hohen Tributzahlungen verpflichtet. In der Folge fordern Städte und Adel, organisiert im „Preußischen Bund“, gegenüber dem Orden mehr Mitsprache und schließen zuletzt ein Bündnis mit dem König von Polen gegen die eigene Regierung – klarer Verrat und vermutlich eine der kurzsichtigsten Entscheidungen der deutschen Geschichte. Kleingeistiger Opportunismus war schon damals eine Stärke deutscher Politik. Im 2. Thorner Frieden (1466) wird das Ordensland geteilt: Der Ostteil verbleibt dem Deutschen Oden, der Westteil mit dem Kulmer Land, dem Ermland und Elbing kommt als weitgehend autonome Region zu Polen. Danzig wird freie Stadt innerhalb des polnischen Königreichs – insgesamt eine territoriale Aufspaltung, die über 300 Jahre bis zur Wiedereingliederung Danzigs und des westlichen Ordenslandes in den deutschen Hoheitsraum durch Friedrich den Großen Bestand hatte.

Als geschichtsbewusster Staatsbürger sollte man auch die Jahreszahl 1438 im Gedächtnis haben: In diesem Jahr bezogen die Habsburger Wien als Residenzstadt. Als Kaiserstadt war Wien 368 Jahre lang (bis 1806) Hauptstadt Deutschlands, länger als jede andere deutsche Stadt. Soweit zum Thema Österreich und Restdeutschland seien kein gemeinsames Land gewesen.

Ansonsten versank das Reich im 15. Jh. in eine chaotische Phase gegenseitiger Feldzüge, begleitet von bäuerlichen Aufständen. Schon damals ging der Nachbarschaftsstreit den Deutschen über alles. Der übrige Verlauf der Weltgeschichte: der Fall Konstantinopels, die Entdeckung Amerikas, die beginnende Seefahrt auf den Ozeanen – für solche Nebensächlichkeiten fand man in Deutschland keine Zeit. 1495 hatte Kaiser Maximilian genug und rief den „Ewigen Landfrieden“ aus, eine Art innerdeutsche UNO samt Fehdeverbot und gesamtdeutschem Reichskammergericht. Wie alle UNOs der Weltgeschichte war auch der „Ewige Landfrieden“ überaus erfolgreich.

Infolge der verworrenen inneren Lage zählt das 15. Jh. in Deutschland nicht gerade zu den bedeutendsten kunstgeschichtlichen Epochen. Einige Meisterwerke der Altarmalerei wie der Dreikönigsaltar (Kölner Dom) oder der Sterzinger Altar bilden eher die Ausnahme als die Regel. Gebaut wurde, sofern überhaupt, vor allem weltlich (Lübecker Holstentor, Rathaus Breslau, Rathaustürme in Köln und Würzburg). Die Frauenkirche in München ist eines der wenigen herausragenden Beispiele für Sakralarchitektur in dieser unruhigen Zeit.

3. Das 16. Jahrhundert

Erstaunlich für eine Nation, die auf der Ostsee eine gut organisierte Seefahrt entwickelt hatte, ist die komplette Abwesenheit deutscher Schiffe auf den Weltmeeren im 16. Jahrhundert. Portugiesen, Spanier, Franzosen, Engländer, Holländer – alle tummelten sich zwischen Amerika, Australien, Afrika und China herum, nur die deutschen Koggen brachten es gerade mal von Hamburg bis nach Riga. So blutrünstig und welteroberisch, wie wir laut Schulbuch unserer Kinder angeblich schon immer waren, scheinen wir wohl doch nicht gewesen zu sein.

Statt ferne Länder zu erkunden, ging man im Deutschland des 16. Jh wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Man hielt geistige Nabelschau und erkundete sein inneres Wesen. Konkret: Man zerfleischte sich gegenseitig um den rechten Glauben. In dieser Hinsicht waren wir schon immer ganz große Klasse. 1517 schlug Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg, 1521 wurde er dafür mit der Reichsacht bestraft. Jedem, der heute 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenbach schlagen würde (z.B. zum heiklen Thema „Evangelische Kirche und Islam“), würde es genauso ergehen (wetten?). 1531 gründeten die Protestanten den Schmalkaldischen Bund, der 1547 von Kaiser Karl V besiegt wurde. Zum Glück für uns hatte Kaiser Karl schon kurz vorher (1529) die Türken vor Wien besiegt, sonst hätten sich die Protestanten ganz bestimmt schon damals mit den Türken verbündet.

1555 wurde Deutschland im Augsburger Religionsfrieden in verschiedene Glaubensterritorien aufgeteilt („cuius regio, eius religio“). Wem die neue Religion nicht gefiel, musste in ein anderes deutsches Land auswandern. Diese „Friedenslösung“ wird man dereinst unseren Kindern wieder präsentieren, wenn Deutschland in einigen Jahren in christliche und islamische Regionen aufgeteilt wird und unsere Kinder aus ihrer eigenen Stadt auswandern müssen, weil die ja dann islamisch ist. Die Lobreden auf diese Lösung („Schon der Augsburger Religionsfrieden schuf eine solch salomonische interkulturelle Konfliktlösung…“) sind bereits geschrieben.

