Nikolaus Schneider und die „Respekt-Toleranz“

Unter ihrem Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider trudelt die EKD kopflos durch die Zeit. Die innerkirchliche Kritik am skandalösen Familienpapier der EKD bekommt er nicht in den Griff. Sein demonstratives Schweigen nach der Niederbrennung der Kirche von Hannover-Garbsen trug ihm den Vorwurf ein, aus politischem Opportunismus die eigene Gemeinde im Stich zu lassen. Und in einem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift „Chrismon“ greift er nun Luther scharf an und fordert eine weitgehend unkritische „Respekt-Toleranz“ gegenüber dem Islam. Der Aufsatz ist zugleich ein schönes Beispiel für buntideologisches Funktionärsdeutsch.

(Von M. Sattler)

Nikolaus Schneiders aktueller Beitrag „Toleranz ist eine aktive Tugend“ (Chrismon 10/2013, Seite 12) ist ein fast lehrbuchhaftes Beispiel buntideologischer Propagandatexte. Solche Texte folgen gemeinhin dem immergleichen Schema: beginnend mit dem Bekenntnis zum kulturellen Selbsthass, gefolgt von Verherrlichung oder duldsamer Kritiklosigkeit gegenüber dem Fremden, einmündend in die politische Aufforderung zum Mundhalten, all dies formuliert in einer stereotypen, phrasenreichen Stilistik. Im Unterschied zur Propagandasprache der DDR oder NS-Zeit vermeidet das Neusprech der Bunten Republik dabei allzu plumpe, aggressive Formulierungen, es erweckt stets den Eindruck der Intellektualität und versucht, den Leser auf subtile Weise zu verführen. Auch Schneiders Text wirkt auf den ersten Blick unverfänglich. Umso erforderlicher ist der geschärfte zweite Blick, der die übliche Methodik bunter Propagandasprache deutlich erkennen lässt:

Die ersten drei Absätze seiner Ausführungen widmet Schneider, ganz getreu dem buntideologischen Textschema, der Hervorhebung der „dunklen Schatten unserer kirchlichen Tradition“. Durch diese Schwerpunktsetzung auf den „dunklen Schatten“ der eigenen Kultur soll dem Leser zunächst das notwendige schlechte Gewissen eingeredet werden, das ihn im zweiten Schritt empfänglich machen wird für die gewünschte unkritische Huldigung alles Fremden. Da die eigene Kultur ja voller „Schatten“ ist, können die fremden Kulturen nur voller Licht sein.

Schneider untermauert seine „Schatten“ mit einer scharfen Kritik an Luther: „Martin Luther wird wohl niemand als Vorbild für Toleranz zitieren“ und „Sowohl Martin Luthers antijudaistische Schrift ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ als auch seine radikale Haltung zur Täuferbewegung belegen seine Intoleranz, die auch zur Gewalt führte“. Diese undifferenzierte, stark vereinfachte Charakterisierung Luthers als intoleranten Radikalen, gar Wegbereiter von Gewalt, dient nur einem einzigen Zweck: Sie soll dem Leser die Verachtung der eigenen Kulturtradition noch intensiver aufdrängen, sein kulturelles Selbstbewusstsein vollends zerschlagen und ihn dadurch vorbereiten auf eine wirklich bedingungslose Akzeptanz anderer, fremder Traditionen. Ganz gezielt verwendet Schneider den unscharfen, aber stigmatisierenden Begriff „antijudaistisch“. Durch dieses Wort löst er beim deutschen Leser eine Assoziation zum Judenmord der NS-Regierung aus: Von Luther, so lernen wir, führt eine direkte Linie zu Heinrich Himmler. Spätestens nach diesem Gedankengang kapituliert selbst der skeptische Leser. Mit Himmler will niemand etwas zu tun haben, also geht man vorsichtshalber auch auf Distanz zu Luther. Schneider hat den Leser nun dort, wo er ihn haben will: in einem Stadium der Bereitschaft, alles zu akzeptieren, was man ihm andient, um sich von Heinrich Himmler und seinem geistigen Vorgänger Martin Luther abzugrenzen.

