Nagel: Islam/Islamismus-Unterscheidung unsinnig

Prof. Tilman NagelAnlässlich der Bombe vom Hauptbahnhof Bonn hat das Hamburger Abendblatt einen sehr lesenswerten Artikel von Thomas Frankenfeld veröffentlicht. Er erhält vieles von dem, was man in der Mainstream-Presse normalerweise nicht zu lesen bekommt (siehe Hervorhebungen):

Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums 1991 verkündete der amerikanische Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“. Da die großen Gegenpole wie Faschismus und Kommunismus nun eliminiert seien, gebe es im Sinne der Dialektik keine machtvolle Antithese mehr zum Liberalismus mit Demokratie und Marktwirtschaft.

Bekanntlich war dies ein vorschnelles Urteil – und mit dem militanten Islamismus trat eine religiös motivierte Gegenthese auf den Plan. Der amerikanische Politologe Samuel Huntington prägte 1996 vor allem mit Blick auf den Islam die These von unausweichlichem „Kampf der Kulturen“. Huntington erntete viel Kritik dafür – auch unter Hinweis auf den moderaten Islam.

Es gibt aber Stimmen wie den deutschen Islamwissenschaftler Tilman Nagel [Foto oben, Anm. v. PI], die eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus für unsinnig halten, solange die beiden Hauptquellen des Islam, der Koran und die Sunna – die wegweisenden Taten des Propheten Mohammed – für absolut und für alle Zeiten wahr ausgegeben werden. Bezeichnenderweise berufen sich auf den Koran, das heilige Buch der Muslime, sowohl jene, die einen toleranten Islam vertreten, als auch jene, die die ganze Welt notfalls mit Feuer und Schwert zu Allah bekehren wollen.

Der Koran liefert beiden Seiten eine schriftliche Grundlage; allein die 9. Sure ist streckenweise eine einzige Aufforderung zum bewaffneten Kampf gegen Ungläubige aller Art. Der Koran wurde der Überlieferung nach im siebten Jahrhundert von Gott mittels des Erzengels Gabriel dem Propheten Mohammed direkt eingegeben. Nach dessen mündlichem Zeugnis – Mohammed war Analphabet – wurde er in den folgenden Jahrzehnten niedergeschrieben. Da er als das unmittelbare Wort Gottes gilt, können auch strittige Passagen nicht verändert werden.

Islamistische Terroristen berufen sich auf den im Koran niedergelegten Auftrag zum Dschihad der Gläubigen. Zu Zeiten Mohammeds war damit tatsächlich ein bewaffneter Kampf gemeint, spätere Auslegungen stellen den Dschihad in erster Linie als innere Anstrengung der Gläubigen dar. Allerdings werten radikale islamische Vordenker wie Sayyid Qutb die Gegenwart als „Dschahiliya“ – „Zeit der Unwissenheit“. Jeder Muslim habe die Pflicht, mittels innerem als auch äußerem Dschihad den Gottesstaat herzustellen.

Der islamische Terrorismus, wie wir ihn heute kennen, entwickelte sich in den Nachwehen der sowjetischen Invasion in Afghanistan zwischen 1979 und 1989. Bis dahin hatten militante Extremisten vor allem versucht, weltlich orientierte Regierungen islamischer Staaten zu stürzen. Aus dem Kampf gegen die „gottlose“ Rote Armee, an dem sich Freiwillige aus zahlreichen islamischen Staaten beteiligt hatten, wurde nach 1989 plötzlich ein umfassender Kampf gegen den als ebenso „gottlos“ empfundenen Westen. Afghanistan wurde zur Grundschulzeit für den islamischen Terrorismus.

Und es war die Geburtsstunde des später global agierenden Terrornetzwerks al-Qaida – „die Basis“. War dies einst ein Computerverzeichnis verbündeter Mudschaheddin bei der CIA gewesen, so schufen der saudische Multimillionär Osama Bin Laden und andere aus diesem personellen Fundus eine lose verbundene Franchise-Organisation, an der sich jede Gruppe beteiligen konnte. Jedenfalls sofern sie dessen militante wahabitische Auslegung des Islam teilte und bereit zum Kampf gegen westlich-plurale Staaten und mit ihnen verbündete islamische Regierungen war. Heutiger Chef von al-Qaida ist der frühere Militärchirurg Ayman al-Sawahiri, der aus einer angesehenen Kairoer Familie stammt und Bin Laden bereits aus Afghanistan kannte.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 mit fast 3000 Toten in den USA, die auf das Konto von al-Qaida gingen, und die nachfolgenden Anschläge in Großbritannien, Spanien, Frankreich, Indonesien und anderen Staaten veränderten die Welt. Die Amerikaner und ihre Verbündeten traten in einen Krieg ein, der bereits ein gutes Jahrzehnt dauert und dessen Ende nicht abzusehen ist. Das Phänomen islamischer Terrorismus führte zu strengen Sicherheitsmaßnahmen, einem latenten Alarmismus und veränderte damit auch unseren Alltag und unser Denken.

