Stefan Scheils Attacken gegen die Islamkritik

Der bekannte konservative Historiker Stefan Scheil hat vor zwei Wochen im Blog der Jungen Freiheit unter dem Titel „Das Kreuzzugs-System“ einen Artikel publiziert, in dem er – als „Anwalt der Gegenseite“ – eine Reihe von Anklagen eines hypothetischen Moslems referiert, die dieser dem Westen bzw. dem Christentum „entgegenhalten“ „könnte“. Die Reaktionen aus der islamkritischen Szene kamen prompt, und sie waren scharf und bissig (was mich selbst betrifft zugegebenermaßen zu bissig in den Formulierungen, aber das steht auf einem anderen Blatt).

(Von Manfred Kleine-Hartlage)

Scheil wiederum legt nun mit einem neuen Artikel nach, in dem er darauf besteht, er habe sich die Behauptungen seines fiktiven Moslems doch gar nicht zu eigen gemacht, er habe doch nur

… die Frage gestellt, ob man nicht von einem christlich-westlichen Kreuzzugssystem sprechen müsse (…)

Obwohl eigentlich klar ausgesprochen war, daß meiner Auffassung nach eine islamische Gefahr real ist und es sich bei der vorgetragenen Gegenargumentation a) nicht um einen objektiven, sondern um einen parteiischen Beitrag handelte, der b) auch nicht meine Meinung (und ebenso wie der heutige keine JF-Redaktionsmeinung) wiedergab, sondern die eines fiktiven Muslims, hat der Krach sich breite Bahn gebrochen.

Ach, das war gar nicht seine Meinung? Nun gut, sehen wir uns den ursprünglichen Artikel noch einmal an. Er schreibt dort, es sei

legitim und notwendig … sich … ein paar Gedanken über die … Außenwirkung des … christlichen Westens auf die islamische Welt zu machen.

Nur begründet er – erstens – weder, warum es „legitim“, erst recht nicht, warum es gar „notwendig“ sei, sich auf den Standpunkt eines „fiktiven Muslims“ zu stellen und sich zu fragen, was „ein Moslem dem Christentum entgegenhalten“ könnte; er distanziert sich – zweitens – mit keinem Wort von dessen Anklagen (die knapp zwei Drittel des ganzen Artikels einnehmen); er stellt – drittens – das Ganze unter die Überschrift „Das Kreuzzugs-System“, ohne Frage- oder Anführungszeichen, ohne die geringste Relativierung, dafür aber – viertens – in expliziter Gegenüberstellung zum Begriff des „Dschihadsystems“. Und nachdem er somit alles dafür getan hat, dem Leser die Gedanken seines hypothetischen Moslems als gewichtige Argumente zu suggerieren, findet er, es sei doch „klar ausgesprochen“, dass dies nicht seine eigene Meinung sei, allerdings wiederum ohne den Leser darüber aufzuklären, was denn nun eigentlich seine Meinung ist.

Sollte es ihm tatsächlich darum gegangen sein, lediglich den advocatus diaboli zu machen, um eine aus seiner Sicht möglicherweise einseitige Islamkritik zu relativieren, so hat er damit etwas getan, was in der real existierenden BRD des Jahres 2012 reichlich überflüssig ist. In unserem Land wimmelt es nämlich nur so von advocatus diaboli, die keine Gelegenheit ungenutzt lassen, den Deutschen, den Christen, den Weißen, den Männern, den Heterosexuellen und überhaupt jeder Gruppe, die nicht Minderheit ist und vor allem nicht lautstark einen Opferstatus einfordert, ihre „Schuld“ vorzuhalten, die vorzugsweise dadurch zu sühnen ist, dass die betreffende Gruppe aufhört zu existieren, oder, wo dies nicht möglich ist, wenigstens aufhört, ihre Interessen zu vertreten. Bei Linken, für die die Zerstörung der Gesellschaft zum politischen Programm gehört, ist die Propagierung einer solchen Sicht ideologisch und strategisch gleichermaßen konsistent; aus der Feder eines konservativen Historikers, der wahrhaftig nicht dafür bekannt ist, der Political Correctness zu frönen, wirkt es reichlich bizarr.

Es ist so widersinnig, dass der Verdacht sich geradezu aufdrängen musste, hier wolle einer Thesen unters Volk streuen, ohne sich darauf festnageln zu lassen: den Islam auf dem Umweg über die Aufrechnung zu Lasten des Christentums zu verharmlosen (nicht ohne einzuflechten, dass „eine islamische Gefahr real ist“, dann aber wiederum nicht zu sagen, worin die Realität dieser Gefahr besteht), sich der Kritik an dieser Verharmlosung aber durch rhetorische Kapriolen zu entziehen. Sollte Scheil hier wirklich missverstanden worden sein, so muss er sich zumindest vorhalten lassen, durch seine zutiefst irritierende Art der Argumentation alles getan zu haben, um solche Missverständnisse zu provozieren.

