Die liberale Gesellschaft und ihr Ende (I)

Kleine-Hartlage: Die liberale Gesellschaft und ihr EndeAm kommenden Dienstag erscheint das neue Buch des Berliner Sozialwissenschaftlers und PI-Autors Manfred Kleine-Hartlage: „Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems“ (Verlag Antaios, Schnellroda, € 19,–). PI veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlages Antaios Auszüge daraus in einer dreiteiligen Serie. Teil I: Über die Dummheit der Intelligenz:

Offensichtlich kann menschliche Gesellschaft von den primitivsten Anfängen an funktionieren, ohne auf Ideologen angewiesen zu sein, die ihr sagen, wie sie zu funktionieren hat. Muß man es da nicht als wahrscheinlich ansehen, daß es in der natürlichen Ausstattung des Menschen etwas gibt, was es ihm erlaubt, stabile Gemeinschaften zu bilden, und zwar ohne in ideologischen Kategorien darüber nachzudenken?

Und wenn dies so ist: Muß es dann nicht als hochgradig unwahrscheinlich gelten, daß eine Ideologie, die das empirisch regelmäßig beobachtbare menschliche Verhalten nicht etwa erklärt, sondern Maßstäbe für „richtiges“ menschliches Verhalten aus einer abstrakten Theorie ableitet, zum nachhaltigen Gedeihen der Gesellschaft beiträgt? Insbesondere wenn sie das, was Menschen tatsächlich normalerweise glauben und tun, und das, woran sie sich orientieren, kritisiert und zum Teil sogar kriminalisiert, ohne der Frage nachzugehen, welche Funktion die kritisierten Einstellungen möglicherweise bei der Aufrechterhaltung der Gesellschaft erfüllen?

Bruce G. Charlton, Professor für Evolutionspsychologie und theoretische Medizin, hat 2009 in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift „Medical Hypotheses“ (Bruce G. Charlton, Clever Sillies – Why the high IQ lack common sense, in: Medical Hyptheses, 73, 2009, S. 867–870) diese Fragen von einem evolutionspsychologischen Standpunkt bejaht. Ihm zufolge ist abstrakte analytische Intelligenz das geeignete Mittel zur Bewältigung evolutionär neuer Probleme, während der gesunde Menschenverstand („common sense“), der mehr oder minder allen Menschen, auch den Dummen, eigen ist, die bewährten Lösungen für jene Probleme menschlichen Zusammenlebens repräsentiert, die die Menschheit schon immer gehabt hat und lösen mußte. Menschen mit hohem IQ, also hoher abstrakt-analytischer Intelligenz, tendieren aber dazu, diese Art von Intelligenz auch auf Fragen anzuwenden, die der gesunde Menschenverstand zuverlässiger bearbeitet, und ihre eigene intuitiv bessere Einsicht zu verdrängen:

Wenn die intelligentesten Menschen Systeme der sozialen Intelligenz beiseite schieben und auf allgemeines, abstraktes und systematisches Argumentieren jener Art zurückgreifen, das unter Menschen mit höherem IQ bevorzugt wird, dann ignorieren sie ein Expertensystem zugunsten eines Nichtexpertensystems.

Da diese realitätsblinde Art zu denken bei Menschen mit höherem IQ besonders ausgeprägt ist, kommt es an der Spitze der Gesellschaftspyramide, und speziell dort, wo die sozial verbindliche Wirklichkeitsbeschreibung entsteht, also speziell in den gesellschaftsbezogenen Wissenschaften und den Medien, zu einer Konzentration von Anhängern inadäquater Realitätsbeschreibungen, man könnte auch sagen: verschrobener Ideologien. Im Laufe der Zeit – und insbesondere, wenn das beschriebene Sinndefizit zur Flucht in utopische Sozialexperimente verführt und obendrein durch entsprechende Personalpolitik nachgeholfen wird – können solche Ideologien geradezu ein Monopol in ihren jeweiligen Bereichen erlangen.

Spätestens dann wird die Bejahung dieser (absurden) Ideologien zu dem Merkmal, das die Elite von der Plebs unterscheidet, und wird es möglich, alternative Wirklichkeitsbeschreibungen (die zwangsläufig früher oder später formuliert werden, weil die Wirklichkeit sich nicht ewig ideologisch ausblenden läßt) ohne weitere Begründung als „dumm“, „verrückt“ oder „böse“ abzutun. Man nennt dies auch Political Correctness:

Die Motivation, die dem moralisierenden Gift der Political Correctness [PC] zugrunde liegt, liegt in der Tatsache, daß spontane menschliche Instinkte universeller verbreitet sind und mächtiger empfunden werden als die absurden Abstraktionen der PC; plus die Tatsache, daß der gesunde Menschenverstand normalerweise richtig, die PC dagegen in perverser Weise falsch liegt. Daher muß eine faire Debatte um jeden Preis verhindert werden, wenn der politisch korrekte Konsens aufrechterhalten werden soll. Dies erfordert die Stigmatisierung des gesunden Menschenverstandes zum Zwecke seiner Neutralisierung.

