9/11 oder: Wie ich zum „Islamfeind“ wurde

Wie der 11. September 2001 den Journalismus veränderteDer 11. September 2001 war ein Tag, den ich mir schon Wochen vorher in meinem Kalender rot markiert hatte. An diesem Tag hatten meine damalige Verlobte und ich einen Termin beim Leipziger Standesamt, um den Tag unserer Hochzeit festzulegen. Und tatsächlich veränderte der 11. September 2001 mit einer gewissen Zeitverzögerung mein Leben. Allerdings ganz anders, als erwartet. Eine unvollständige Erinnerung.

(Ein Essay in zwei Teilen von Peter H., Mönchengladbach)

Der 11. September 2001

Wir haben noch eine halbe Zeit bis zu unserem Termin, also gehen wir in ein Café in der Nähe des Standesamtes. Plötzlich rennt ein junger Mann herein: „New York wird angegriffen! Macht den Fernseher an!“. Ein TV-Moderator spricht von Flugzeugen, die in das World Trade Center geflogen seien. Ich verstehe kein Wort, glaube kein Wort, alles wirkt auf mich wie ein spannend gemachter, aber völlig überdrehter Hollywood-Streifen. Aber nach dem Termin haben wir es eilig, wieder nach Hause zu kommen: Was ist da nur passiert?

Stundenlange TV-Berichterstattung, ein zusammenstürzendes World Trade Center wird live in deutsche Wohnzimmer übertragen. Taliban? Nie gehört, wer oder was ist das? Nur langsam begreife ich, dass Menschen ermordet wurden. Sonst begreife ich nichts, es fühlt sich alles wie in Trance an. So, als ob man nach etwas greift, das gar nicht da ist. Seltsam und unwirklich. Plötzlich sehe ich Bilder vor Freude tanzender Palästinenser. Ich spüre, wie Hass in mir aufsteigt. Nachdem meine Verlobte und ihr Kind im Bett verschwunden sind, bleibe ich alleine in der Küche und weine. Ich kann nicht begreifen, was da passiert ist. Aber nachdem mich niemand mehr sieht, kann ich endlich weinen.

Der eigentliche Schock: Die Tage danach

Muslime gibt es keine in unserem Viertel, Linke dafür umso mehr. Und die zeigen am Tag danach nicht gerade Trauer. Pubertierende Jünglinge belehren mich, dass Amerikaner „Kapitalisten“ seien und man es deswegen auch „verstehen müsse“, was da „mit den Türmen passiert ist“. Ich bin zu entsetzt, zu schwach, darauf antworten zu können. Plötzlich fällt mir auf, dass ich seit meiner Schulzeit bis heute immer im linken Milieu gelebt habe. Obwohl ich bislang nie sonderlich politisch war, fühle ich mich damit plötzlich sehr unwohl.

Im Fernsehen sehe ich Deutsche, die den Amerikanern ihre Solidarität und Anteilnahme ausdrücken. In unserem Viertel sehe ich nichts dergleichen. Als ich mich in das virtuelle Kondolenz-Buch der amerikanischen Botschaft eintrage, finde ich viele aufrichtige Worte der Anteilnahme. Aber auch vereinzelte antiamerikanische Hasstiraden.

Meine bürgerlich-grüne Verwandtschaft reagiert unterschiedlich: Jene, die in früheren Debatten stets für Palästinenser und gegen die Israelis Partei ergriffen haben, machen emotionslose Lippenbekenntnisse, es sei „nicht in Ordnung“, so viele Menschen zu töten. Um dann im nächsten Satz zu erwähnen, dass die Amerikaner ja irgendwie „selbst schuld“ seien. Dadurch, dass die Amerikaner „das Klima zerstören“, würden ja schließlich viel mehr Menschen sterben. Ältere in meiner Verwandtschaft reden von der „Rache für Dresden“. Wirklich entsetzt, gar geschockt, ist niemand.

Für mein privates Umfeld ist sofort klar: George W. Bush ist böse, der freut sich darüber, jetzt Krieg machen zu können. Es wird über Afghanistan geredet, über Taliban, aber wenig über den Islam. Als meine feministisch engagierte Verlobte erwähnt, Muslime seien „frauenfeindlich“, fährt ihr ihre Tochter sofort über den Mund und wirft ihr vor, sie sei „rassistisch“ und „ausländerfeindlich“. Wir haben den ersten Familienstreit. Und als ich mich auf einer Geburtstagsfeier als Nicht-Pazifist zu erkennen gebe und einen Militärschlag gutheiße, gleich den zweiten. Das geht selbst meiner Verlobten, die plötzlich lange Vorträge über Muslim-Gewalt gegen Frauen hält und Alice Schwarzer zitiert, zu weit. Wirklich politisch bin ich noch immer nicht, nur entsetzt und fassungslos.

