MERIAN-Magazin 1991 über Zigeuner in Rom

Im Jahr 1991 durfte das Reisemagazin MERIAN noch freimütig über die Tricks der Zigeuner in Rom berichten. Heute wäre das völlig undenkbar, obwohl natürlich Touristen nach wie vor von osteuropäischen Banden beklaut werden. Der folgende Artikel stammt aus dem ROM-Heft des MERIAN vom 11. November 1991:

Ragazzi di malavita

SCHNÖDE TRICKS

In ihrer zerschlissenen Kleidung, barfuß und abgemagert, wirken sie traurig und hoffnungslos. Jeder, der sie zum ersten Mal sieht, möchte den Zigeunerkindern am liebsten helfen, die elternlos zwischen Stazione Termini, Piazza di Spagna und Kolosseum umherirren.

In kleinen Gruppen sind sie unterwegs, fünf bis acht Jungen und Mädchen, die jüngsten vielleicht vier, die ältesten zehn Jahre alt. Und als hätten die armen Kleinen den geheimen Wunsch des Fremden erraten, steht er unvermittelt in ihrem Kreis, ist umzingelt von flehenden Stimmchen, die jammernd — „siamo poveri, per favore, Signora, Signore“ um eine milde Gabe betteln.

Ein großes Stück Pappe, manchmal auch eine Zeitung, ist plötzlich gegen den Bauch des Fremden gepreßt, so daß er die untere Körperhälfte nicht mehr sehen kann. Dafür blickt er in tränenfeuchte Kinderaugen und auf trommelnde Händchen. Während der Fremde seiner Rührung nachgibt, leeren sich seine Rock-, Hosen-, Handtaschen unterhalb der „Arbeitspappe“. Blitzschnell, professionell.

Ehe er begreift, daß die Jammerarie ein schnöder Trick, ein Räuber-Handstreich ist, hat sich die kleine Bande schon in Luft aufgelöst, und mit ihr verschwunden sind Bargeld, Kreditkarten, Schmuck. Verlorengegangen im Menschengewühl und Verkehrschaos — auf dem Campo de‘ Fiori, der Via Nazionale, der Piazza Venezia. Alles zu spät. Das Opfer wird weder seine Habe noch die Täter wiederfinden: Kinder, die vorwiegend aus Jugoslawien illegal nach Italien gebracht, von ihren Eltern als Zweijährige an Zigeunerclans verkauft und dann schamlos zu Dieben dressiert werden. Eine solche Kindergruppe kriegt im Monat rund zehntausend Mark zusammen.

So ändern sich die Zeiten – nicht bei den Zigeunern, sondern bei unseren Qualitätsmedien.