Garbsen: Floskeln vom Landesbischof

Auch über zwei Wochen nach der Niederbrennung der Kirche in Garbsen hüllt sich EKD-Chef Nikolaus Schneider in eisernes Schweigen, schickt aber zumindest den Landesbischof vor. Dieser Hochwürden hat mit 16 Tagen Verspätung am 14. August eine kurze Erklärung billiger Floskeln von sich gegeben, die in Garbsen wie Hohn klingen dürften. Hier die Satz-für Satz-Analyse:

(Von C. Jahn)

„Ich bin erschüttert, dass ein von Menschen gelegter Brand die Evangelisch-lutherische Willehadi-Kirche in Garbsen zerstört hat.“

Bereits mit diesem Einleitungssatz windet sich Landesbischof Ralf Meister (Foto) geschickt um eine eindeutige Verurteilung herum. Den Christen in Garbsen seine persönlichen Gefühle mitzuteilen („Ich bin erschüttert“) ist angesichts der Dimension dieser Tat und ihrer historischen Bedeutung zu wenig. Überfällig seitens der Kirchenführung ist nach wie vor eine unmissverständliche Aussage, die dieses abscheuliche Verbrechen mit klaren Worten beim Namen nennt und auf das Schärfste verurteilt: „Diese Tat war ein abscheuliches Verbrechen, das durch nichts, aber auch gar nichts zu entschuldigen ist!“ – das wäre der richtige erste Satz gewesen!

„Den Schuldigen muss das Ausmaß ihrer Tat klar sein. Ihr gezielt gelegtes Feuer hat ein Gotteshaus zerstört, das für viele Menschen eine geistliche Heimat war. Im schlimmsten Fall hätte eine solche Brandstiftung Menschenleben gefährden können.“

Die Formulierung „Den Schuldigen muss das Ausmaß ihrer Tat klar sein“ ist seltsam unscharf. Hier scheint der Landesbischof eine gewisse nachträgliche Reue und Einsicht der Schuldigen in die Verwerflichkeit ihrer Tat zu suggerieren. Klingt darin bereits eine Befürwortung mildernder Umstände an? Oder ist die Gegenwartsform „muss“ nur ein nachlässiger Irrtum, hätte der Satz eigentlich in der Vergangenheitsform („musste“) stehen sollen: „Den Schuldigen musste das Ausmaß ihrer Tat klar sein“? Durch eine solche Verwendung der Vergangenheitsform hätte der Bischof die naheliegende Vermutung ausgesprochen, dass den Tätern das Ausmaß ihrer Tat schon vor der Tat klar gewesen sein muss – aber er tat es nicht. Und ganz unerträglich verharmlosend ist der letzte Satz: „Im schlimmsten Fall hätte eine solche Brandstiftung Menschenleben gefährden können“. Nein, Hochwürden, im schlimmsten Fall hätte die Brandstiftung Menschenleben kosten können!

„Nun bedroht diese Tat den sozialen Frieden im Stadtteil.“

Welchen sozialen Frieden meint der Bischof? In Garbsen wurden bereits Monate vor der Tat Einwohner belästigt und verprügelt, Gärten und Mülltonnen abgefackelt, Wohnhäuser angezündet. Sind solche Zustände in den Augen des Bischofs „sozialer Frieden“?

„Der Zorn über diese mutwillige Zerstörung ist groß und berechtigt. Die Täter müssen ausfindig gemacht und bestraft werden.“

Das sind die einzigen beiden Sätze in der Erklärung des Bischofs, denen uneingeschränkt zuzustimmen ist. Leider haben diese beiden Sätze an dieser Stelle nur die Funktion, das Publikum zu beschwichtigen, indem man ihm scheinbar recht gibt, damit es als Gegenleistung den nun folgenden nächsten Absatz schluckt:

„Gleichzeitig bin ich jedoch erschrocken über die öffentliche vorurteilsbehaftete Zuordnung von Schuld und Täterschaft. Einer kategorischen Vorverurteilung von Menschen ohne jeden Beweis widerspreche ich entschieden.“