Aber statt dem Leser nun sofort die rettende Anti-Luther-Himmler-Botschaft („Respekt-Toleranz“) zu vermitteln, greift Schneider im vierten Absatz zunächst zu einem psychologischen Trick, um die Aufnahmebereitschaft des Lesers für die zu verkündende Botschaft noch weiter zu verstärken. Schneider gibt vor, die Skepsis und Sorgen des Lesers ernstzunehmen: „Toleranz ist anstrengend und tut zuweilen weh“. Er suggeriert also Empathie mit den Gefühlen des Lesers, der im Alltag aufgrund der bunten Überforderung oft genug Anstrengung und Schmerz empfindet. Diese Gefühle, die jeden wachen Zeitgenossen beim Spaziergang durch die Kölner Keupstraße oder beim Anblick des Korankraftwerks in Ehrenfeld überkommen, wischt Schneider also keineswegs hochmütig beiseite, wie von Politikern gewohnt, sondern spricht sie offen aus. Der Leser fühlt sich mit seinen Schmerzen verstanden, er fasst Vertrauen zu diesem Herrn Schneider.

Am Ende des vierten Absatzes hat Nikolaus Schneider somit zweierlei erreicht: Er hat dem Leser ein schlechtes Gewissen eingeredet, er hat in ihm den Wunsch geweckt, sich von Luther-Himmler abzugrenzen, und er hat eine persönliche Vertrauensstellung zu ihm aufgebaut. Anders ausgedrückt: Der Leser hofft auf geistige Rettung und wünscht sich diese geistige Rettung nur von einer einzigen Person: Nikolaus Schneider. Dieses doppelte Verlangen des Lesers nutzt Schneider nun endlich zur Offenbarung seines wichtigsten Kernsatzes: „Bei der heute notwendigen Toleranz geht es nicht um ein gleichgültiges und passives Dulden, sondern um einen aktiven Respekt, der auf Gemeinschaftsgerechtigkeit zielt, und das ist etwas anderes als das Eigeninteresse des Einzelnen“.

Wohl dem, der diesen Satz nicht zweimal lesen muss, um ihn zu verstehen. Aber ganz unabhängig von inhaltlichen Fragen präsentiert uns Schneider mit dieser sprachlichen Verschnörkelung buntsprachliches Vokabular in seiner schönsten Erscheinungsform. Schon „Gemeinschaftsgerechtigkeit“ ist eine herrliche Wortschöpfung, was immer sich dahinter auch verbergen mag. Oder das prachtvolle „aktiver Respekt“, ein Begriff, den Schneider ebensowenig erklärt. Da Schneider das im Deutschen mehrdeutige Wort „Respekt“, seinen zentralen Begriff im ganzen Aufsatz, nicht erläutert, muss der Leser umständlich auf die grundsätzliche politkorrekte Bedeutung dieses Wortes zurückgreifen, um inhaltlich folgen zu können: „Respekt“ wird im Buntsprech bekanntlich niemals im Sinn von „Anerkennung“, „Achtung“, „Ehrerbietung“ verwendet. Die bunte Ideologie verlangt keine „aktive“ Auseinandersetzung mit den Inhalten der fremden Religionen und Kulturen, die zu einer aus innerer Überzeugung gewachsenen, aufrichtigen „Achtung“ und „Anerkennung“ führen könnte, denn diese „aktive“ Auseinandersetzung mit Inhalten anderer Religionen und Kulturen könnte auch in Ablehnung münden. Buntideologisch gefordert wird deshalb immer nur das passive, bedingungslose Akzeptieren, möglichst ohne inhaltliche Beschäftigung mit der anderen Religion und Kultur. „Respekt“ beschreibt im Buntsprech somit ein stets passives Verhalten, das dem preußisch-militärischen „Respekt“ im Sinne von „kritiklosem Gehorsam“ und „Unterwürfigkeit“ sehr viel näher kommt als einer im Inneren gewachsenen, ehrlichen „Achtung“. Auch Schneider fordert trotz seiner Vokabel vom „aktiven“ Respekt tatsächlich keine ehrliche „Achtung“ (jedenfalls teilt er uns das nicht mit), sondern wünscht sich nur die in der bunten Ideologie übliche passive Akzeptanz. „Aktiv“ ist in Schneiders „aktivem Respekt“ lediglich das vom Leser geforderte Bemühen, sich diese gewünschte passive Akzeptanz „aktiv“ zu eigen zu machen.

