Galaktischer Besuch in der Rauhnacht

Die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag werden auch die Rauhnächte genannt: die Zeit, in der Wotans wilde Jagd über den Himmel zieht und die Grenzen zwischen den Welten durchlässig werden. Wer in diesen Nächten das Fenster offen lässt, muss mit ungewöhnlichem Besuch rechnen – so wie es mir geschah.

(Von Peter M. Messer)

Ich hatte den Tag damit verbracht, mein Arbeitszimmer auszumisten. Überall im Zimmer lagen Stapel mit Zeitschriften, aus denen ich erhaltenswerte Artikel ausschnitt, um den Rest dem Altpapier zu überantworten. Das kam einem Jahresrückblick gleich, und so war mir naturgemäß schlecht. Ich brauchte frische Luft und ein starkes Getränk, und während ich mir mit dem Rücken zum offenen Fenster einen großen Whisky eingoss, musste er hereingekommen sein – entgegen dem überlieferten Brauch übrigens ohne anzuklopfen. Da saß er nun auf meinem Schreibtisch und fuhr missmutig mit dem Schnabel durch die Zeitungsausschnitte: ein Rabe, größer als ein Adler, schwärzer als die Nacht. Ein Tier, das Kristina Schröder garantiert aus jedem Märchen herauszensieren würde. „Pah!“ sagte der Rabe und sah mich mit einem blitzenden Auge an. „Weißt du, wer ich bin?“
In der Ferne meinte ich Hörner und ein eisiges Bellen zu hören. Es war also wahr. „Ihr seid ein Rabe Wotans.“ Aber welcher? Ich ließ mich von seinem Interesse am gedruckten Wort leiten. „Ihr seid Hugin. Ihr hört alles. Jeden Morgen umrundet ihr die Welt und teilt Wotan mit, was alles gesagt wurde.“ „Ach, das war früher! Heute erfasse ich auch alles, was gesagt, gesungen und geschrieben wurde! Jeden Zeitungsartikel! Jede E-Mail! Und was Joachim Gauck unter der Dusche singt! Und daraus muss ich dann täglich zum Frühstück eine Zusammenfassung von nicht mehr als zehn Minuten machen!“

„Das ist ja eine furchtbare Informationsüberflutung!“

„Ich will dir mal was verraten. Kennst du die Geschichte vom Met der dichterischen Inspiration?“

„Den stahl Wotan einem Riesen, indem er ihn austrank. Auf der Flucht verwandelte er sich in einen Adler, aber der Riese verwandelte sich ebenfalls in einen Adler und verfolgte ihn. Bevor er Wotan erreichen konnte, erbrach der den Met in einen Bottich auf den Dächern der Götterburg Asgard. Was vorbeispritzte, davon ernähren sich die Dichter von Knittelversen.“

„Ich erbreche mich auch. Jeden Morgen, nachdem ich meine Aufgabe erfüllt habe, kotze ich die ganzen halbverdauten Informationen von Asgards Mauern herunter. Und das ist die Inspiration für Leserbriefe, Online-Kommentare und Kabarett-Programme.“

Also deshalb hatte ich beim Abfassen von Leserbriefen immer so einen säuerlichen Geschmack im Mund. „Aber was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?“

„Wie du weißt, will mein Herr den Weltuntergang aufhalten und sammelt dazu Kämpfer in Walhalla. Früher haben dazu Krieger ausgereicht. Aber die Zeiten haben sich geändert! Es geht nicht mehr um Feuerriesen und andere Ungeheuer. Die Kräfte des Chaos wollen heute alle Unterschiede, aus denen die Schöpfung ja besteht und die sie Diskriminierungen nennen, auflösen und alles in einen wirbelnden grauen Schleim verwandeln. Dazu benutzen sie Intellektuelle, Journalisten, Pädagogen und Politiker. Mit Kriegern richtet man dagegen nichts mehr aus.“

Ich wäre da nicht so pessimistisch, wandte ich ein. Schon zwanzig Berserker im Bundestag könnten sicher nachhaltige kommunikative Akzente setzen.

