Back in the USA!

Freitag, 1. Februar 2013. „Der Lufthansa-Flug LH 436 nach Chicago steht jetzt am Flugsteig A 88 zum Einsteigen bereit“ – schnell noch in der engen Raucherlounge des Düsseldorfer Flughafens die letzte Zigarette geraucht und ab geht’s in den Flieger. Wie jeden Winter seit 2004 fliege ich in ein kleines amerikanisches Städtchen westlich von Chicago, Richtung Iowa. Einer jener unzähligen Orte in den USA, die abseits der touristischen Trampelpfade liegen und in die sich somit ganz selten ein Nicht-Amerikaner verirrt – man ist im wahrsten Wortsinne allein unter Amerikanern. Aber nachdem ich in all der Zeit dort viele gute Freunde kennengelernt habe und mich als nicht-muslimischer Deutscher natürlich auch gut integriert habe, fühle ich mich genau damit stets aufs Neue „sauwohl“.

(Von Peter H., z.Zt. Illinois)

Und obwohl ich einen Ort aufsuche, den ich seit vielen Jahren kenne, ist diese Reise doch etwas Besonderes: PI hat mir die Möglichkeit gegeben, ein Reise-Tagebuch zu schreiben, das in „Echtzeit“ auf PI veröffentlicht wird. Na ja: fast in „Echtzeit“ – es soll in acht oder neun Beiträgen zusammengefasst werden, jede Woche einer, bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland am Ostersonntag. Für deutsche Leser aus den USA zu berichten, ist für mich mehr als nur eine neue, spannende Herausforderung als Autor – es ist eine Herzensangelegenheit, auf die ich mich lange gefreut habe!

Fast pünktlich hebt der halbleere Airbus 340 in Düsseldorf ab, ein letzter Blick auf Deutschland, während der Airbus sofort auf Kurs in Richtung Holland geht. Und obwohl ich ein eher heimatverbundener und patriotischer Deutscher bin, glaube ich nicht, dass ich Deutschland in den nächsten zwei Monaten vermissen werde. Das heutige Deutschland hat kaum noch etwas mit dem Deutschland meiner Jugend gemein: es ist etatistisch, wenn nicht sozialistisch, der Öko-Faschismus der GrünInnen nervt ungemein und der Islam gewinnt immer mehr Macht. Aber was am meisten stört, sind die ständigen Diffamierungen und Verleumdungen, die sich eine linke Presse gegenüber Konservativen und Islam-Kritikern leistet. Natürlich kennen mich auch meine amerikanischen Freunde und Nachbarn als Konservativen – aber trotzdem ist in all den Jahren noch nie ein Amerikaner auf die Idee gekommen, mich als „Nazi“ zu bezeichnen. Auch in Israel, wo ich früher jahrelang Urlaub gemacht und viele Diskussionen mit Einheimischen hatte, ist mir dergleichen niemals passiert. In Deutschland hingegen reicht es völlig, sich an einem Info-Stand in einer Fußgängerzone als Konservativer oder Islam-Kritiker zu erkennen zu geben – und schon wird man von irgendeinem dahergelaufenen linksversifften Spätpubertierenden, der in Wahrheit null Ahnung hat, was der nationale Sozialismus tatsächlich war, als „Nazi“ beschimpft.

Natürlich ist mir bewusst, dass auch das Amerika des Barack Hussein Obama inzwischen nach links driftet, auch befürchte ich, dass Hussein Obama in den nächsten vier Jahren noch viel Unfug machen und nicht nur den USA, sondern der gesamten westlichen Welt, ganz besonders Israel, noch sehr schaden wird. Aber auch einem Hussein Obama ist es nicht gelungen, meine Liebe zu Amerika zu beeinträchtigen: Um die Freiheit des Einzelnen, ganz besonders um die Meinungsfreiheit, ist es in den USA immer noch sehr viel besser bestellt als in Deutschland. Auch die Debatten-Kultur ist deutlich fairer als in Deutschland, es wird sachlicher debattiert und dass man Konservativen immer nur mit Beschimpfung und Diffamierung begegnet, ist nicht der Fall. Und die spezifisch deutsche Unsitte, Rechtskonservative und Rechtsradikale ständig zu „verwechseln“, wäre in den USA undenkbar. Da ist man schon froh, wenn man diesem deutschen Irrsinn wenigstens mal für zwei Monate entfliehen kann.

