Super-Bowl-Sunday und Hangover-Monday

Samstag, 2. Februar 2013. Jedes Mal, wenn ich nach langer Zeit wieder in Amerika bin, freue ich mich auf mein erstes amerikanisches Frühstück bei „Denny’s“! Amerikaner lachen oft, wenn ich ihnen erzähle, dass ich am liebsten zu „Denny’s“ gehe – aber ich finde, dass man dort wirklich gute amerikanische Küche zu normalen Preisen bekommt. Die Kellnerinnen sind freundlich-frech, gern gesehene Kunden werden mit „Honey“ oder „Sweetie“ angeredet und nicht selten schaue ich in meinem Lieblings-„Denny’s“, dessen halbe Belegschaft ich mit der Zeit kennengelernt habe, auch einfach nur auf einen Kaffee und ein belangloses Schwätzchen vorbei – in Amerika auch „chit-chat“ genannt. Übrigens auch zur Nachtzeit, denn „Denny’s“ ist ein 24-Stunden-Diner – they never close!

(Von Peter H., z.Zt. Illinois)

Also stampfe ich am Samstagmorgen gleich als Erstes dick eingepackt durch den Schnee, Richtung „Denny’s“. In Deutschland würde man Temperaturen um -15°C vermutlich mit Vokabeln wie „arschkalt“ umschreiben, hier in Illinois nimmt man verwundert zur Kenntnis, dass nicht wenige Einheimische das als „milden Winter“ bezeichnen. Aber wer den vorletzten Winter erlebt hat, den zweitkältesten seit der Gründung der Stadt Chicago, der findet den diesjährigen Winter tatsächlich mild. Und heute gibt es Schnee satt – was einen Liebhaber von Schnee-Spaziergängen wie mich gelegentlich zu entzückten Sprüchen wie „I love the snow“ animiert. Sprüche, die dann bestenfalls mit „You love it, ‚cause you don’t know it“, schlimmstenfalls mit einem kurzen „You idiot!“ beantwortet werden. Nun ja. Menschen, die jedes Jahr monatelang mit Kälte und Schnee leben müssen, sind davon nun einmal nicht ganz so begeistert wie ich.

Bei „Denny’s“ jedoch ist es schön warm, wir begrüßen uns erfreut, aber da in einem Diner zur Frühstückszeit immer viel zu tun ist, bleibt leider nur wenig Zeit, sich zu erzählen, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist. Ich überlege kurz, ob ich gierig sein und sofort ein „T-Bone and eggs“ verputzen will, erinnere mich, dass ich nach meinem letzten Besuch hier mit mehreren Pfund Übergewicht nach Deutschland zurückgekommen bin und begnüge mich dann mit dem „Moons over my hammy“-Sandwich: Rühreier und Schinken auf geröstetem Brot, dazu „hash browns“ (in dünne Streifen geschnittene und gebratene Kartoffeln), die ich mir immer mit Zwiebeln und zerlaufenem Käse servieren lasse. Gail erinnert mich natürlich sofort daran, dass meine Essgewohnheiten nicht gerade gut für mein Cholesterin seien. Womit sie auch recht haben mag, aber heute will ich das einfach nicht hören, denn ich liebe amerikanisches Frühstück – nichts ist besser geeignet, dem Tag in die Augen zu blicken, als ein kräftiges amerikanisches Frühstück!

Üblicherweise sitze ich in meinem Lieblings-„Denny’s“ immer an der Bar, wo es kein „please wait to be seated“ gibt und sich stets all jene Gäste finden, denen nach einem Schwätzchen gelüstet. Beliebte Themen sind alles, was am Ort passiert, Politik weniger, dafür alles, was mit Sex zu tun hat, umso mehr. Aber heute gibt es nur ein Thema: der morgige Super-Bowl! Schnell merke ich, dass alle mit den „San Francisco 49ers“ sympathisieren und niemand will, dass die „Baltimore Ravens“ gewinnen. Fast jeder begründet das damit, dass der Coach der „49ers“ früher einmal als Quarterback für die „Chicago Bears“ gespielt hat. Und ich bin flexibel: Wenn die „Bears“, die zuletzt 2007 im Super-Bowl standen und diesen 1985 zum letzten Mal gewonnen haben, in dieser Saison nicht einmal in die Play-offs gekommen und jetzt alle plötzlich „49ers“-Fans sind, dann bin ich heute und morgen eben auch ein „49ers“-Fan!

Kaum bin ich von „Denny’s“ zurück, ruft mein Freund Don an und erzählt mir, dass seine Band abends in einem Lokal in Chicago auftreten wird und er gerne seinen „german roadie“ mitnehmen würde – und weil es für mich immer ein großer Spaß ist, die Band zu begleiten, sage ich natürlich sofort erfreut zu! Dons Band und deren Auftritte sind ein Kapitel für sich, auf das ich in den nächsten Wochen in einem „Special“ noch näher eingehen möchte. Aber soviel sei schon mal verraten: der Auftritt dauert bis 1 Uhr morgens, an der vollen Tanzfläche kann man deutlich sehen, dass guter, alter Rock’n’Roll auch in Zeiten von Rap-Musik und anderen kulturellen Verirrungen bei den Menschen noch immer gut ankommt!