Und am meisten entsetzt mich die Ungerührtheit meiner linken Mitmenschen: Ständig wird über 9/11 diskutiert, aber niemand ist wirklich geschockt. Man debattiert politisch, aber dafür, dass Menschen massakriert wurde, fehlt jedes Gefühl. Nirgendwo Trauer. Waren ja nur Kapitalisten. Plötzlich fühle ich mich daran erinnert, dass in meiner Jugend so viel darüber gesprochen wurde, wegen des Holocausts müsse endlich „ein Schlußstrich gezogen werden“, gleichzeitig aber immer darüber geredet wurde, dass die Juden doch sowieso „selber schuld“ waren. Wirkliche Trauer über die Ermordung der Juden jedoch konnte ich damals nicht feststellen. Gibt es da eine Parallele? Dieser Gedanke macht mir Angst. Langsam dämmert mir, dass meine heile Welt aus den Fugen geraten ist. 9/11 ist noch nicht einmal eine Woche her.

Ein ganz neues Gefühl: Angst vorm Fliegen

Auch begreife ich schnell, dass ich ein neues Problem habe: Fliegen. Für mich ein völlig neues Gefühl, war mir doch bislang das Flugzeug das liebste aller Fortbewegungsmittel. Nur drei Wochen nach 9/11 sitze ich in der United Airlines von Düsseldorf nach Chicago. Die nur schwach besetzte Boeing 767 wird von einem Panzerwagen des Bundesgrenzschutzes bis zur Startbahn eskortiert – etwas, dass ich bis dato nur von Flügen mit der israelischen El Al kannte. Über dem Atlantik fällt mir auf, dass die amerikanischen Fluggäste fast den ganzen Flug lang schweigend in ihren Sitzen zu finden sind. Die Deutschen jedoch vergnügen sich munter an Bord, als sei nichts geschehen. Die Ungerührtheit, mit der viele meiner Landsleute auf dieses Ereignis reagieren, ist mir unbegreiflich. Wenn ich innerdeutsch fliege, ist für mich alles normal. In der El Al nach Tel Aviv fühle ich mich geborgen und beschützt wie eh und je. Aber wenn ich über den Atlantik oder US-Domestic fliegen muss, erbreche ich mich erst einmal vor jedem Weg zum Flughafen. Um mich dann vor dem Abheben an der jeweiligen Flughafen-Bar bei irgendwelchen „Doppelten“ und „Dreifachen“ wiederzufinden. Obwohl früher Abstinenzler, werde ich plötzlich zum Flug-Alkoholiker.

Beim Check-in-Schalter auf US-Flughäfen sehe ich kräftige junge Männer, die nach Gangplätzen fragen, um im „Falle des Falles“ sofort zur Stelle zu sein. In Warteräumen teilen die Männer das Flugzeug lautstark in Zonen auf, damit schon vor dem Start klar ist, wer welchen Bereich des Fliegers zu „sichern“ hat. Man klatscht sich ab und geht mit lautem „Huah“ an Bord, als ob es in ein Gefecht ginge. Bei Ansagen vor dem Start werden die Fluggäste von US-Airlines nicht selten daran erinnert, dass sie an Bord des Fliegers „the last line of defense“ (die letzte Verteidigungslinie) sind und in „speziellen Fällen“ ihre Pflicht zu tun haben. Bei dieser Art von Ansage kauere ich mich jedes Mal in meinem Sitz zusammen und halte mich dann den Rest des Fluges an meinem Drink fest. Heldentum ist meine Sache nicht, aber als Feigling darf man dieser Tage bloß nicht auffallen: Wer sich als Mann nicht offen kampfbereit zeigt, zieht in den ersten Monaten nach 9/11 in den USA nur Verachtung auf sich.