Aber noch ist Amerika weit weg, jetzt, nachdem die Anschnallzeichen erloschen sind, servieren die Stewardessen erst einmal die obligatorische Bord-Mahlzeit. Obwohl ich erst wenige Stunden zuvor am ganz hervorragenden Frühstücksbuffet des Ratinger Holiday-Inn den Kalorienbedarf – mindestens – des ganzen Tages zu mir genommen habe, greife ich gerne zu: Wenn man neun Stunden lang an einen engen Sitz gefesselt ist, immer nervös Ausschau hält, ob nicht etwa Angehörige der Friedensreligion mit an Bord sind und nicht einmal rauchen darf, haben die Bord-Mahlzeiten, die übrigens besser sind als ihr Ruf, eine eindeutig beruhigende Wirkung! Und da deutsches Bier in den USA sehr beliebt, aber nicht gerade preiswert ist, empfiehlt es sich, auch da nochmal ordentlich zuzugreifen. Die Lufthansa-Crew ist freundlich, hilfsbereit und bietet einen guten Service. Warum es in Deutschland inzwischen zum Volkssport geworden ist, über die Lufthansa und ihre Mitarbeiter zu schimpfen, wird sich mir heute jedenfalls nicht mehr erschließen. Lediglich die Ansage des Flugkapitäns offenbart wenig Erfreuliches: Über dem Atlantik lauern ein Jetstream und damit heftige Turbulenzen – und in Chicago erwarten uns minus 17 Grad Celsius! Minus 17 Grad, what the f*** – da fröstelt man ja schon, wenn man bloß daran denkt!

Irgendwo zwischen Schottland und Island

Wenn der Flieger Schottland hinter sich gelassen hat und über dem Atlantik ist, die Tabletts der Bord-Mahlzeit längst eingesammelt sind und ich die Zeitung mehrfach gelesen habe, kommt jedes Mal der Moment, wo ich geistig abschalte und in so eine Art Dämmerzustand verfalle. Natürlich weiß ich, dass es ein Bord-Unterhaltungssystem gibt, aber auf engstem Raum mit mehr als 200 anderen Menschen, zumeist Touristen, eingepfercht zu sein, ist nicht gerade der Moment, in dem ich mich an einem Hollywood-Film erfreuen kann. Meistens stelle ich an dem kleinen Bildschirm im Vordersitz die AirShow ein, die anzeigt, wo sich das Flugzeug gerade befindet. Aber über dem Atlantik sieht man stundenlang nichts anderes als ein Flugzeugsymbol auf blauem Grund, aus dem Fenster logischerweise immer nur Wasser. Natürlich weiß man genau, dass sich das Flugzeug mit derselben Geschwindigkeit fortbewegt wie über Land – aber da man stundenlang keinerlei Veränderung wahrnimmt, kommt es einem so vor, als stünde man über dem Atlantik und käme keinen Schritt vorwärts. Erst wenn irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit das kanadische St. Johns zu sehen ist, hellt sich meine Stimmung sofort auf: Land in Sicht! Aber noch sind es Stunden bis St. Johns, bis Chicago noch ein paar Stunden mehr.