Kaum weniger irritierend ist, dass Scheil durch die implizite polemische Gegenüberstellung „Kreuzzugs-System“/Dschihadsystem suggeriert, er habe sich mit meinem Buch „Das Dschihadsystem“ auseinandergesetzt (das er in Wirklichkeit nicht gelesen hat – nicht einmal den Titel schreibt er richtig), und seine Argumente seien nun die Antwort darauf; dabei lassen beide Artikel erkennen, wie oberflächlich seine Kenntnisse islamkritischer Positionen und Argumente sind. Kein Wort in diesen Artikeln lässt den Schluss zu, dass er sich mit irgendeinem islamkritischen Autor – es muss ja nicht Kleine-Hartlage sein – wirklich befasst hat. Mehr als den einen oder anderen PI-Artikel scheint er nicht gelesen zu haben. Nehmen wir diese Stelle aus dem zweiten Artikel:

Da fällt zum Beispiel ständig das Stichwort der islamischen „Taqiyya“. Das bedeutet, kurz gesagt, Muslime hätten angeblich die Erlaubnis, Nichtmuslime zu belügen, zu berauben oder zu hintergehen, sich harmlos zu stellen, so lange es ihnen nützt. Das sei Teil des Djihad-Systems.

(Nein, Muslime haben diese Erlaubnis nicht angeblich, sie haben sie! Das aber nur nebenbei.) Das Wort „Dschihadsystem“ wird generell nur in einem einzigen Zusammenhang, nämlich in Bezug auf das gleichnamige Buch verwendet. Scheil suggeriert hier (wiederum suggeriert er!), die Behauptung islamischer Taqiya sei ein zentrales Argument der darin entwickelten Position. Tatsächlich jedoch findet sich das Wort „Taqiya“ in dem fast 300seitigen Werk nur ein einziges Mal (S.272), nämlich im Zusammenhang mit der Rhetorik einer Einzelperson, Tariq Ramadans, und deren notorischer Unredlichkeit, nicht etwa zur Beschreibung des Dschihadsystems Islam, wie Scheil unterstellt.

Dass islamkritische Kommentatoren, etwa bei PI, in der Tat sehr häufig dieses Wort verwenden, liegt nicht daran, dass es zur Begründung islamkritischer Positionen notwendig wäre, sondern daran, dass man mit der offenkundigen Unredlichkeit muslimischer Funktionäre und scheinintegrierter Vorzeigemuslime, die knallharte ethnisch-religiöse Interessenpolitik mit universalistischen Phrasen verkaufen, täglich konfrontiert wird und daher täglich Anlass hat, davon zu sprechen.

Dass die islamkritische Szene über Scheils Art der „Kritik“ – von der er freilich behauptet, es sei gar keine, und die in der Tat insofern keine ist, als zur Kritik gehört, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen – hell empört ist, kann Scheil  sich nun ganz und gar nicht erklären und fängt an, rhetorisch zu grübeln:

Was passiert hier? Eine solche Explosion wegen eines Beitrags, in dem die Islamkritik nur beiläufig – und nicht einmal negativ – erwähnt worden war. Warum? Einfach nur ein schlechter Tag, alles halb so wild? Allzumenschliches Bemühen, den Platz als „Islamkritiker“ zu behaupten? Sich nichts dabei gedacht? Mir scheinen die Ursachen anderswo zu liegen. Das Problem scheint darin zu bestehen, daß die Islamkritik sich zusehends in den klassischen Mustern aus Angst, Halbwissen und politischem Willen verliert, wie man sie auch aus ganz Zusammenhängen kennt.

Nämlich in diesem: „Taqiya“ sei

ja einer der Klassiker der antijüdischen Agitation seit dem Aufkommen der antisemitischen Bewegung im 19. Jahrhundert gewesen. Die Behauptung, daß „der Eid eines Juden“ nichts wert sei, daß Juden sich als Teil ihrer Gemeinschaft gegenüber Christen weder an Gesetze, noch an Verträge noch an gegebene Ehrenwörter halten müssten, war eins ihrer zentralen Elemente. Damit hat man sich in einer damals überschaubaren und politisch eher unwichtigen Antisemitenszene so schnell so erfolgreich verrückt gemacht, daß schon vor 1900 der erste Ganzschlaue die äußersten scheinlogischen Konsequenzen zog und „die völlige Absonderung“ oder „schließliche Vernichtung“ der Juden öffentlich forderte und dies auch drucken ließ.

