Islam und der Mißbrauch der Ekstase

Ich habe lange darum gerungen zu verstehen, wie intelligente, hochgebildete Liberale die einzigartigen Gefahren des Islams nicht wahrnehmen können. In „The End of Faith“ („Das Ende des Glaubens“) habe ich argumentiert, daß solche Leute nicht wissen, wie es ist, wirklich an Gott oder das Paradies zu glauben — und sich daher nicht vorstellen können, daß irgendjemand anders es tatsächlich tut. Die Symptome dieser Blindheit können ziemlich schockierend sein.

(Von Sam Harris, samharris.org via Richard Dawkins Foundation for Reason and Science / Übersetzung: Klaus F.)

Zum Beispiel traf ich einmal auf den Anthropologen Scott Atran, nachdem er einen seiner von Selbstgefälligkeit und Irrglauben strotzenden Vorträge über die Ursprünge des dschihadistischen Terrorismus gehalten hatte. Laut Atran werden Leute, die Journalisten, Filmemacher und Entwicklungshelfer köpfen und dazu „Alahu akbar!“ schreien oder sich inmitten einer Menge unschuldiger Menschen in die Luft sprengen, nicht zu solchem Verhalten geführt aufgrund ihres tiefen Glaubens an Dschihad und Märtyrertum, sondern durch ihre Erfahrungen mit Männerfreundschaften in Fußballklubs und Friseurläden. (Wirklich.)

Also fragte ich Atran ganz direkt: „Wollen Sie damit sagen, daß kein moslemischer Selbstmordattentäter sich jemals in die Luft gesprengt hat in der Erwartung, ins Paradies zu kommen?“

„Ja,“ sagte er, „das ist, was ich sage. Niemand glaubt ans Paradies.“

In Momenten wie diesen ist es unmöglich zu wissen, ob man sich in der Gegenwart von Geisteskrankheit oder eines unheilbaren Falls von intellektueller Unehrlichkeit befindet. Atrans Vorstellung — die offenbar von vielen Leuten geteilt wird — steht so dermaßen entgegengesetzt zu dem, was man vernünftigerweise aus den Äußerungen und Handlungen von Dschihadisten verstehen kann, daß einem erstmal keine Antwort darauf einfällt. Die Vorstellung, daß gar niemand ans Paradies glaubt, ist noch weitaus verrückter als ein Glaube ans Paradies.

Aber darin sind tiefliegendere Ironien zu finden. Jedesmal, wenn ich den Islam kritisiere, werde ich attackiert für mein angeblich fehlendes Einfühlungsvermögen in die Moslems weltweit — sowohl die friedfertige Milliarde, die unschuldig ist, als auch die Radikalen, deren legitime politische Kümmernisse und soziale Bindungen sie veranlassen, diese auf solch bedauerliche Weisen auszuleben. Betrachten Sie diese standardmäßige Verleumdung von Glenn Greenwald:

Wie irgendjemand irgendeine dieser Passagen lesen und der Aussage widersprechen kann, daß Harris‘ Weltsicht auf einer zutiefst antimuslimischen Geisteshaltung gründet, ist niederschmetternd. Er ist mindestens so im Stammesdünkel, Chauvinismus und Provinzialismus verhaftet wie jene, die er für diese menschlichen Schwächen verurteilt, indem er andauernd die Vornehmheit seiner eigenen Seite bejubelt und die andere herabwürdigt.

Die Ironie ist, daß es die säkularen Liberalen wie Greenwald sind, denen das Einfühlungsvermögen fehlt. Wie ich bereits zuvor viele Male erläutert habe, können sie sich gar nicht in die primären Opfer des Islams hineinversetzen — die Millionen von moslemischen Frauen, Freidenkern, Homosexuellen und Apostaten, die am meisten unter den Tabus und Irrwegen dieses Glaubens leiden. Aber säkulare Liberale können genausowenig die Frommen verstehen oder gar sich in sie hineinversetzen.