Momente, in denen ich immer darüber nachsinniere, dass die deutschen Einwanderer, die sich im 19. Jahrhundert beispielsweise in Minnesota, Wisconsin und Iowa niedergelassen und die USA mit aufgebaut haben, Haus und Hof verkaufen mussten, nur dafür, die Überfahrt nach Amerika überhaupt bezahlen zu können. Eine Schiffreise, die im 19. Jahrhundert nicht ungefährlich war und die natürlich auch keinerlei Komfort, Service oder medizinische Betreuung beinhaltete. Nicht jeder deutsche Auswanderer kam lebend in Amerika an, manche verloren ihr Leben auch dadurch, dass sie bei der Einfahrt in den New Yorker Hafen einen Herzanfall erlitten, weil sie psychisch nicht verarbeiten konnten, dass es dieses Amerika, das sie bislang nur aus Erzählungen kannten, wirklich gibt und sie jetzt tatsächlich dort angekommen waren – daher auch der Spruch „Amerika sehen und sterben“.

Heute fliegt man einfach in weniger als einem halben Tag dorthin, wird unterwegs mit Getränken und Speisen versorgt, hat ein Bord-Unterhaltungssystem und kann mit seinem Laptop über den Wolken e-Mails versenden. Wenn jemand einen Arzt braucht, wird vom Piloten schnell der nächsterreichbare Flughafen angesteuert. Und das alles zu einem Preis, den sich fast jeder leisten kann und für den niemand mehr Haus und Hof verkaufen muss. Eigentlich ein ganz wunderbarer Fortschritt, der einem nur dadurch verleidet wird, dass Vertreter des radikalen Islams in Flugzeugen immer nur eine Möglichkeit erblicken, Ungläubige in die Hölle und sich selbst ins Paradies zu bomben. Aber um mich von diesen düsteren Gedanken abzulenken, die mich regelmäßig in 39.000 Fuß Höhe über dem Atlantik ereilen, denke ich lieber an all die Menschen in Amerika, die mir etwas bedeuten und die ich schon bald wiedersehen werde.

Gedanken an meine amerikanischen Freunde

Dazu gehört mein Freund Vince, ein Ex-Marine, der zweimal im Irak gekämpft hat, aber beim zweiten Mal so schwer verwundet wurde, dass er seinen Militärdienst vorzeitig beenden musste. Jetzt arbeitet er für FedEx, wenn wir zuviel Bier intus haben, redet er manchmal davon, dass er 14 Kameraden hat sterben sehen. Für mich ist er einer der anständigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Dann wäre da noch Gail, eine gebürtige Kalifornierin und Managerin meines Lieblings-„Denny’s“, in dem ich jeden Morgen mein Frühstück zu mir nehme. Und die mir in der Woche vor meinem Abflug in ihren letzten Mails eindringlich klargemacht hat, wie furchtbar kalt es derzeit im Nordosten der USA doch sei und dass ich auf gar keinen Fall vergessen darf, möglichst wintertaugliche Kleidung einzupacken.

Und natürlich freue ich mich auf meinen besten Freund Don! Don hat als in Frankfurt stationierter Army-Soldat die „alte“ Bundesrepublik kennen- und mögen gelernt, vom wiedervereinigten Deutschland, das er immer als die „Islamic Republic of Germany“ verspottet, hat er keine sonderlich gute Meinung. Er ist Schlagzeuger und hatte das Glück, nach der Grundausbildung bis zum Ende seiner Army-Zeit in einer „Marching Band“ der Army spielen und durch Europa touren zu können. Heute arbeitet er für eine Rüstungsfirma, an Wochenenden hat er manchmal mit seiner heutigen Band Auftritte irgendwo in Illinois – meistens wird guter, alter Rock’n’Roll gespielt, Buddy Holly-Stücke und ähnliches.