„Gewalt ist nicht immer eine Lösung. Wir brauchen auch solche Leute, aber geistig gibt es auf unserer Seite einfach nichts. Wir erreichen die Menschen nicht mehr!“ Wie auf Bestellung wurde Hugin in ein dramatisches rotes Licht getaucht. Jemand hatte wohl eine von Silvester übrig gebliebene Leuchtrakete gezündet. „Und darum haben wir uns einen neuen Verbündeten gesucht.“ Hugins Blick folgend drehte ich mich um und sah die tatsächliche Quelle des roten Lichts: das war keine Leuchtkugel. Das war Darth Vaders Laserschwert.

Der war also auch wahr.

Lord Vader betrachtete ein Exemplar der Zeitschrift Zuerst!, schnitt mit einem leichten Schlenker seiner Waffe ein einziges Blatt heraus und steckte es ein. Dann sah er mich an.

„Das ist er also.“ Hugin nickte, und ich verbeugte mich. Auf Smalltalk mit einem Sith-Lord war ich nicht vorbereitet. Also lieber gleich zur Sache kommen: „Was führt Euch auf diesen Planeten, mein Lord? Spürt Ihr eine Erschütterung der Macht?“

„Eine Verwirrung der Macht, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Sie ist hier völlig aus dem Gleichgewicht geraten, konfus, verstört, völlig plemplem! Ich habe noch nie von diesem Planeten gehört, aber offensichtlich sind die Macht und ich hier keine Unbekannten: die Jugend wird mit pädagogisch wertvollem Spielzeug unterrichtet, es gibt zahlreiche, wenn auch stark verfälschte Dokumentarfilme mit mir, und ich tauche in Werbefilmen für veraltete Oberflächengleiter namens Volkswagen auf. Aber nirgendwo scheint eine wirklich vertiefte Beschäftigung mit der Macht zu erfolgen. Auf meiner Suche stieß ich dann auf ein merkwürdiges Symbol: ein Kreis mit zwei ineinander verdrehten Hälften, schwarz und weiß, jeweils mit einem Punkt der anderen Farbe in der Mitte.“

„Das Yin-Yang-Symbol,“ erklärte ich.

„Ein Zeichen für die dunkle und die helle Seite der Macht, dachte ich. Aber was für seltsame Dinge hier im Namen der Macht getan wurden! Es wurde mit viel Glutamat gekocht, oder feingliedrige Personen stellten bei mir Verspannungen fest, die sie beseitigen wollten, indem sie auf mir herumrutschten. Und einmal wollte jemand viele kleine Nadeln in mich hineinstechen.“

Oh nein! Lord Vader war an China-Restaurants, Massagesalons und Akupunkturpraxen geraten. Falls er deren Betreiber gelichtsäbelt haben sollte, konnte ich mir die Schlagzeilen schon vorstellen: Zweite Generation der NSU massakriert asiatische Gewerbetreibende!
„Aber dann fand ich endlich eine heiße Spur der Dunklen Seite, an noch merkwürdigeren Orten: Voller abstruser Bücher über die Macht, Kristallen, Räucherstäbchen und Statuen einer Person im Schneidersitz, die Gewaltlosigkeit predigte. Sie hießen Esoterikläden. Und ihre Besitzer waren alle Vegetarier. Aber hier fand ich endlich, was ich suchte: Wut, Zorn, Verachtung, Hass.“
Wem diese dunklen Gefühle galten, wollte ich wissen.

Lord Vader tippte mir auf die Brust: „Leuten wie dir: Sarrazinisten, Islamfeinde, Eurokritiker, Rechte. Die sollten die wahren Jünger der Dunklen Seite sein. Aber was waren die für eine Enttäuschung! Ich fand nur Angst, aber keine Regung, die zum Handeln trieb, denn größer als die Angst vor Euro und Überfremdung war die Angst davor, unanständig zu sein. Dafür reichte schon das Zeigen von Karikaturen! Weil sie ihre dunkle Seite unterdrückten, fehlten ihnen Wut und Zorn, um die eigene Trägheit und die Hemmungen zu überwinden, die ihre Gegner ihnen einimpften. Weil sie nicht hassen und verachten konnten, richten sie sich am Ende doch nach dem Urteil der Gaucks und der geistesgestörten Geistesgrößen. Sieh dir an, wer immer Macht hat in diesem Land, ob Minister oder Miri-Schläger: die Dunkle Seite ist stark in ihnen. Ihr aber jammert doch nur und tut euch Leid. Die schlimmsten Gutmenschen sind die, die sich über Gutmenschen beklagen!“

So, das reichte. Ich hatte keine Lust, mir eine Strafpredigt halten zu lassen. Das war sowieso alles mit Sicherheit nur eine neue Show. Irgendwo lief die versteckte Kamera, und unter Vaders Maske steckte Hape Kerkeling. Außerdem hatten die Jedi die Dunkle Seite besiegt. Das sagte ich Lord Kerkeling dann auch.