Erst später begreife ich, dass dieses Verhalten auch eine Form der Angstbewältigung ist. Monate später fällt mir auf, dass sich auch andere männliche Fluggäste vor dem Start bekreuzigen und ungewöhnlich viel trinken. Gott ist wieder „in“. Zumindest, wenn es gilt, vor dem Start schnell noch seinen Schutz zu erbitten. Bei Frauen beobachte ich mehrfach, dass sie vor dem Start in eine Art Schockstarre verfallen. Einmal sitze ich mit meinem Schwager in einem Flieger von Newark (New Jersey) nach London-Heathrow; direkt nach dem Start in New Jersey gibt es die für die US-Ostküste üblichen Turbulenzen, das Bier schwappt aus unseren Bechern hoch und auf unsere Hosen herunter. Aber wenn man vor Anderem Angst hat, stören selbst die heftigsten Turbulenzen plötzlich nicht mehr. Neben mir sitzt eine junge Blondine, die sich vor dem Start bekreuzigt und danach in eben jene Schockstarre verfällt; sie sagt den ganzen Flug kein einziges Wort, isst nichts, trinkt nichts und starrt nur mit offenen Augen vor sich hin. Als der Steward sie fragt, ob sie etwas trinken will, zeigt sie keine Reaktion und starrt nur weiter geradeaus. Aber als die „Triple-Seven“ in Heathrow ausrollt, springt sie plötzlich auf und lacht uns voller Fröhlichkeit an. Normalität in den ersten Monaten nach 9/11.

Wenn ich in Deutschland von solchen Erlebnissen erzähle, ernte ich nur verständnislose Blicke. Stattdessen werde ich darüber belehrt, dass die Amerikaner doch „selbst schuld seien“, sie hätten zusammen mit den Israelis die Palästinenser „entrechtet“ und „einen Denkzettel“ gebraucht. Da sei es doch nur verständlich, dass Muslime die Amerikaner nicht mögen. Und gäbe es in der arabischen Welt kein Israel, so wären die Muslime ja auch friedlich. Auch sei es gut gewesen, dass die Amerikaner einmal gespürt hätten, wie es ist, auf eigenem Territorium angegriffen zu werden. Langsam entferne ich mich von Verwandten und Freunden, meine Ehe besteht zunehmend aus politischen Debatten und scheitert in Rekordzeit. Meine deutsche Heimat wird mir fremd und unheimlich, trotz Flugangst nutze ich jede Gelegenheit, mich in die USA zu flüchten.

Aber auch in den USA wird betont, wie wichtig es jetzt sei, Muslime nicht zu diskriminieren. Wenn ich jedoch im Warteraum auf das Boarding warte, schaue ich mich immer um und bin jedes Mal froh, wenn ich keine erblicke. Darüber, ob ich jetzt „rassistisch“ bin, denke ich nicht weiter nach. Aber als ich Anfang 2002 in Los Angeles einen Flieger nach Chicago besteige und zu einer zusätzlichen Kontrolle am Flugsteig ausgewählt werde, traditionell gekleidete Muslime jedoch ohne weitere Kontrolle an mir vorbei ins Flugzeug dürfen, stehe ich kurz vor einem Wutanfall. Die dürfen einfach so an Bord und ich werde gefilzt ohne Ende? Was passiert hier eigentlich?

Erst sieben Monate später besuche ich „Ground Zero“

Erst sieben Monate nach 9/11 stehe ich vor „Ground Zero“ und sehe ein großes Loch, in dem sich Schaufelbagger hin und her bewegen. Wüsste man nicht, was dort passiert ist, so könnte man es für eine stinknormale Baustelle halten. Neben der Holz-Tribüne für Touristen verkaufen Souvenir-Händler Hot Dogs und Bilder von 9/11. Auf der Tribüne stehen Amerikaner in Shorts, essen Erdnüsse und machen Fotos. Als ich sehe, wie ein Amerikaner seine Frau Huckepack nimmt, damit sie besser filmen kann, überkommt mich das starke Bedürfnis, ihnen ins Gesicht zu schlagen. Nur wenige Minuten später bin ich wieder weg.

Abends sitze ich in einer irischen Bar, nur wenige Blocks von „Ground Zero“ entfernt, in der ich vor Jahren mit Freunden ganz begeistert den „St. Patricks Day“ gefeiert habe. Es sind kaum noch Gäste da. Der Sohn des Wirtes ist nicht zu erblicken, aber ich fühle mich zu elend, nach ihm zu fragen. Ich fühle mich hilflos, ich weiß nicht, was ich den Menschen sagen soll. Plötzlich sehe ich hinter der Bar einen Globus: an der Stelle, wo eigentlich Afghanistan sein sollte, klafft ein großes Loch – jemand muss mit voller Wucht dort hineingeschlagen haben.

Am nächsten Tag sitze ich im Flieger nach Deutschland, froh darüber, wieder aus New York wegzukommen. Fernsehen habe ich mir zwischenzeitlich ohnehin abgewöhnt; Bilder von Flugzeugen, die in das World Trade Center fliegen, kann und will ich nicht mehr sehen. Eigentlich will ich überhaupt nichts mehr von 9/11 hören und sehen.

(Zweiter Teil morgen)