Die – im Koran für Selbstmörder gar nicht vorgesehene – Verlockung eines direkten Einzugs ins Paradies als „Schahid“ – Märtyer – war sicher ein wesentliches Motiv für die Attentäter des 11. September wie auch für zahllose andere Terroristen. Wichtig für die Ideologie von islamischen Terroristen ist die kompromisslose Aufteilung der Welt in ein Gebiet des Islam (Dar al-Islam – Haus des Islam oder des Friedens) und den Rest der Welt, dem Dar al-Harb oder Haus des Krieges. Das Wort Islam selber bedeutet ja „Unterwerfung“ unter den Willen Gottes. Der militante Islamismus mit seiner Forderung nach vollständiger Durchdringung aller Lebensbereiche ist mit dem Konzept der pluralistischen Demokratie unvereinbar, sieht keine Trennung zwischen Staat und Religion vor und gilt im Westen als frauenfeindlich.

Während der Gründungsauslöser des modernen islamischen Terrorismus die sowjetische Invasion in das urislamische Land Afghanistan war, kann man die tieferen Ursachen in einer langen Demütigung der islamischen Welt vor allem durch den Westen sehen, die mit kulturellem und politischem Niedergang einherging – einschließlich des Zerfalls des Osmanischen Reichs und der Abschaffung des Kalifats durch Kemal Atatürk in der Türkei. Triebkraft der meisten militanten Bewegungen ist eine Rückbesinnung auf koranische Zeiten. Der militante Islamismus übersieht, dass der Niedergang der einst führenden islamischen Welt vor allem Konsequenz einer Knebelung der Wissenschaften und des freien Geistes war – während der Aufstieg des Westens erst richtig nach der Aufklärung einsetzte, die den Menschen von religiös bedingten Denkverboten befreite.

Islamistischer Terrorismus wird weltweit zwar nur von einer sehr kleinen Minderheit der Muslime verübt, dennoch konnten sich Terrororganisationen in einer weiten Spange von Algerien bis Ägypten, von Mali über den Jemen bis Somalia, von Afghanistan und Pakistan über Tschetschenien bis zu Indonesien und den Philippinen festsetzen. Einen besonderen Brennpunkt stellt das instabile und von militanten Islamisten bedrängte Pakistan dar, das über Atomwaffen verfügt. Selbst der mächtige Geheimdienst ISI, ein Staat im Staate, kooperiert teilweise mit den radikalislamischen Taliban, al-Qaida oder dem ideologisch verwandten und hochkriminellen Haqqani-Netzwerk.

Die sozialpolitischen Ursachen des Phänomens islamischer Terrorismus liegen vor allem im erbärmlichen Versagen vieler Regierungen islamischer Staaten – in Tyrannei, Korruption und der Verarmung und Hoffnungslosigkeit ganzer Bevölkerungsschichten. Rein militärisch ist der „Krieg gegen den Terrorismus“ daher nicht zu gewinnen.

Kritik:

Obwohl Autor Frankenfeld dargelegt hat, warum sich eine Unterscheidung in Islam und Islamismus ausschließt, hält er sich selber leider nicht konsequent daran und spricht immer wieder von Islamismus.

In einem weiteren Punkt muss man dem ansonsten hervorragenden Artikel widersprechen: Frankenfeld schreibt, der Koran würde keinen direkten Einzug für Märytrer ins Paradies versprechen. Das ist verkehrt. Wer im heiligen Krieg gegen die Ungläubigen stirbt, soll sofort in Allahs Paradies gelangen. Koran-Kenner Robert Spencer, der wirklich den Koran bis in Detail untersucht hat, sagt, dies sei sogar die einzige im Koran vorhandene Garantie zur Erlangung des Paradieses. Dies und viel mehr erklärt Spencer im CNN-Film „Was der Westen wissen muss“ zusammen mit Bat Ye’or (jüdische Historikerin aus Ägypten), Walid Shoebat (zum Christentum konvertierter PLO-Terrorist):

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