Eine Zugfahrt und ein brummender Schädel

Übergriffe auf Fahrgäste öffentlicher Verkehrsmittel gelten in jüngster Zeit kaum noch als Neuigkeit. Doch auch die Bediensteten können sich trotz Hausrecht und Autoritätsvorsprung scheinbar nicht mehr sicher fühlen. Unlängst erst hatten vier Männer eine Schaffnerin auf einer Zugfahrt zwischen Hamburg und Bremen belästigt und niedergeschlagen.

(Ein Zeugenbericht von Herrn T.)

Wer am vergangen Wochenende mit dem Regionalexpress 1 auf dem Weg aus Aachen nach Paderborn unterwegs war, musste sich kurz vor Erreichen des Zielbahnhofs über einen 20-minütigen Aufenthalt in Lippstadt wundern. Grund hierfür war, dass einer der Insassen sich offensichtlich verletzt hatte und ein Krankenwagen gerufen werden musste, so entnahm man es zumindest dem Lautsprecher an Bord. Als mir diese Information zuteil wurde, konnte ich mir allerdings sehr schnell ausmalen, was vorgefallen war, da ich die Vorgeschichte des Unfalls in Teilen mitbekommen hatte.

Fünf Jugendliche offensichtlich arabischer Herkunft stiegen ein paar Stationen zuvor in dasselbe Abteil ein, in dem ich saß. Die Lautstärke und die Art, mit der sie sich unterhielten, ließ sich auch von den restlichen Fahrgästen kaum überhören. Als die Schaffnerin aus Fahrtrichtung in den Doppelstockwagen eintrat, ging sie zuerst einmal ihre Runde durch den oberen Teil des Wagens, woraufhin die Jugendlichen aufstanden und durch den unteren Teil nach vorne durch den Wagen stapften. Mich hätte es zu diesem Zeitpunkt ob ihres Auftretens ehrlich gesagt auch ein wenig gewundert, wenn die Herren einen gültigen Fahrschein besessen hätten. Die Schaffnerin bemerkte dies allerdings und verfolgte die Jugendlichen in das nächste Abteil. Daraufhin hörte ich nach einer Weile durch die geschlossene Tür eine energische Auseinandersetzung, in die auch weitere Männerstimmen involviert waren. Soweit zur Vorgeschichte des Unfalls.

Als der Zug nun in Lippstadt anhielt, wurden sämtliche Türen geöffnet und einige Fahrgäste, darunter auch ich, stiegen aus, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Minuten später wurde die Schaffnerin gestützt zu einer Bank begleitet. Wie von einem anderen Fahrgast und offensichtlich direktem Zeugen berichtet wurde, entstand mit zumindest einem der Jugendlichen eine fahrscheinverwandte Auseinandersetzung, der die Schaffnerin beim Halt des Zugs mit einem gezielten Fauststoß bewusstlos geschlagen hatte und daraufhin geflüchtet war. Die angerückte Polizei konnte augenscheinlich nicht mehr viel ausrichten.

Die Schaffnerin selbst, eine zierliche Frau, ich schätzte sie auf etwa 40-50, deutscher Herkunft, mit übermäßig dichtem Lippenstift und dünner Brille und energischer Stimme, erschien mir auf den ersten Blick recht unsympathisch, da ich selbst ungern mit Fahrkartenkontrollen belästigt werde. Als ich selbige Dame jedoch nachher gestützt aus dem Zug geleitet sah, empfand ich nichts als Mitleid. Sämtliche Energie, jene, mit der sie energisch hinter den Jugendlichen hinterhergeschritten war, schien aus ihr gewichen zu sein. Dort ging eine fragile Dame mit unsicheren kleinen Schritten und einem großen roten Abdruck auf der linken Wange, die sich zitternd die Brille zurechtrückte. Ich hatte den Eindruck, dass sie soeben etwas erlebt hatte, mit dem sie niemals in ihrer Karriere gerechnet hätte.

Der oben genannte Fahrgast schritt am Zug entlang und suchte Kontakt zu anderen Fahrgästen, um den Fragenden den Vorfall nahezulegen, und dies nicht, ohne ein paar harsche politische Kommentare zum Täter bzw. dessen Gefolgschaft unterzumischen. Ich entzog mich der Konversation, da ich mir sicher war, von ihm nichts Neues zu erfahren.

Und dies ist auch der Grund dafür, dieses Szenario aus erster Hand öffentlich zu schildern. Man liest frequent, doch was man aus einem knappen Zeitungsartikel erfährt, ist ein nüchterner Tathergang, die Tiefenstruktur bleibt dem Leser letztendlich verschlossen. Ich spreche hier noch nicht einmal von der üblichen Verschleierung der Täterherkunft bei Personenbeschreibungen, sondern davon, dass man über das Adverb „brutal“ vor der Handlung hinaus keine Aufschlüsse darüber erhält, welche offensichtlich seelischen Schäden eine feige Impulsivhandlung wie diese mit sich ziehen kann.

So trocken es auch klingen mag, aber ich ziehe etwas Positives aus diesem Vorfall, der nicht in einer dunklen U-Bahn-Unterführung, sondern am lichten Tag vor einer Vielzahl von passiven Zeugen stattfand. Denn nichts hilft mehr, die Menschen zu bewegen, als sie am praktischen Beispiel zu läutern…in zweiter Linie vielleicht auch die Deutsche Bahn bzw. die öffentlichen Verkehrsbetriebe dahingehend, keine zierlichen Damen mehr in ein offensichtlich unsicheres Arbeitsumfeld zu entsenden oder diese zumindest entsprechend durch weiteres Personal zu sichern. Für die Öffentlichkeit bedeutet es, politisch umzudenken und endgültig das Bild der friedliebenden Migranten zu Grabe zu tragen, oder alternativ weiterhin die Einzelfall-Schiene zu fahren und sich selbst die Daumen zu drücken, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ein jeder hat die Möglichkeit, das Umfeld, in dem er leben möchte, mitzugestalten…Aktionen wie diese verhelfen hoffentlich dem einem oder anderen dazu, sich mit dem Thema Migration ein wenig intensiver zu beschäftigen, als sich alle zwei Wochen einmal einen Döner ins Gesicht zu drücken.