Sonntag, 12 Uhr Rathaus – Erfahrungsbericht 4

rathaus4Lohnt es sich oder nicht? Diese Frage hatte ich mir in der vergangenen Woche mehrfach gestellt und war eigentlich zu dem Ergebnis gelangt, die Fahrt zum Dortmunder Rathaus würde wohl nichts bringen. Die gestrigen Nachrichten jedoch – Festnahme zweier britischer Bürger, die Blumengebinde zum Ort der Ermordung des Soldaten Rigby’s bringen wollten und die abgeschnittenen Köpfe syrischer Christen – brachten hinreichend Motivation. Und vielleicht ist ja auch der einzelne Demonstrant wieder da, der gemäß Kommentarbereich von PI-News schon vor drei Wochen alleine – wie auf dem Bild – vor der Dortmunder Friedenssäule stand. Dann hätten wir schließlich die Beteiligung schon um 100% gesteigert.

(Von Serafin)

Nach einer halben Stunde Fahrt und der Feststellung, dass die Tiefgarage unter dem Rathaus sonntags geschlossen ist, kam ich dennoch rechtzeitig an. Zwei Erwachsene, die sich mit einem Sechserpack Bier und einem Kind auf dem kleinen Spielplatz hinter dem Rathaus eingefunden hatten, mögen vielleicht auch politisch irgendwie unzufrieden sein, aber hätten wohl keinen Sinn für symbolische Aktionen. Gleich daneben eine fünfköpfige Gruppe, die etwas auf dem Rasen ausbreitete. Etwa schon mainstreamige Gegendemonstranten bei der Vorbereitung ihrer Spruchbänder? Nee, kann ja wohl nicht sein. Sie entpuppten sich schließlich auch als TaiChi- und Yoga-Anhänger mit ihren Thermomatten.

Pünktlich um 12 Uhr betrat ich schließlich den Friedensplatz vor dem Dortmunder Rathaus. Und es hat sich in der Tat gelohnt! Der kafkaeske Eindruck auf diesem riesigen Platz der einzige Mensch und somit der einzige Teilnehmer der sonntäglichen Zehn-Minuten-Rathausdemo zu sein, war in der Tat ein Erlebnis. Als ob mit Absicht niemand sonst um Punkt 12 auf dem Rathausplatz gesehen werden wollte, wie Kafka es wohl für eine Geschichte über die Stadt der Ahnungslosen konstruiert hätte. Die verbliebenen zehn Minuten der Ein-Mann-Demo nutzte ich kontemplativ auf den Stufen der Rathaustreppe sitzend mit Überlegungen zu „Verschwörungstheorien“ als vielleicht einzige schlüssige Erklärung für eine aus den Fugen geratene Welt.

Zurück im Auto konnte ich Grönemeyers Bochum-Hymne aus dem Radio nicht ertragen und schaltete rasch auf die CD mit der Ballade Maid Of Culmore um, ein Stück irischer Kultur und der verlorenen Heimat als Thema. Für kommenden Sonntag habe ich mir vorgenommen, auf der Webcam des Friedensplatzes zu verfolgen, ob sich dann die Zahl der Demonstranten verdoppelt. Vielleicht ist es ja überhaupt eine gute Idee, über Flashmobs vor städtischen Webcams seiner politischen Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.

» Sonntag, 12 Uhr Rathaus – Erfahrungsbericht 3
» Sonntag, 12 Uhr Rathaus – Erfahrungsbericht 2
» Sonntag, 12 Uhr Rathaus – Erfahrungsbericht 1


Sie möchten uns auch einen Erfahrungsbericht zur PI-Aktion „Sonntag, 12 Uhr Rathaus“ schicken? Dann schreiben Sie eine Email an: info@blue-wonder.org