Hier begegnet uns wieder der vom Bischof schon einmal verwendete rhetorische Trick, sich auf das eigene Gefühl zu berufen („erschrocken“), um dasselbe Gefühl auch beim Leser auszulösen: Beim obigen „erschüttert“ sollte das Gefühl des Bischofs den Zorn und die Wut des Lesers dämpfen, beim jetzigen „erschrocken“ das Gefühl des Lesers steigern: Der Leser soll ebenfalls „erschrecken“ über die „vorurteilsbehaftete Zuordnung“ sein. Mit diesem Begriff knüpft der Bischof nahtlos an die skandalöse Predigt seiner Superintendentin an, in der es unmittelbar nach der Brandnacht ebenfalls darum ging, die Brandstifter in Schutz zu nehmen. Das Wort „vorurteilsbehaftet“ ist klassisch-stereotypes Buntsprech. Ein solches Wort ausgerechnet in Garbsen zu verwenden, ist fast schon ein verbaler Faustschlag ins Gesicht der dortigen Bewohner: Die in Garbsen alltäglich erlittenen Erfahrungen einer arroganten, gesetzlosen und gewalttätigen Ausländerszene und damit einhergehend der eigenen Schutzlosigkeit sind ja eben keine Vorurteile, sondern von zahllosen Menschen gleichermaßen erlebte Wahrnehmung. Und der Verdacht, dass die Täter gerade aus diesen gesetzlosen Kreisen stammen, ist keine „Vorverurteilung“, sondern eine naheliegende Schlussfolgerung, die sich dem Beobachter aufgrund des sonderbaren Gehabes von Politik, Medien und Kirche ja geradezu aufdrängt. Wären es nämlich irgendwelche anderen Täter gewesen, deutsche Rechts- oder Linksradikale zum Beispiel, hätte der Herr Bischof mit Sicherheit keine 16 Tage gebraucht, um sich endlich zu einer öffentlichen Äußerung zu bequemen.

„Die hannoversche Landeskirche sieht die Probleme dieses Stadtteils als wachsenden sozialen Brennpunkt und nimmt die Klagen der Bewohnerinnen und Bewohner von Garbsen ernst.“

Der ganze Satz ist ein Hohn angesichts des tatsächlichen Verhaltens der hannoverschen Landeskirche. Der hannoverschen Landeskirche sind die „Probleme“ in Garbsen garantiert seit Jahren bekannt – und wenn nicht, dann sollte sie ernsthaft ihre Kommunikationsprozesse mit der eigenen Basis überprüfen. Die Klagen der Bewohnerinnen und Bewohner von Garbsen hat die hannoversche Landeskirche garantiert kein einziges Mal ernst genommen. Taub gestellt hat sie sich für diese Klagen all die Jahre, getan hat sie nichts, und durch ihr Taubstellen und Nichtstun die Lage noch verschlimmert: Die Kirche hätte nämlich durchaus im Namen der Bewohnerinnen und Bewohner von Garbsen in der Politik vorsprechen und die furchterregenden Zustände in diesem Stadtteil thematisieren können. Tatsächlich aber hat sie sich um die Klagen der Bewohnerinnen und Bewohner von Garbsen einen feuchten Kehricht gekümmert. Und das wird sie garantiert auch in Zukunft tun, sobald sich der Staub der abgebrannten Willehadi-Kirche gelegt hat.

„Wir befürworten und unterstützen die Kirchengemeinde bei ihrem Bemühen um deeskalierende Lösungen und helfen beim Wiederaufbau.“

Schlüsselbegriff dieses Satzes ist: „deeskalierende Lösungen“. Auch dieser Begriff ist typisches Buntsprech und bedeutet auf gut Deutsch: Absichtlich wegsehen, nichts sagen und den Schwanz einziehen. In klares und verständliches Deutsch übersetzt heißt der Satz also: „Wir werden die Kirchengemeinde dazu anhalten, das Niederbrennen ihrer Kirche widerspruchslos hinzunehmen und werden unter dieser Voraussetzung – und zwar nur unter dieser Voraussetzung – die Kirche möglicherweise wieder aufbauen“. „Helfen“ heißt nämlich nicht „wirklich machen“, sondern eben nur „helfen“.