Bereits kurz vor dem Aufprall an der Zimmerdecke war mir klar, dass Hape Kerkeling nicht unter der Maske steckte. Lords Vaders telekinetischen Finger schlossen sich um meine Gurgel.

„Was weißt du über die Jedi?“

Ja, was, und vor allem etwas, das mich hier herunterbekommen würde. Mir fiel nichts ein. Mir wurde schon schwarz vor Augen. Da stieß ich hervor:

„Jedi – lange Haare, kurze Schwänze
und der Verstand, der fehlt in Gänze.“

Vader ließ mich los, und so wurde mein Leben durch eine Floskel aus dem Krampf gegen Rechts gerettet. Während ich nach Luft schnappte, offenbarte mir Vader in einer blitzartigen Gedankenübertragung die wahre, komplizierte Geschichte. Hier nur so viel: Der ehrwürdige Orden der Jedi war durch eine Art galaktische 68er-Bewegung unterwandert und in eine Gutmenschen-Guerilla verwandelt worden. Der Todesstern war ihre Erfindung gewesen, gebaut zur Durchsetzung ihres Tugendterrors. Die eigentliche Widerstandsbewegung waren die Sith. Am Ende, da stimmte George Lucas’ Version wieder, war das Gleichgewicht der Macht durch Vaders Kinder Luke und Leia wiederhergestellt worden. Er selbst hatte sich zurückgezogen, erforschte randständige Bereiche der Galaxis und leitet eine Rennserie für historische Podracer.

„Wie seid Ihr überhaupt auf mich gekommen?“ wollte ich wissen.
„Lord Vader meinte zu spüren,“ sagte Hugin, „dass du Zugang zur Dunklen Seite der Macht haben musst. Aber die Macht ist auf diesem Planeten eben sehr verwirrt.“

Vader beugte sich vor: „Begreift doch, dass ihr euch endlich der Dunklen Seite öffnen müsst! Es ist nicht die Dunkle Seite gewesen, die euch belogen hat. Es waren eure Ängste vor der Überfremdung, dem Euro und Europa, die richtig lagen. Und wenn ihr eurer Wut und eurem Zorn freien Lauf gelassen hättet, dann hätten sie es erlaubt, aus eurem alltäglichen Selbst auszubrechen und die Kraft zum Widerstand zu finden. Dafür sind sie schließlich da! Darum heißt die einzige in einem Parlament vertretene bürgerliche Protestpartei auch Bürger in Wut. Es sind eure Hoffnungen und Ideale, die euch betrogen haben, und eure Mäßigung, die euch machtlos macht! Du weißt, dass ich Recht habe. Erforsche deine Gefühle!“

Ich musste nicht lange forschen, um zu erkennen, dass Vader richtig lag. Aber Zugang zur Dunklen Seite der Macht? Ich erzählte Vader von meinen Erfahrungen bei Demonstrationen und dem Bericht, den mir ein Freund von der letzten Demonstration gegen den ESM in Karlruhe gegeben hatte: Wie man an einem Samstag in einer brechend vollen Stadt mit 500 Leuten auf dem Marktplatz steht, während ein paar Meter entfernt fette Vetteln an kleinen Tischen ihren Kuchen verzehren und eine als Revolutionäre von 1848 verkleidete Truppe vorbeimarschiert – nicht um sich den Demonstranten anzuschließen, sondern um vor dem Schloss anlässlich der Landesausstellung artig etwas Revolutionsfolklore zum besten zu geben. „Die Dunkle Seite der Macht? Ich kenne nur die dunkle Seite der Ohnmacht.“ Vader wandte sich ab.

„Aber vielleicht ging es gar nicht darum, ihn zu finden,“ sagte Hugin zu Lord Vader, „sondern etwas in ihm zu finden.“ Und dann geschah es. Vader und Hugin sahen mich stumm an, und mein Kopf wurde zu einer Werkzeugkiste, in der diese großen Geister herumkramten. Namen, Konzepte und Theorien klirrten einander wie Schraubenschlüssel. Nach einer Weile bewegte sich die Suche in eine eindeutige Richtung. Subversion, Travestie und Karneval, Michail Bachtin und Judith Butler. Dann wurde es ruhig.