Schneiders Schnörkelsatz endet mit einem völlig deplaziert wirkenden Hinweis auf das „Eigeninteresse des Einzelnen“. Was das „Eigeninteresse des Einzeln“ im Zusammenhang mit religiös-interkulturellen Fragestellungen hier zu suchen hat, bleibt offen. Diese Inhaltsferne von dezent in den Text einstreuten Wortbausteinen gilt im Buntsprech nicht als stilistischer Mangel: Solche inhaltsfernen Stichworte erfüllen den Zweck der Wiederholung und Verstärkung feststehender Phrasen, um diese noch tiefer im Bewusstsein des Empfängers zu verankern. Sowohl „Eigeninteresse“ als auch „Einzelner“ sind im Buntsprech negativ besetzte Begriffe (anzustreben sind laut Ideologie ja nur altruistisch Fremdinteressen sowie die Interessen des Kollektivs). Der Leser möchte mit negativen Dingen natürlich nichts zu tun haben, Schneider hält ihn also emotional auf seiner Seite. Dieselbe Funktion erfüllt auch der kurz danach eingestreute Begriff „demokratisch“. Die Frage der Regierungsform, ob Volksherrschaft oder Diktatur, hat mit dem Text natürlich nichts zu tun, sie dient daher ähnlich nur als Stichwort für eine diffus positive Assoziation auf Seiten des Lesers: „Volksherrschaft“ findet jeder gut und richtig, Schneider erntet Zustimmung, der Leser gibt ihm recht – nur darum geht es.

Mit seiner kreativen Wortschöpfung von der „Respekt-Toleranz“, einer Verschmelzung von zwei buntsprachigen Modeworten zu einem neuen Doppelbegriff, zudem in hervorgehobener Stellung zu Beginn des fünften Absatzes, kommt Schneider anschließend zur Hauptaussage seines Textes: „Es gilt, andere Positionen neben den eigenen zuzulassen und – wenn in ihnen Menschenwürde und Menschenrechte gewahrt sind – auch zu respektieren.“ Dass dieses „Respektieren“ vor allem den Positionen des Islams zu gelten hat, braucht Schneider dem geübten Leser unserer Tage nicht ausdrücklich mitzuteilen. Schneider kann zu Recht voraussetzen, dass der Leser in Zeiten der Bunten Republik gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen, d.h. es genügt, den Bezug zum Islam mit einigen sterotypen Floskeln anzudeuten („Dialog der Religionen“, „Fremdes aushalten“ etc.), um dem Leser das erforderliche Textverständnis zu vermitteln.

Ein völlig unkritisches Akzeptieren-Respektieren („Respekt-Toleranz“) islamischer Positionen verlangt Schneider allerdings nicht – das wäre schlicht zu durchschaubar, der Vorwurf platter Propaganda wäre unausweichlich. Sehr viel geschickter erweckt Schneider daher im folgenden zunächst den Anschein einer differenzierenden Einschränkung seiner „Respekt-Toleranz“ und zwar für den Fall, dass die besagten „anderen Positionen“ die „Menschenwürde und Menschenrechte“ nicht wahren. Da diese beiden Begriffe inhaltlich leicht überdehnbar und zudem subjektiv zu bewerten sind (aus mohammedanischer Sicht verstößt die Burka weder gegen Menschenwürde noch Menschenrechte), vergibt er sich nichts mit einem solchen Hinweis, suggeriert aber erneut Verständnis für mögliche Bedenken des kritischen Lesers und hält so die Vertrauensstellung aufrecht. Vor allem aber erreicht er mit Hilfe der bewussten Hervorhebung der beiden dehnbaren Begriffe die Ablenkung des Lesers auf einen inhaltlichen Nebenkriegsschauplatz und vermeidet eine Thematisierung des Hauptkritikpunkts am Islam: seine Gewaltverherrlichung und Gewaltbereitschaft gegenüber Andersgläubigen.