„Doch wir halten daran fest: Christen und Christinnen ist aufgetragen, nicht zu richten.“

Dem christlichen Laien ist nicht ganz klar, wo dieser Satz im Zusammenhang mit einer Kriminaltat in der Bibel steht. Vermutlich steht er dort gar nicht, und der Herr Bischof hat sich das einfach selber ausgedacht.

„Bei meinem Besuch und den Gesprächen in Garbsen habe ich neben der Zerstörung viel Ermutigendes gehört und gesehen.“

Der Bischof sucht nun nach einem positiven Abschluss seines Textes. Wer den sprachpolitischen Grundwortschatz der Bunten Republik beherrscht, kann sich diesen positiven Abschluss bereits vorstellen.

„Der Zusammenhalt nach dem Brand ist groß. Und das nicht nur innerhalb der Gemeinde und des Stadtkirchenverbandes Hannover. Auch unsere katholische Schwesterkirche und die muslimische Gemeinde vor Ort schließen die Willehadi-Gemeinde in ihre Gebete ein und haben tatkräftige Hilfe angeboten. Dafür sind wir sehr dankbar und sehen es als ermutigendes Signal.“

Gemeinsame Not schweißt zusammen. Hilfreicher als solche Binsenweisheiten wäre es gewesen, wenn der Bischof mitgeteilt hätte, woher er denn genau weiß, dass die Moscheegemeinde die Willehadi-Gemeinde in ihre „Gebete mit einschließt“. Diese Aussage wäre nämlich erheblich glaubwürdiger, wenn der Bischof auf irgendetwas Konkretes hätte verweisen können, z. B. dass ihm „der Imam XY“ im gemeinsamen Gespräch versichert habe, dass die Moscheegemeinde die Willehadi-Kirche in ihre Gebet mit einschließt. Selbst wenn diese Aussage vom Gebet der Moscheegemeinde durchaus wahr sein könnte – die recht allgemein gehaltene Formulierung des Bischofs ließe auch zwischen den Zeilen herauslesen, dass Konkreteres eben leider fehlt und die hervorgehobene Erwähnung der „Moscheegemeinde“ erneut nur auf eine Inschutznahme des Sozialmilieus der wahrscheinlichen Täterkreise abzielt.

„Hier entsteht aus einer tiefen Krise eine positive Kultur, die beispielhaft ist und die durch eine Brandstiftung nicht zerstört werden kann.“

Mit seiner vorangegangenen Erwähnung der „Moscheegemeinde“ erzeugt der Bischof beim Empfänger unwillkürlich die Assoziation von „Multikulti“, ein Begriff, den der Bischof nun in leicht abgemilderter Form („Kultur“) ausdrücklich weiterführt und ideologiegemäß sofort „positiv“ belegt. Ob diese neue „positive Kultur“, die ja erst nach der Krise entstanden ist, von einer „Brandstiftung nicht zerstört werden kann“, bleibt abzuwarten. Sinniert der Bischof hier schon von der nächsten Brandstiftung oder Freudscher Versprecher?

„Ich hoffe sehr, dass diese Stärkung der Stadtteilgemeinschaft auch in den kommenden Monaten viele Bürgerinnen und Bürger ermutigt, solidarisch und fair die vielfältige Kultur in Garbsen zu gestalten.“

Zum Abschluss noch mal Buntsprech vom allerfeinsten: „solidarisch“ und „vielfältige Kultur“. Damit ist der Bischof am Ende seiner Ausführungen wieder genau bei dem weltfremden Trallala angelangt, das uns die evangelische Kirche seit Jahr und Tag von der Kanzel predigt und für dessen unübersehbares Scheitern die Willehadi-Kirche in Garbsen zum Symbol geworden ist.

Kontakt:

» Ralf Meister: landesbischof@evlka.de