Wie viele aktive oder ehemalige amerikanische Soldaten interessiert sich Don für Geschichte: mit ihm kann ich auf einem Niveau über Geschichte debattieren, wie es im wenig geschichtsbewussten Deutschland nur sehr selten möglich ist. Auch würde man im heutigen Deutschland nur wenig Verständnis dafür haben, wenn Menschen leidenschaftlich darüber debattieren, ob es denn wirklich notwendig war, dass General Patton mit seiner 3. Armee zur Jahreswende 1944/45 der von der deutschen Wehrmacht in Bastogne eingekesselten 101. Airborne zur Hilfe geeilt ist oder ob sich die 101. auch hätte selbst befreien können. Letzteres halte ich übrigens für groben Unfug, denn die 101. hatte zwar Versorgung aus der Luft, war aber kräftemäßig ausgezehrt und hätte sich niemals selbst befreien können – was viele Amerikaner aber bis heute anders sehen, vermutlich deshalb, weil Amerikaner auf keine Einheit so stolz sind wie auf die 101. Airborne, die von der Normandie bis zum Irak traditionell immer in der ersten Reihe gekämpft hat. Aber wie dem auch sei: Morgen, spätestens übermorgen am „Super-Bowl-Sunday“, dem höchsten Feiertag eines jeden amerikanischen Mannes, werden wir uns endlich wiedersehen!

Dialog in 39.000 Fuß über dem Atlantik

In der Galley, der kleinen Küche im Heck des Airbus, vertreibe ich mir irgendwo zwischen Grönland und Kanada bei einem Kaffee die Zeit bei Gesprächen mit Crewmitgliedern und anderen Fluggästen. Themen sind die Fußball-Bundesliga, der Super-Bowl und natürlich das kalte Wetter. Beiläufig erwähne ich mein Reise-Tagebuch für PI, dass ich mich darüber freue, nach Jahren endlich einmal über ein neues Thema schreiben zu können. Und ich beantworte die Frage, worüber ich in den letzten Jahren geschrieben habe: über Salafisten und andere Vertreter des radikalen Islams in Nordrhein-Westfalen. Kurzes Schweigen, der Borussia Dortmund-Fan sagt: „Da sind Sie bei mir an den Falschen geraten. Ich bin Muslim.“ Eine kurze, angespannte Stille folgt – man spürt förmlich, dass jeder um uns herum erwartet, dass jetzt ein heftiger Streit ausbrechen wird. Und eine enge Flugzeug-Küche in 39.000 Fuß Höhe ist ein denkbar ungünstiger Ort dafür!

Gemach, gemach: Mein Gegenüber entpuppt sich als junger, gebildeter Muslim auf dem Weg zu seinen ägyptischen Eltern in Pennsylvania – und als sehr angenehmer Gesprächspartner. Der sich schnell und sofort darüber beklagt, dass man sich in Deutschland im Gegensatz zu den USA nicht gleichzeitig heimisch und als Muslim fühlen könne, darin den Grund sieht, dass so viele junge deutsche Muslime mit den Salafisten sympathisieren. Ich kontere damit, dass es von den Deutschen ein wenig viel verlangt ist, Muslime als Deutsche zu akzeptieren, die sich nicht einmal zu einer Distanzierung von den Salafisten aufraffen können. Erzähle ihm, wie sehr es mich nervt, in Nordrhein-Westfalen überall türkische Flaggen zu sehen, aber niemals oder nur sehr selten in Kombination mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge – ganz im Gegensatz zu den USA, wo Einwanderer auf ihrer Veranda neben der Flagge ihres Herkunftslandes auch immer Stars and Stripes hissen. Und natürlich kann ich mir die Feststellung nicht verkneifen, dass ein vernünftiges Zusammenleben in Deutschland erst dann möglich sein wird, wenn die Islam-Kritik als legitim akzeptiert und nicht länger als „rechtsextrem“ diffamiert wird. Punkte, die er zu meiner großen Überraschung nicht bestreitet.