„Was,“ fragte Lord Vader in die Stille hinein, „ist eine Büttenrede?“
„Knittelverse mit oft politischem Inhalt, die bald zu landesweiten Veranstaltungen namens Karneval oder Fasnacht vortragen werden,“ sagte Hugin.

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch, ist es.“ Hugin flatterte wieder auf meinen Schreibtisch und kramte in den Zeitungsausschnitten. „Die Lage ist verzweifelt und erfordert verzweifelte Maßnahmen.“

Dann begannen sie mit dem Dichten einer Büttenrede, indem sie schweigend ihre Geister verbanden. Das Knistern ihrer Kreativität füllte den Raum. Nach einer Zeit schien Darth Vader nichts mehr einzufallen, aber das war für Hugin kein Problem. Er flog einmal kurz an meinen Büchern und Zeitschriften vorbei, um sich dann auf dem Fensterbrett ausgiebig zu übergeben. Mit dieser frischen Inspiration konnte die Rede schnell vollendet werden. Und ich würde diese Zeilen nicht schreiben, hätten mir nicht am nächsten Tag alle Nachbarn erzählt, dass sie am Morgen wie im Rausch Leserbriefe verfasst hätten, die ihnen schon seit Jahren auf der Seele lagen.
Darth Vader begann zu rezitieren:

„Ich sitz’ auf meinem Sternenkreuzer
Und hör’ auf Erden schlimme Seufzer…“

Das war der Plan: Hugin würde seine morgendliche Kotzerei vor Karneval in ein Zauberklo verrichten, das ihm einst ein kabaretthassender Zwerg geschenkt hatte und das maßlose Mengen von Informationsmüll spurlos versenken konnte. Von Asgards Mauern herunterreihern würde er nur noch die vorbereitete Büttenrede. Dadurch würde auf alle Karnevalsaktivisten ein unwiderstehlicher Zwang ausgeübt, sich als Darth Vader zu kostümieren und genau diese Rede zu bringen. Der Bote aus Bonn in Mainz würde sie vortragen, die Bläck Fööss in Köln würden sie vorsingen, ja sogar mit Funkenmariechen im Darth-Vader-Kostüm sei zu rechnen. So sollte die Botschaft zu den Menschen gebracht und die Dunkle Seite der Macht eindrucksvoll in ihr Recht gesetzt werden.

Die Rede schloss mit einem flammenden Appell:

„Drum bitt’ ich euch, ihr lieben Leute,
kommt alle auf die Dunkle Seite!
Wer dumpfig bleibt im Lichte sitzen,
der muss zur Straf’ den Yoda bützen!“

Hugin flog zum Fenster und sah hinaus: „Wir müssen jetzt gehen.“ Lord Vader folgte ihm. Vor meinem Fenster, schwarz, schwer und still, hing sein Tie-Fighter in der Luft (er ist in Wirklichkeit deutlich größer als im Film). Auf seinen regennassen Flanken spiegelten sich vom Dach des Nachbarhauses her die Lichter einer Weihnachtsmanndekoration mit Rentierschlitten. Vader und Hugin kletterten ins Cockpit. Der Mond brach durch die Wolken, und dann sah ich sie: die Wilde Jagd, angeführt von Wotan, vor sich ein Rudel blauweißer Wölfe, hinter sich das Heer der Toten. Lord Vader würde sie in seinem Raumjäger noch etwas begleiten, und es war Hugin anzusehen, dass er sich gern ein wenig chauffieren lassen wollte. Aber ich konnte die kalte Luft dieser Höhe nicht atmen. Ich würde hier unten bleiben müssen in diesem Land voller Jammerbürger und wehrunfähiger Anstandsasthmatiker, in dem ein Politiker schon durch das Gerücht zur konservativen Hoffnung werden konnte, er sei beim Pinkeln Rechtsausleger (die betreffende Person würde allerdings bald dementieren und verkünden, dass sie exakt mittig uriniere).

Die Cockpitabdeckung begann sich zu schließen.

„Hugin! Lord Vader!“ rief ich verzweifelt, „werdet Ihr wiederkommen?“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“