Lassen Sie uns schauen, wohin der Pfad der Empathie eigentlich führt…

Zuerst, indem ich meine eigene Empathie nach außen kehre, lassen Sie mich ein paar Dinge sagen, die höchstwahrscheinlich viele meiner Leser überraschen dürften. Trotz meiner Antipathie für die Doktrin des Islams denke ich, daß der moslemische Gebetsruf einer der schönsten Klänge ist, die es auf der Erde gibt. Hören Sie einmal einen Moment lang zu:

Ich finde dieses Ritual tief bewegend — und ich bin bereit zu sagen, daß, wenn es Ihnen nicht genauso ergeht, Ihnen dann etwas fehlt. Zuallermindest verstehen Sie nicht, wie sich fromme Moslems fühlen, wenn sie dies hören. Ich denke, einfach alles an dem Gebetsruf ist herrlich — mit Ausnahme der Tatsache, daß, beurteilt man den Inhalt des Korans, der Gott, den wir da anflehen sollen, böse und fast mit Sicherheit reine Fiktion ist. Nichtsdestotrotz, würde die gleiche Art der Verehrung auf die Schönheit des Kosmos und das Mysterium des Bewußtseins gerichtet, wenig würde mich mehr erfreuen als ein Minarett in der Dämmerung.

Ich liebe auch die Poesie von Rumi, und Nusrat Fateh Ali Khan ist einer meiner Allzeit-Lieblingsmusiker. Es ist wahr, beide diese Männer waren Sufis — und Sufismus wird in weiten Teilen der moslemischen Welt als Ketzerei geschmäht. Aber ich erwarte, daß viele der Leute, die mich als antimuslimischen Heuchler attackieren, überrascht sein werden zu erfahren, daß ich diese Produkte von (nominell) moslemisch-religiöser Hingebung mehr als die meisten anderen Kunstformen schätze. Wenn Sie noch niemals Nusrat Fateh Ali Khan gehört haben, dann schulden Sie sich selbst den Gefallen, einmal hereinzuhören:

Ich habe überhaupt kein Problem mit spiritueller Hingabe, Ekstase und Ehrfurcht — nein, ich denke sogar, diese Dinge sind unter den wichtigsten Erfahrungen, die ein menschliches Wesen haben kann. Ich lehne lediglich diese unglaublichen Vorstellungen ab, die solche Erfahrungen in jeder Kirche, Synagoge und Moschee umgeben. Mir bereitet auch Sorge, daß bestimmte religiöse Glaubensrichtungen Hingabe, Ekstase und Ehrfurcht sowohl spaltend als auch gefährlich machen. Nochmal, meine Toleranz für Andersartigkeit ist viel höher, als meine Kritiker verstehen. Ich bin kein verängstigter Weißer, der von dem Geheul der Eingeborenen abgeschreckt wird. Tatsächlich habe ich selbst eine ganze Menge mit den Eingeborenen zusammen geheult. Ich weiß, was diese Menschen dabei erfahren, und ich schätze viele meiner eigenen gleichartigen Erfahrungen.

Um die Welt durch meine Augen zu sehen — oder um zu erkennen, warum Sie es nicht tun — sehen Sie sich wenigstens ein paar Minuten von jedem der folgenen Videos an.

Ich weiß, daß viele Leser die oben abgebildete Szene als ein Beispiel von verstörend irrationalem Mobverhalten ansehen werden. Sind diese Menschen verrückt? Nein. Dies sind türkische Sufis, die den Zikr singen. Ich habe diese Übung selbst gemacht — nicht in solch einer vollgedrängten und bunten Umgebung — aber ich verstehe, was diese Menschen im Innern bewegt. Und ich weiß, kontemplative Rituale dieser Art können extrem lohnend sein. Hier ist ein anderes Beispiel von einer Art, die mehr an meine eigene Erfahrung erinnert:

Ich finde diese Art von Gesang wunderschön — und ich weiß, wie gut es sich anfühlt, es für Stunden am Stück zu tun, sogar die ganze Nacht. Hier ist die Übung in einem hinduistischen Kontext:

Es ist wahr, daß mir das, was die Hindus hier machen, angenehmer ist, weil sie ihre Hingabe zu Gott in der Form eines göttlichen Liebenden ausdrücken, und ihre Gefühle religiöser Ekstase sind ausdrücklich in diese Richtung kanalisiert. Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Lord Krishna existiert, natürlich, aber wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, ob irgendwelche dieser Leute Fans des globalen Dschihad sind.