It’s Super-Bowl-Sunday!

Als ich am Sonntag um kurz nach 4 p.m. in meinem Lieblings-Pub eintreffe, ist dieser bereits gerammelt voll – viel zu spät, um für Don und mich noch zwei Plätze an der Bar zu bekommen! Und kaum habe ich den Pub betreten, gibt es ein großes Hallo, Händeschütteln und viele Umarmungen – Amerikaner werden, wenn sie jemanden mögen, gerne und schnell körperlich. In meinen ersten Jahren in den USA hat mich das zuweilen irritiert, heute finde ich diese Form der Begrüßung und Verabschiedung sehr schön.

Warum ich in diesem kleinen Ort in Illinois so gerne gesehen bin, warum ich überhaupt bei Amerikanern besser gelitten bin als bei Deutschen, warum sich jedes Mal bei meiner Rückkehr noch so viele Menschen an mich erinnern, habe ich bis heute nicht wirklich verstanden. Bei manchen ist es sicher nur die typische amerikanische Höflichkeit, bei anderen ist es echte Sympathie – mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür. Aber ich denke nicht weiter darüber nach, stattdessen genieße ich diesen „warmen“ Empfang und koste ihn einfach voll aus!

Inzwischen ist Don eingetroffen, auch das Buffet ist jetzt eröffnet: es gibt Sausages (Bratwürste), ganz hervorragendes Roastbeef, frittierte Hähnchen, Krabben und dazu Pasta, Nachos und viele verschiedene Salate, als Dessert gibt es Nusskuchen und kleine Törtchen mit Football-Motiven. Meine Stimmung könnte besser nicht sein, ich bestelle für Don und mich jeweils einen „Bucket“, einen mit Eiswürfeln und fünf Flaschen Bier gefüllten Eimer – jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass die „49ers“ das Spiel auch gewinnen!

Endlich (m)ein „Bears“-Trikot!

Es ist Halbzeit und die „49ers“ liegen hoffnungslos hinten. Kaum jemand interessiert sich für die Halbzeit-Show, Don spottet, Beyonces Auftritt sei ohnehin nur „T&A“ – die umgangssprachliche Abkürzung für „tits and asses“. Viel interessanter ist da schon die obligatorische Super-Bowl-Verlosung. Und nachdem ich jahrelang bei dieser Verlosung leer ausgegangen bin, gewinne ich endlich ein Shirt der „Chicago Bears“, genauer: das Trikot mit der Nummer 6 von Ray Cutler, dem Quarterback der „Bären“. Vor lauter Freude probiere ich es sofort an, Don witzelt, ich möge in Deutschland besser aufpassen, keine „Kulturbereicherer“ mit einem amerikanischen Football-Shirt zu verärgern. Später erleben wir dank des Stromausfalles im „Mercedes-Benz Superdome“ in New Orleans den längsten Super-Bowl der Geschichte. Und obwohl die „49ers“ im dritten und vierten Viertel noch mächtig aufholen und das Spiel doch noch spannend machen, gehen zum Schluss die „Raben“ aus Baltimore als Sieger vom Feld.

Back to politics

Vor lauter Frust wechseln wir schnell das Thema, wir debattieren über Politik und Geschichte, ich erzähle Don, dass am letztjährigen Pfingstsamstag in Mönchengladbach zwei deutsche Frauen brutal von türkischen Jugendlichen zusammengeschlagen wurden, nur deswegen, weil sie die beiden ermahnt haben, nicht in der Bahnhofshalle Fußball zu spielen. Ich erzähle ihm, dass einer der Schläger bereits am nächsten Tag wieder auf freiem Fuß war, dass seine türkische Mutter sich gegenüber der Polizei aggressiv verhalten und gesagt habe, wenn ihr Sohn rede, „hätten deutsche Frauen den Mund zu halten“ und dass beide Schläger nur zu lächerlichen „Arreststrafen“ von einer bzw. drei Wochen Dauer und einigen Arbeitsstunden verurteilt wurden. Don schüttelt verständnislos den Kopf, wirkt aber nicht überrascht. Warum auch?

Es geht hin und her: Don erzählt mir von einer Dokumentation über Joseph Goebbels, die er kürzlich im „Military Channel“ gesehen hat. Wir reden über den Anti-Amerikanismus der deutschen Linken, Don sagt, ihn kümmere es nicht mehr, wie in Deutschland über die USA berichtet wird. Mir ist dieses Thema immer ein bisschen unangenehm, denn ich weiß, wie pro-Deutsch die meisten Amerikaner sind – manchmal kommt es mir so vor, als ob Amerikaner eine positivere Einstellung zu meiner deutschen Heimat hätten als Politiker der Grünen oder der SPD! Da schmerzt es mich nicht selten, Amerikanern erzählen zu müssen, wie in deutschen Medien über die USA berichtet wird.

