Michael Wolffsohn: Revolutionstourismus hilft nicht, liebe Claudia Roth

Grünen-Chefin Claudia Roth ist mutig. Sie wagte sich während der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten nach Istanbul. Sie ist nicht so klug wie mutig. Das beweist die Rot(h)-Grüne Türkeipolitik.

Unsere Claudia war in Istanbul dabei, als Erdogans Schlägertrupps, Polizei genannt, friedliche Demonstranten regelrecht bekriegten: „Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen… Das ist doch Wahnsinn, das ist doch Krieg gegen die Menschen hier“. Frau Roth schaute zu, die Polizei schlug zu. Unsere Landsfrau kriegte auch etwas ab: Tränengas. Dann konnte sie zeitweise nicht sehen. Konnte sie vorher sehen? Ich meine politisch sehen. Darüber kann man streiten.

Darüber muss man streiten: Ob diese Türkei EU-Mitglied werden solle. Ja, sagt Rot(h)-Grün unverdrossen. Ja, hatte auch ich lange gesagt, denn die Türkei ist für Europa von fundamentaler Bedeutung: Sie war – als weltlich geprägter Staat – geografisch, strategisch, kulturell, wirtschaftlich und nicht zuletzt erdöl- und erdgaspolitisch unsere wichtigste Brücke zur Islamischen Welt Asiens und Nordafrikas. Nein sage ich jetzt. Warum?

Erdogan ist nur die Ouvertüre der türkischen Islamisierung

Ja, die Ökonomie der Türkei ist sogar erheblich besser als zuvor. Doch die Theologie dieser Türkei hat sich dramatisch verändert. Sie wird sich noch mehr verändern. Das heißt: Sie wird noch extremer als sie bereits heute ist. Schon Erdogans islamische Politik ist eben nicht, wie bei uns von Wunsch“denkern“ oft behauptet, das muslimische Gegenstück zur christlichen Demokratie, in der das Christliche leider ohnehin längst verwässert ist.

Erdogan ist nur die Ouvertüre der türkischen Islamisierung. Die eigentliche Oper folgt noch. Deren Opfer wird, wie in den Arabischen Revolutionen seit Januar 2011, die kulturell westlich, weltlich, weltoffene, bürgerliche Zivilgesellschaft der Türkei. Sie will die demokratische Revolution. Sie leitet sie ein – und wird dann von ihr überrollt. Erst physisch-körperlich wegen der vielen Toten und Verletzten, dann ganz demokratisch, weil und wie die Mehrheit es will. Siehe Ägypten, siehe Tunesien, irgendwann auch Syrien und, jawohl, Jordanien.

(Artikel von Michael Wolffsohn weiter auf focus.de – Kewil hatte den „Demo-Tourismus“ von Claudia Roth schon vor drei Tagen thematisiert)