Anders als viele meiner Kritiker erkenne ich an, daß diese Praktiken die Menschen auf profunde Weise berühren. Ja, ich habe Tausende von Stunden damit zugebracht, solche Übungen zu praktizieren. Ich habe nicht das kleinste bißchen Angst vor „dem Anderen“. Ich liebe den Anderen — ich liebe sein Essen, seine Musik und Architektur, und ich teile sogar seine spirituellen Interessen. Das ist der Grund, warum ich um die Zukunft der Zivilisation fürchte, wenn ich etwas wie dies hier sehe:

Sehen Sie sich das gesamte Video mit voller Aufmerksamkeit an. Wenn Sie nicht die packende Schönheit dieser Rezitation fühlen, wenn es Ihnen unerklärlich ist, wie Menschen allein vom Klang dieser Verse zu Tränen gerührt werden können, dann sind Sie nicht in Kontakt mit den Fakten. In der Tat, wenn Sie nicht verstehen, wie jemand gewillt sein kann dabei zu sterben, die Legitimität einer solchen Erfahrung zu verteidigen, dann sind Sie kaum in der Lage, das Problem des Islams zu verstehen.

Dieses Video hat alles: die Kraft des Rituals und die Kraft der Menge; Tränen der Hingabe und eine Lüsternheit nach Rache. Wieviele der Menschen in dieser Moschee sind Dschihadisten? Ich habe keine Ahnung — vielleicht gar keine. Aber ihre spirituellen Sehnsüchte und tiefsten positiven Emotionen — Liebe, Hingabe, Mitgefühl, Glückseligkeit, Ehrfurcht — sind allesamt fokussiert durch die Linse von sektiererischem Haß und Erniedrigung. Lesen Sie jedes einzelne Wort der Übersetzung, damit Sie verstehen, worüber diese frommen Menschen weinen. Ihre Ekstase ist untrennbar von dem Wunsch, Ungläubige im Höllenfeuer bestraft zu sehen. Ist dies nur irgendeine seltsame Verzerrung der wahren Lehren des Islams? Nein. Dies ist eine Rezitation aus dem Koran und artikuliert seine zentrale Botschaft. Das Video ist auf YouTube über 2 Millionen mal angesehen worden. Es wurde von jemandem gepostet, der seinen moslemischen Mitbrüdern versprach, daß auch sie Tränen der Hingabe weinen würden vom bloßen Anschauen. Der Rezitator ist Sheikh Mishary bin Rashid Alafasy aus Kuwait. Er hat soviele Twitter-Follower wie Jerry Seinfeld und J.K. Rowling (2 Millionen). In lehrmäßigen Begriffen, dies ist keine Randzone des Islams. Es ist das Zentrum.

Der Islam verbindet religiöse Ekstase und sektiererischen Haß in einer Weise, wie es andere Religionen nicht tun. Säkulare Liberale, die sich mehr um „Islamophobie“ sorgen als um die eigentliche Doktrin des Islams, sind schuldig des Versagens ihres Einfühlungsvermögens. Sie versagen nicht nur in Bezug auf die Erfahrungswelt unschuldiger Moslems, die von dieser Religion wie Sklaven und Kriminelle behandelt werden, sondern auch in Bezug auf das Innenleben ihrer wahren Gläubigen. Die meisten säkularen Menschen können sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was ein (wirklich) frommer Moslem fühlt. Sie sind blind für den Umfang der Erfahrungen, die eine ansonsten intelligente und psychisch gesunde Person dazu bringt, zu sagen, „Ich will mit Freuden für diese Sache sterben.“ Bevor Sie nicht religiöse Ekstase probiert haben, können Sie nicht die Gefahr verstehen, die entsteht, wenn sie in die falsche Richtung gelenkt wird.