Irgendwann mischt sich ein anderer meiner Freunde ein, ein Obama-Wähler, und behauptet, George W. Bush sei der dümmste Präsident der amerikanischen Geschichte gewesen – als ehemaliger Bush-Anhänger reagiere ich natürlich gereizt und kontere, diese Beschreibung dürfte ja wohl eher auf den gegenwärtigen Präsidenten zutreffen. Einem Präsidenten, der außer fragwürdiger Unterstützung für ägyptische Muslim-Brüder bislang nichts zustande gebracht hat. Für einen kurzen Moment geraten wir heftig aneinander, aber sofort nach diesem Schlagabtausch – ganz amerikanisch – versöhnen wir uns wieder und reden über Privates. Um 2 Uhr morgens dann gehe ich müde, abgefüllt und irgendwie glücklich durch verschneite Straßen zurück in mein Motel. Schade nur, dass die „49ers“ verloren haben!

Hangover-Monday und ein neuer Außenminister

Die Vokabel „Kopfschmerzen“ beschreibt nur sehr unzureichend meine Verfassung am Tag nach der Super-Bowl-Party: ich habe das, was die Amerikaner einen „hangover“ nennen – „heavy hangover“ dürfte es noch besser treffen. Völlig verkatert schleppe ich mich zu Kaffeemaschine und Fernseher, um, wie jeden Morgen, erst einmal FOXNews einzuschalten, damit ich auch weiß, was in den USA und im Rest der Welt so los ist. Über Deutschland wird im amerikanischen Fernsehen natürlich seltener berichtet, aber wer vermisst schon Claudia Roth oder Jürgen Trittin?

Bei der Gelegenheit: ich mag FOXNews! Wenn ich mich nicht gerade auf „FOXFamily“ an den „Simpsons“ in der Original-Synchronisation erfreue, sind FOXNews und der „History Channel“ meine bevorzugten TV-Sender, die mehr oder weniger den ganzen Tag im Hintergrund laufen. Auch den „Military Channel“, der ebenfalls viele gute historische Dokus bringt, finde ich ganz toll – aber als „Comcast“-Kunde habe ich diesen Sender leider nicht. Und FOXNews ist und war niemals etwas anderes als ein ganz normaler, seriöser Nachrichten-Sender, genau wie CNN oder CNBC auch. Der einzige Unterschied besteht darin, dass FOXNews aus konservativer Perspektive berichtet, während beispielsweise CNN aus eindeutig linksliberaler Perspektive berichtet. Und wenn Linke beiderseits des Atlantiks schon das als Grund begreifen, FOXNews zu dämonisieren, gar so zu tun, als sei FOXNews die Reinkarnation des Bösen, dann kann man dem eigentlich nur entnehmen, dass Linke den tieferen Sinn der Meinungsfreiheit bis heute nicht begriffen, geschweige denn akzeptiert haben. Ein Ärgernis, das selbst in den USA leider kein bisschen anders ist als in Deutschland.

Während ich kaffeeschlürfend wach zu werden versuche, sehe ich plötzlich, dass John Kerry, Wahlverlierer von 2004, eine seiner Antrittsreden als neuer US-Außenminister hält. Er erinnert an die vier Amerikaner, die letzten September, als der islamische Mob in Kairo, Benghasi und Tunis zünftig randaliert hat, brutal von Salafisten ermordet wurden – was aber auch nach Lesart amerikanischer Politiker nichts mit dem Islam zu tun hat. Und jetzt kommt’s: plötzlich redet er davon, dass die ermordeten Amerikaner nicht „zu politischen Zwecken missbraucht“ werden dürfen. Was mir sagt, dass die amerikanische Linke immer noch große Angst davor hat, dass die Republikaner, gar die Medien, die Zusammenhänge zwischen Obamas verfehlter Außenpolitik und dem nordafrikanischen Islamo-Faschismus thematisieren könnten. Und natürlich, dass John Kerry ein noch willigerer Erfüllungsgehilfe für Obamas pro-islamische Politik sein wird als selbst Hillary Clinton.

Zwei Todesfälle und eine Hochzeit

Und dann war da noch etwas, dass die Wiedersehensfreude mit meinen amerikanischen Freunden leider etwas getrübt hat: ich musste zwei Freunden kondolieren, deren Mütter in der Zeit seit meinem letzten Besuch verstorben sind. Im ersten Fall war das weder ein Schock, noch eine Überraschung, denn die Dame war bereits weit über 80 und litt schon seit Jahren an Demenz. Im anderen Fall jedoch war die Mutter, die ich von früheren Reisen als sehr nette Frau in Erinnerung habe, nur wenige Jahre älter als ich selber – ich erinnere mich noch gut, wie schockiert ich war, als mir das kurz vor Weihnachten am Telefon erzählt wurde.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht: mein Freund Vince wird 2014 heiraten! Nachdem er in den Jahren nach seinen beiden Einsätzen im Irak verständlicherweise nicht gerade voller Lebensfreude war, ist das eine wirklich schöne Nachricht. Und ich hoffe doch sehr, dass ich auch zur Hochzeit eingeladen werde!


» Teil 1: Back in the USA!