Diese Gewaltbereitschaft gegenüber Andersgläubigen darf in der bunten Propagandasprache nie erwähnt werden: Islam ist Frieden, so das Dogma. Auch Schneider würde niemals einen Text verfassen, in dem er seine „Respekt-Toleranz“ nur auf gewaltfreie Positionen bezogen wissen will und in dem er der Gewalt eine klare, universelle Absage erteilt, einschließlich der religionsimmanenten Gewalt im Islam – ein solcher Text wäre äußerst unbunt. In Schneiders Beschränkung der „Respekt-Toleranz“ auf „Menschenwürde und Menschenrechte“ ist also in erster Linie ein stilistisches Zugeständnis an die von ihm erwartete Intellektualität zu sehen, um durch eine scheinbare Differenzierung dem akademischen Selbstanspruch der Zeitschrift „Chrismon“ oberflächlich gerecht zu werden und zugleich dem eigentlichen Kern der Thematik geschickt auszuweichen.

Schneiders anschließende scheinbare Selbstkritik am Ende des vorletzten Absatzes („kennen unsere Glaubensüberzeugungen zu wenig, sind kein selbstbewusster Partner im Dialog der Religionen“) verfolgt in erster Linie erneut den Zweck, den Leser mit seinen Besorgnissen vorgeblich ernstzunehmen, die Vertrauensstellung zum Leser zu wahren und äußerlichen Minimalanforderungen an Intellektualität zu genügen. Nur unter diesen Voraussetzungen, d.h. in seiner Rolle als insgesamt vertrauenswürdiger und fachlich kompetenter Ansprechpartner, kann Schneider den Leser nämlich für die entscheidende Forderung im letzten Satz gewinnen: „aktive religiöse Toleranz“ – das ist die eigentliche Hauptaussage des Absatzes, auf die alle vorangehenden Ausführungen hinauslaufen. Da aber eine „aktive“ Auseinandersetzung mit den Inhalten anderer Religionen und Kulturen, wie oben besprochen, ideologiegemäß tabu ist, bedeutet Schneiders „aktive religiöse Toleranz“ in der praktischen Konsequenz nichts anderes als: möglichst passiv den Mund zu halten. Eine durchaus eindrucksvolle sprachliche Kapriole!

Schneiders Schlußsatz („500 Jahre Reformation sind eine Einladung an alle, die Lerngeschichte der Toleranz gemeinsam fortzuschreiben“) dient nicht nur der geschickten Wiederholung und somit Verstärkung des eingangs hervorgerufenen Schuldgefühls, das der Leser bereits vergessen haben könnte. Der Begriff „Lernen“ soll den Leser zugleich Hoffnung machen und ihn auffordern, Nikolaus Schneider auf seinem Weg der „Respekt-Toleranz“ zu folgen. Dem Leser wird die Überzeugung vermittelt, seine im Angesicht der Gefahr instinktiv empfundene „Anstrengung“ und sein “Schmerz“ seien nur Teil eines „Lernprozesses“, sie gehen vorüber, wenn der Leser genug „gelernt“ hat. „Lernen“ bedeutet dabei allerdings nicht: sich über die Inhalte fremder Religionen und Kulturen weiterzubilden, sondern lediglich Schneiders unkritische „Respekt-Toleranz“ als solche zu erlernen, d.h. sich noch eifriger und „aktiver“ darin zu üben, passiv den Mund zu halten. Im Umkehrschluss lautet Schneiders letzter Satz also: Wer meine „Respekt-Toleranz“ nicht mitmacht, ist lernunwillig, er ist ein Dummkopf. Ein wahrhaft respekt-toleranter Abschluss!

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