Duisburg: Der Tanz auf dem Vulkan beginnt

In Duisburg überschlagen sich die Ereignisse. Am Zigeunerhochhaus in Bergheim entsteht eine Situation wie bei einem Pulverfass, an dem die Lunte schon brennt. Die Unterstützer der Roma haben Nachtwachen am Haus „In den Peschen“ – in dem mindestens hunderte Zigeuner hausen -, eingerichtet, da im Internet Gewalttaten gegen die Roma angekündigt wurden.

(Von Marsianer)

Die Lokalausgabe der WAZ berichtet:

Es ist erst eine Woche her, als sich die Situation in der Straße ´In den Peschen´ zuspitzte. Per Facebook riefen Nutzer zu Angriffen auf die ausländischen Bewohner auf; Unbekannte beschmierten die Hausfassade mit fremdenfeindlichen Sprüchen. Schon lange sorgt der Wohnkomplex bei einigen Duisburgern für Unbehagen. Sie fühlen sich belästigt von Lärm und Müll, fühlen sich unsicher. Annegret Keller-Steegmann möchte endlich mal die zu Wort kommen lassen, über die immer gesprochen werde. ´Es ist ein Unterschied, ob Deutsche über die Bewohner erzählen oder sie selber´, sagt die 60-Jährige – sie setzt sich seit Jahresbeginn für die Roma in Duisburg ein. Jetzt organisiert die Lehrerin auch Nachtwachen, um den Hausbewohnern nach der Hetze wieder etwas Ruhe zu verschaffen, Schlaf zu ermöglichen. In gut drei Stunden ist es wieder so weit. Am frühen Abend aber schreitet sie noch voran in dieses Hochhaus, von dem niemand so genau weiß, ob darin 200 oder 2000 Menschen leben. (…) Im Gegensatz zu ihren Kindern machen die Männer ernstere Mienen. Sie können nicht vergessen, was hier passiert: Die Autofahrer mit Hitlergruß; die Gestalten, die angeblich mit Messern bewaffnet an der Straße auftauchen. ´Vor drei Tagen sind Männer ins Treppenhaus gerannt, haben geschrien und uns gedroht´, sagt Vasile L. Das sei um halb sieben abends gewesen. ´Wir haben nicht gedacht, dass es so was mitten am Tag gibt.´ Die Polizei hat zuletzt am Wochenende eine Straftat an der Straße ´In den Peschen´ ermittelt: Ein 21-Jähriger zeigte den Hitlergruß und muss sich nun wegen Volksverhetzung verantworten.

Unterdessen hat Pro-Deutschland für den 29. August Demonstrationen in Duisburg angemeldet. An diesem Tag will die Partei sowohl in Marxloh vor der Moschee als auch in Rheinhausen-Bergheim am Roma-Haus eine Kundgebung abhalten.

Politiker und Konfliktforscher, die die Misere selbst verursacht haben, fürchten ein zweites Rostock-Lichtenhagen:

In Berlin und im Ruhrgebiet spitzt sich die Lage vor Heimen von Asylbewerbern aus Syrien und Afghanistan und von Zuwanderen aus Bulgarien und Rumänien zu. Rechtsextreme und Mitglieder der islamfeindlichen Partei Pro Deutschland belagern Unterkünfte und bedrohen die Bewohner. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnte im Gespräch mit der WAZ vor einem ´rechtsextremen Potenzial, das fremdenfeindlich agiert und auch vor schlimmsten Taten nicht zurückschreckt´. Es sei wichtig, ´Präsenz zu zeigen. Mit der Polizei, aber auch mit der Botschaft der Zivilgesellschaft: Wir lassen für diese Leute keinen Raum´. (…)Hintergrund der Zuspitzung ist eine Kampagne von Pro Deutschland, in der Heime und Moscheen als Ziele von Demonstrationen genannt werden. Nächste Woche sind Auftritte in Bochum, Essen, Gelsenkirchen, Duisburg und Dortmund zu erwarten. (…) Der Marburger Konfliktforscher Ulrich Wagner fürchtet ´dass wir auf ein zweites Rostock-Lichtenhagen zusteuern´. Dort wurden 1992 die Unterkünfte von Vietnamesen von einem rechten Mob in Brand gesetzt.

Wie verlogen die ganze Debatte jedoch ist, zeigt folgende Episode, bei der ein kleines Mädchen am Dienstagabend in Marxloh einem Straßenbahnfahrer vermutlich ihr Leben verdankte. Die WAZ berichtet:

Glück im Unglück hatte ein dreijähriges Mädchen, das am Dienstag gegen 18 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle Pollmann auf die Gleise rannte. Das Kind bemerkte nicht, dass im gleichen Moment eine Bahn der Linie 901 los fuhr. Geistesgegenwärtig zog der 44-jährige Fahrer die Notbremse und verhinderte nur knapp, dass die Dreijährige überfahren wurde. Vor Schreck stürzte das Mädchen und verletzte sich am linken Arm und am Kopf. Der Straßenbahnfahrer und mehrere Passagiere stiegen aus, um sich um das kleine Kind zu kümmern. Doch dann geschah das Unerwartete: Es bildete sich eine Menschentraube, mehrere wütende Fahrgäste und Passanten machten dem Fahrer lautstark Vorwürfe und beleidigten ihn. Andere Fahrgäste stellten sich vor den Mann, um ihn vor dem aufgebrachten Mob zu schützen. Der 44-Jährige flüchtete sich in seine Straßenbahn. Dort harrte er aus bis zum Eintreffen der Polizei. (…) ´Bei unserer Alarmierung hieß es gleich, dass ein Streifenwagen bei dieser Lage nicht ausreichen würde´, berichtete Polizeisprecher Ramon van der Maat. Insgesamt neun Streifenwagen mit rund 30 Beamten beruhigten die erhitzten Gemüter vor Ort aber recht schnell. Da es bei verbalen Drohungen blieb, wurden keinerlei Anzeigen aufgenommen.

Während der junge Autofahrer in Bergheim, der sich hat hinreißen lassen, den Hitler-Gruß zu zeigen, wohl ernste Konsequenzen zu befürchten hat, bleibt der Lynchmob – eine genauere Beschreibung des Mobs bleibt die WAZ uns schuldigt – in Marxloh unbehelligt. Politik, Medien und linke Asyllobby interessieren sich nicht die Bohne für die Interessen der Menschen, die seit zig Generation in diesem Land leben. Alltag in der Bunten Republik Deutschland.

Aktualisiert: Hier ein Bericht der WDR-Lokalzeit über die Mahnwache.