Systeme wie die Wissenschaft und die Medien, die an sich dazu da sind, Wahrheiten hervorzubringen, entwickeln unter solchen Bedingungen systematisch falsche Weltbilder. Die Gesellschaft, die an diesen Systemen ja nicht vorbeikommt, ist dann gezwungen, ihre Probleme auf der Basis einer systematisch und teils grotesk verzerrten Problemanalyse zu lösen, mit dem folgerichtigen Ergebnis, daß die Probleme sich potenzieren, statt einer Lösung näherzukommen.

Der gesunde Menschenverstand ist Teil der natürlichen psychischen Ausstattung des Menschen. Seine Verleugnung ist demgemäß Teil, und zwar ein besonders wichtiger Teil, des ideologischen Paradigmas, das die Natur des Menschen aus Prinzip als nichtexistent behandelt.

Konkrete Beispiele für die fatalen Fehleinschätzungen, die aus dieser geistigen Disposition resultieren, gibt es zuhauf:

Da gibt es zum Beispiel Sozialwissenschaftler, die das Konzept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ entwickelt haben – damit ist praktisch jede distanzierte, kritische oder ablehnende Haltung gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten und Randgruppen gemeint –, wobei allein schon das pejorative Vokabular („Menschenfeindlichkeit“) erkennen läßt, daß es nicht darum geht, vorgefundene Einstellungen zu erklären, sondern nach rein normativen Maßgaben moralisch zu diskreditieren und ganz nebenbei suggerieren, wer solche Einstellungen hege, sei, da ein „Menschenfeind“, kein Mensch.

Zu diesem Syndrom der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ wird unter anderem das Beharren auf „Etabliertenvorrechten“ gezählt, also zum Beispiel die Forderung, Einwanderer hätten sich an die Normen der einheimischen Gesellschaft anzupassen.

Merkwürdigerweise aber ist dieses Beharren auf „Etabliertenvorrechten“ in jeder nur erdenklichen Art von menschlicher Gemeinschaft universell beobachtbar. Das fängt bei Schulklassen an, in denen der „Neue“, wenn er das große Wort zu führen versucht, sich schnell unbeliebt macht, reicht bis hin zu ganzen Völkern, und ist selbst in linken Organisationen eine alltägliche Erscheinung, also genau dort, wo man sich nicht genug darüber aufregen kann, daß der „Stammtisch“ auf „Etabliertenvorrechten“ beharrt.

Es ist auch leicht zu zeigen, warum das so ist: Wir haben gesehen, daß menschliche Gesellschaft einen Konsens über die Wir-Gruppe und die in ihr geltenden Spielregeln voraussetzt. Wer diese Regeln nicht akzeptiert, gefährdet diesen Konsens, und gefährdet letztlich auch die Wir-Gruppe in ihrer Existenz. Um ihre Stabilität aufrechtzuerhalten, ist die Gruppe gezwungen, den Außenseiter so lange auszugrenzen, also als Nicht-Dazugehörigen zu behandeln und ihm ihre Solidarität zu verweigern, bis er sich anpaßt und eingliedert.

Diese Diskriminierung(1) geschieht nicht deshalb, weil Sozialwissenschaftler es gutheißen, oder weil Wer-auch-immer es vorschreibt, und es geschieht selbst dann, wenn Sozialwissenschaftler es kritisieren. Es geschieht, weil es ein in Jahrtausenden (wahrscheinlich genetisch) verinnerlichtes menschliches Verhaltensprogramm ist. Es handelt sich um eine evolutionär bewährte Lösung des Problems, wie man soziale Regeln, wie man Gesellschaft aufrechterhält. Wäre dem nicht so, dann müßte es mit überwältigender Wahrscheinlichkeit irgendwo auf der Welt eine Gesellschaft geben, die so etwas „Etabliertenvorrechte“ nicht kennt. Eine solche Gesellschaft gibt es nicht.

Dies bedeutet unter anderem, daß die anfängliche Diskriminierung des Nichtetablierten die Voraussetzung für dessen Integration ist. Daß es auch Fälle geben kann, in denen Diskriminierung nicht nur unmoralisch, sondern auch objektiv sozial schädlich ist, steht auf einem anderen Blatt. An dieser Stelle kommt es lediglich darauf an, daß die Leugnung einer natürlichen menschlichen Disposition zugleich bedeutet, ein von der menschlichen Natur bereits gelöstes Problem künstlich wieder auf die Tagesordnung zu setzen und die vorhandene Lösung zu problematisieren, ohne eine bessere anbieten zu können. Die grotesken Widersprüche, in die sich eine Gesellschaft verstrickt, die Fremde zugleich integrieren und nicht diskriminieren will, sind täglich in der Zeitung nachzulesen und sprechen für sich.


(1) Daß das Wort „Diskriminierung“, das lediglich „Unterscheidung“ bedeutet, von kaum jemandem mehr wertneutral aufgefaßt werden kann, sondern regelmäßig als Bezeichnung eines „Unrechts“ interpretiert wird, illustriert, mit welcher Selbstverständlichkeit und Gedankenlosigkeit unsere Gesellschaft den Egalitarismus linker Ideologie bejaht: daß Diskriminierung, also Unterscheidung, per se ein Unrecht sei, kann nämlich nur bejahen, wer prinzipiell ein Recht auf bzw. eine Pflicht zur Nichtunterscheidung postuliert, und zwar auch dann, wenn das Kriterium, nach dem unterschieden wird, das Verhalten des Betroffenen selbst ist.