Wir debattieren bis zur Landung, mehrfach werden wir von einer Stewardess zur Rücksichtnahme auf schlafende Fluggäste ermahnt, wir stellen verblüfft fest, wie einig wir uns sind in der Ablehnung einer Bundeskanzlerin, die außer inhaltsloser Machterhaltungspolitik nichts zu bieten hat. Oder darin, dass die deutsche Justiz Täter begünstigt und Opfer verhöhnt – und auch darin, dass wir die Todesstrafe bei bestimmten Verbrechen gar nicht für soo falsch halten. Bei Obama, Ägypten und Israel hingegen gehen unsere Meinungen erwartungsgemäß Lichtjahre auseinander. Und auch dazu, ob man Tariq Ramadan wirklich als modernen, aufgeklärten Islamvertreter sehen kann, habe ich eine völlig andere Meinung. Hochspannend wird es plötzlich, als wir über die Kompatibilität von Islam und Demokratie streiten: seiner fehlerfreien Analyse über das Scheitern der ersten deutschen Demokratie von 1848 habe ich argumentativ nichts entgegenzusetzen. Mir bleibt nur der Rückzug auf die Feststellung, dass ich diese Analogie für unzulässig halte und mir einfach nicht vorstellen kann, dass ein Land wie Ägypten tatsächlich eines fernen Tages einmal eine Demokratie sein wird.

Trotzdem bin ich fasziniert von dem freundlichen und sachlichen Gesprächsklima – einem Gesprächsklima, das ich bislang nur aus Debatten mit akademisch gebildeten amerikanischen Muslimen kannte. Meine Erfahrungen über das Gesprächsklima beim „Dialog“ mit deutschen Muslimen gleichen mehr jenen Erfahrungen, über die Michael Stürzenberger immer wieder auf PI berichtet. Und es ist mein muslimischer Gesprächspartner, der mir eine einfache, aber logische Erklärung dafür bietet: das katastrophale Bildungsniveau deutscher Muslime! Die Frage, ob dies denn auch der einzige Grund sei, behalte ich jedoch für mich. Zurück bleibt die verblüffende Erkenntnis, dass ein deutscher Konservativer und ein gebildeter Muslim manchmal erstaunliche Ähnlichkeiten offenbaren – um dann gleich im nächsten Atemzug doch wieder mit unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten konfrontiert zu sein. Aber auch die Erinnerung an ein tabuloses Gespräch in freundlicher Atmosphäre, wie es mit einem Vertreter eines deutschen Islam-Verbandes völlig undenkbar wäre.

Ankunft in Chicago

Zu meiner großen Erleichterung verläuft die Landung in Chicago reibungslos, der Airbus musste nicht einmal in die nervtötende „holding pattern“ (= Warteschleife) über dem Michigan-See, schon gar nicht musste er nach St. Louis in Missouri ausweichen – was man in Chicago während des Winters leider niemals völlig ausschließen kann. Warum Fluggesellschaften wie American und United ausgerechnet am wetteranfälligsten Flughafen des ganzen Landes Drehkreuze unterhalten, habe ich bis heute nicht wirklich verstanden.

Nach der Verabschiedung von der netten und sympathischen Lufthansa-Crew trennen mich theoretisch nur noch wenige Meter von meinem Gepäck und der ersten Zigarette nach fast zehn Stunden – aber praktisch muss ich noch jene spezifische Art amerikanischer Folter über mich ergehen lassen, die sich nicht Guantanamo Bay, sondern vielmehr „U.S. Immigration and Customs“ nennt. Eine Tortur, bei der selbst ich manchmal von antiamerikanischen Gefühlen übermannt werde und mit der sich amnesty international zu meinem großen Erstaunen im Gegensatz zu Guantanamo noch nie näher beschäftigt hat.