Ach, so einfach ist das? Von der Behauptung (die übrigens keineswegs nur von Antisemiten erhoben wurde), die jüdische Religion erlaube unter bestimmten Voraussetzungen die Täuschung von Nichtjuden, führte der gerade Weg nach Auschwitz, und deswegen sei Jeder, der von Taqiya spreche, ein moslemvergasender Nazi im Wartestand? Nein, natürlich behauptet er das nicht, er weiß ja, dass es knoppesker Unsinn wäre. Er suggeriert es so, dass im Kopf des Lesers die einschlägigen Assoziationsketten ausgelöst werden, und zugleich so, dass er stets behaupten kann, das habe er ja gar nicht gesagt.

Die Kurve kriegt er so:

In der Islamkritikerszene wird in abgestuften Formen zwar nicht die Ausrottung der Muslime (gefordert) …

… womit er zugibt, dass der vorhergehende Absatz ein höchst überflüssiges Stück diffamierender Polemik war …

… vielfach aber die Bekämpfung und die „Befreiung“ der Welt vom Islam als Ganzes gefordert. Das ergibt sich auch aus der Systemlogik der vorgebrachten Argumentation.

Wofür er den Beweis schon deshalb schuldig bleiben muss, weil er sich mit der „vorgebrachten Argumentation“ (welcher? wessen?) nicht auseinandersetzt und mit ihrer „Systemlogik“ schon überhaupt nicht. Wäre es so, wie er unterstellt, ergäbe sich also aus der Islamkritik ihrer immanenten „Systemlogik“ nach die Forderung nach einer Art anti-islamischer Weltrevolution, dann müsste in der islamkritischen Szene Einigkeit über diese Forderung bestehen. Dies ist keineswegs der Fall, wie Jeder weiß, der sich in der islamkritischen Szene auskennt.

Wenn Scheil schon, m.E. zutreffend, eine Parallele zieht zwischen dem westlichen Kreuzzugsdenken vor dem und im Ersten Weltkrieg einerseits, und dem gegen muslimische Länder gerichteten westlichen Interventionismus (der von Teilen, aber eben nur von Teilen, der islamkritischen Szene mitgetragen wird) andererseits, dann sagt er doch mit eigenen Worten, dass dieser sozusagen messianische westliche Interventionismus auch ganz unabhängig von islamkritischen Positionen existiert; dass er aus ganz anderen ideologischen Quellen stammt als aus der Islamkritik, mit der er sich höchstens verbinden kann, aus der er sich aber keineswegs, und schon gar nicht mit Notwendigkeit, ergibt.

Ich bin der Erste, der Kritik übt, wenn Islamkritiker das Kind mit dem Bade ausschütten und sich nicht darauf beschränken, die Islamisierung des eigenen Landes und Europas zu bekämpfen, sondern den Ehrgeiz entwickeln, gleich 1,5 Milliarden Moslems den Islam auszutreiben. Hätte Scheil nur dies gesagt, er hätte viel Zustimmung auch von Islamkritikern geerntet.

Stattdessen bastelt sich aus Unkenntnis der Islamkritik schlechthin (liberaler wie konservativer Ausrichtung) als Pappkameraden eine „Islamkritik“ zurecht, die sich dadurch auszeichne

… sich in simplen Gedankenstrukturen einer islamischen Verschwörung gegen Europa und die Welt zu verrennen

und die mit der wirklich vertretenen Islamkritik nicht einmal die Ähnlichkeit einer Karikatur hat, Scheil aber die Gelegenheit gibt, nach der Auschwitzkeule nun auch noch die „Verschwörungs“-Keule zu schwingen.

Dies ist nicht die Sprache, in der genuiner Erkenntnisdrang sich artikuliert. Es ist die Sprache einer Political Correctness, die den Andersdenkenden mit Totschlagworten niederknüppelt, und die man aus jeder anderen Quelle eher erwartet hätte als aus dem Umfeld der Neuen Rechten, die selbst oft genug Gegenstand dieser Art von „Kritik“ ist, und von einem Historiker, der allen Anlass hat, diese Art von linkem Herrschaftsdiskurs nicht noch durch eigenes schlechtes Beispiel zu legitimieren.


Der Publizist und Blogger Manfred Kleine-Hartlage ist Autor des viel beachteten Werkes „Das Dschihadsystem. Wie der Islam funktioniert“, erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag, 2010, 19,90 Euro (siehe: Rezension von Prof. Tilman Nagel).