Kunstgeschichtlich gilt der Anfang des 16. Jh. als die klassische Dürerzeit. Die Kunst löst sich von ihrer rein religiösen Ausrichtung und entwickelt größere bildliche Selbständigkeit. Der Einfluss der Renaissance, die in antiker Tradition wieder den Menschen statt irgendeinen Gott in den Mittelpunkt rückt, ist unverkennbar. Albrecht Dürer, Lucas Cranach der Ältere und der Jüngere, Albrecht Altdorfer, Hans Holbein der Jüngere – jetzt entstehen die ganz großen Meisterwerke der deutschen Malerei. Ein kunstgeschichtlicher Höhepunkt aus dieser Epoche ist der Isenheimer Altar im Elsass. Auch die deutsche Literatur erwacht nach vielen Jahrhunderten Dornröschenschlaf allmählich wieder zum Leben: Der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs setzt mit seinen Gedichten („Schlaraffenland“) einen frühen poetischen Glanzpunkt. In der Baukunst zeigt sich die Renaissance vor allem im Profanbau, hervorgehoben seien das Rathaus in Rothenburg o.d.T. und das Rechtstädtische Rathaus in Danzig. Ansonsten baute man, den Umständen entsprechend, wehrhaft: Einige der bekanntesten deutschen Burgen (Festung Würzburg, Festung Kufstein) stammen nicht aus dem Mittelalter, sondern dem 16. Jahrhundert.

4. Das 17. Jahrhundert

Wie nachhaltig friedensstiftend der Augsburger Religionsfrieden war, kann man leicht daran ablesen, dass schon wenige Jahre nach dieser angeblich salomonischen Konfliktlösung der alte Glaubensstreit von neuem ausbrach, diesmal allerdings deutlich heftiger. 1608 gründete sich die Protestantische Union, 1609 die Katholische Liga. Damit waren die Fronten klar, der Augsburger Religionsfrieden endgültig gefloppt.

Der 30jährige Krieg entwickelte sich vom innerdeutschen Religionskrieg zum ersten gesamteuropäischen Weltkrieg, in den schließlich jede europäische Macht von Rang und Namen verwickelt war: das Reich, Frankreich, Schweden, Dänemark, Polen. Als ein am Ende nahezu frontenloses Jeder gegen Jeden nimmt der 30jährige Krieg den künftigen multikulturellen Binnenkrieg vorweg, den unsere heutigen realitätsblinden Führer unseren Kindern und Enkeln als politische Hinterlassenschaft vererben werden. Wer sich mit den unmenschlichen Grausamkeiten einer zügellosen Soldateska „junger Männer“ während des 30jährigen Krieges näher beschäftigen möchte, findet im Internet jede Menge abscheulicher Einzelheiten.

Der totale gesellschaftliche Zusammenbruch und die massive Schwächung des Deutschen Reiches nach dem 30jährigen Krieg wurden durch Frankreich und die Türkei, beide angeblich schon immer unsere besten Freunde, schamlos ausgenutzt. Frankreich annektierte schrittweise das Elsass und feierte diesen eindeutigen Landraub als „Wiedervereinigung“ (Reunion). Die Türken nutzten die Gelegenheit zu einem Angriff auf Österreich, wurden aber 1664 bei Mogersdorf geschlagen. 1683 führten sie ihren nächsten Angriffskrieg gegen das Reich und belagerten Wien. Besiegt wurden die Türken dank der Hilfeleistung eines polnischen Heeres. Um es noch einmal ausdrücklich hervorzuheben: Es waren Deutsche und Polen, die gemeinsam Europa vor der Türkenherrschaft gerettet haben – was eine solche Herrschaft bedeutet hätte, erleben wir inzwischen tagtäglich in Berlin-Neukölln. Unsere französischen Freunde hingegen nutzten die ungeschützte Flanke an der deutschen Westgrenze und plünderten die Pfalz. Schönen Dank noch an unser friedliches westliches Nachbarland für die Niederbrennung des Heidelberger Schlosses!

Übrigens hat sich die Türkei bis heute nicht für ihre ständigen Angriffskriege gegen Deutschland entschuldigt.

Kunstgeschichtlich steht das 17. Jh. für den Übergang von der Renaissance zum Barock und das große künstlerische Nichts während des 30jährigen Krieges. Für die Renaissance und die Zeit vor 1618 seien beispielhaft die Rathäuser in Augsburg und Bremen (Weserrenaissance) hervorgehoben und natürlich das Aschaffenburger Schloss. Nach 1648 findet man auch bei uns allmählich zum Barock, vor allem in Süddeutschland (Salzburger Dom, Kloster Banz). Mit der Friedenskirche im schlesischen Jauer entsteht der wohl eindrucksvollste Fachwerkbau in der Geschichte der deutschen Architektur. Besonders bezeichnend ist die völlige Abwesenheit deutscher Malerei in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Als die Alten Meister in Westeuropa nie wieder erreichte Bildwerke schufen, wurden die deutschen Rembrandts und Vermeers von hungrigen Soldatenbanden totgefoltert. Mit seinem „Simplicissimus Teutsch“ schrieb Grimmelshausen nicht nur den ersten großen Roman der deutschen Literatur, sondern auch eine erschütternde Darstellung des bislang längsten und – von 1944/45 abgesehen – bis auf weiteres wohl auch schrecklichsten Krieges auf deutschem Boden.

Fortsetzung folgt!


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