Hat man sich erst einmal in einer der unzähligen langen Schlangen angestellt, begreift man schnell, dass das nun Folgende eben nicht in Minuten und Viertelstunden bemessen wird, sondern vielmehr in halben und ganzen Stunden. Jedes nach-vorne-rücken der Schlange um wenige Meter lässt Hoffnung auf ein baldiges Ende aufkommen, die jedoch durch einen Blick auf die Menschenmasse zwischen dem eigenen Standort und den Einreiseschaltern schnell wieder zunichte gemacht wird. Und während man in einer der endlosen Schlangen vor sich hin wartet, denkt man nicht selten daran, dass sich vor Jahren einmal ein islamischer Terrorist beklagt hat, er wäre in Guantanamo dadurch „gefoltert“ worden, dass ihn eine Soldatin in „aufreizender Bekleidung“ verhört hätte. Hier jedoch sind die Vertreterinnen des amerikanischen Staates züchtig bekleidet und wenig freundlich – aufreizend ist allenfalls die stoische und unbeeindruckte Langsamkeit, mit der sie ihren Job machen!

Besonders spaßig wird es, wenn – wie beispielsweise in Atlanta üblich – die ersten Repräsentanten des amerikanischen Staates mit Hunden durch das Menschengewühl gehen, damit diese das Handgepäck und die Kleidung der Einreisenden beschnüffeln und besabbern können. Denn irgendwo könnte der Einreisende ja noch ein Butterbrot, einen Apfel oder andere Lebensmittel versteckt halten – was nach amerikanischem Gesetz bei der Einreise konfisziert und vernichtet werden muss. Und natürlich kann der Einreisende sein frisch gereinigtes Sakko oder sein teures Leder-Köfferchen geschickt der sabbernden Hundeschnauze entziehen – womit er sich aber verdächtig macht und eine gründliche Untersuchung seines Handgepäcks provoziert. Hat er Gründe, dieses nicht zu wollen und möchte er seinen Platz in der Schlange bloß nicht verlieren, so sagt er nichts und verzieht keine Miene. Einer von mehreren Gründen, weshalb es besser ist, ein paar Euro mehr zu bezahlen und einen direkten Flug nach Chicago zu buchen.

Heute habe ich unerwartetes Glück: Zum ersten Mal erlebe ich, dass außer den Fluggästen aus Düsseldorf niemand sonst gleichzeitig um Einlass in die USA begehrt! Zwei schnelle Zigaretten in frostiger Kälte, ein heißer Kaffee mit und eine freundliche Verabschiedung von meinem muslimischen Gesprächspartner, der noch Stunden auf seinen Weiterflug nach Pennsylvania wird warten müssen – und ab geht’s zum Bus, der mich an meinen endgültigen Zielort bringt. Denn dummerweise ist Freitag, also ein Tag, an dem meine amerikanischen Freunde alle arbeiten und mich somit nicht vom O’Hare-Flughafen abholen können.

Endlich Zuhause!

Abends bin ich endlich an meinem Ziel: Mike, der Motel-Besitzer, begrüßt mich, wir reden darüber, wo und mit wem wir den Super-Bowl gucken wollen und ich bezahle die Miete für den Februar. Bei der Gelegenheit stelle ich fest, dass meine vor Wochen getroffene Entscheidung, meine Dollars nicht im Voraus zu kaufen und auf einen höheren Euro-Kurs zu zocken, richtig war. Übermüdet beziehe ich mein Apartment, jetzt gilt es, schnell meinen ersten Beitrag zu verfassen und zu PI in die deutsche Heimat zu schicken. Und vor allem gilt es, mir möglichst flott eine Karte für die große Super-Bowl-Party in meinem Lieblings-Pub zu besorgen!

Wirklich begreife ich noch nicht, dass ich jetzt tatsächlich angekommen bin – das kommt immer erst nach einer Nacht Schlaf, bei meinem ersten amerikanischen Frühstück, auf das ich mich jetzt schon freue. Aber eines weiß ich jetzt schon: Zwei Monate bei meinen amerikanischen Freunden und ein Reise-Tagebuch für Leser in meiner deutschen Heimat werden eine ganz großartige Sache!