VillnößtalAm 10. September, 1786, fuhr Johann Wolfgang Goethe per Kutsche auf seiner berühmten italienischen Reise von der Paßhöhe des Brenner hinunter nach Südtirol und hielt kurz vor Bozen folgendes fest:

Auf dem Lande, nah am Fluß, die Hügel hinauf, ist alles so enge an und in einander gepflanzt, daß man denkt, es müsse eins das andere ersticken: Weingeländer, Mais, Maulbeerbäume, Äpfel, Birnen, Quitten und Nüsse. Über Mauern wirft sich der Attich lebhaft herüber. Efeu wächst in starken Stämmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit über sie; die Eidechse schlüpft durch die Zwischenräume, auch alles, was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder. Die aufgebundenen Zöpfe der Frauen, der Männer bloße Brust und leichte Jacken, die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben, die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten Heinrich Roos. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen, und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut zu werden anfängt, da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil…

Aber nicht überall im Land herrschte Wohlstand wie in Bozen, und in den Seitentälern der Alpen mußten die Bauern ihr Brot meist beschwerlich erarbeiten; aber sie hingen alle an diesem Flecken Erde, und die Tiroler waren äußerst konservativ und wehrhaft. Das erfuhren die Franzosen, als sie 1796/1797 Tirol zunächst erfolglos angriffen. Auf dem Bild unten sieht man Katharina Lanz bei der Schlacht von Spinges 1797!

katharina-lanzNach Napoleons Siegen überall in Europa wurde Tirol aber im Frieden von Pressburg 1805 an die Bayern abgetreten, deren Herrschaft und deren staatliche, kirchliche und militärische Reformen den Tirolern so sehr gegen den Strich gingen, daß es schließlich im Jahr 1809 zum Volksaufstand, zum Freiheitskampf für Gott, Kaiser und Vaterland kam unter den heute noch bekannten Anführern Hofer, Speckbacher, Mayr und Haspinger. Vor allem daß in Südbayern, wie Tirol nun heißen sollte, von den Besatzern nach Aufhebung des Landlibell Rekruten ausgehoben werden konnten, führte zur Erhebung. Mander, es isch Zeit, soll Hofer gesagt haben, und die Schützen folgten!

andreas-hoferInsbesondere Andreas Hofer (Abb.), der Sandwirt aus St. Leonhard im Passeiertal, wurde ein Nationalheld und erregt bis heute die Phantasie. Vier Schlachten wurden am Bergisel (das ist da, wo heute die Olympiaschanze von Innsbruck steht) gegen Bayern und Franzosen geschlagen, drei gewonnen, die letzte verloren. Der Kaiser in Wien, auf den die Tiroler gesetzt hatten, war nie eine Hilfe gewesen! Hofer – durch Verrat gefangen – wurde 1810 zu Mantua in Banden erschossen! Er ist mit Speckbacher und Haspinger in der Hofkirche zu Innsbruck begraben.

Das Leben ging natürlich auch nach 1810 weiter, Napoleon verschwand von der Bühne, Tirol kam wieder an die Habsburger, die den Tirolern und ihrer Freiheitsliebe jedoch durchaus mißtrauten. Die Überführung Hofers nach Innsbruck war eine Nacht- und Nebelaktion der Kaiserjäger, aber gar nicht im Sinne Seiner Majestät des Kaisers selbst, der vor allem Ruhe im Land wollte. Zweimal noch in den nächsten 50 Jahren drohte Tirol Gefahr – diesmal aus  dem Süden. Um 1848 drängten Freischärler – Stichwort Giovane Italia – aus der Lombardei heran und wollten die Grenzen verschieben, und 11 Jahre später war es Garibaldi, der im Krieg Österreichs gegen Piemont-Sardinien im Norden aktiv wurde. Beide Male wurde in Tirol der Geist von 1809 wachgerufen, und beide Male die Gefahr abgewendet.

Das tägliche Leben blieb während dieser Zeiten in vielen Teilen Tirols wie überall in den Alpen ein schweres. Armut war weit verbreitet. Nicht jeden ernährte ein Bauernhof oder ein Handwerk. Es gab ledige Kinder, Zweit- und Drittgeborene, die als Tagelöhner, Melker, Knechte und Mägde, Wildschützen, Krämer, Vogelhändler, Schmuggler und Hausierer ein Auskommen suchen mußten. Viele zogen ganz weg und wanderten aus bis nach Brasilien und Peru. Bekannt geworden sind auch die sogenannten Schwabenkinder, die aus Armut alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben wanderten, um dort als Arbeitskräfte für eine Saison an Bauern vermittelt zu werden. Erst nach 1920 verschwand das Schwabengehen endlich ganz!

Auch war Tirol nicht überall streng katholisch, wie man vermuten könnte. Im Zillertal etwa hatten sich lange Protestanten gehalten, die man aber vor die Wahl stellte, zu konvertieren oder auszuwandern, was die meisten 1837 taten. Die geistigen und politischen Strömungen des 19. Jahrhundert machten an den Landesgrenzen natürlich keinen Halt, können in diesem kurzen Abriß aber nicht ausgeführt werden.

» Der Tiroler Freiheitskampf und dessen Mythos
» Tiroler Freiheitskampf 1809
» Das Landlibell von 1511
» Kleine Geschichte Südtirols 1 – Prolog

(Auf dem Foto ganz oben sieht man das Villnößtal mit den Geisler Spitzen, dem Sass Rigais und der Furchetta. Der nächste Teil der Serie handelt vom Ersten Weltkrieg in Südtirol und erscheint demnächst.)

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12 KOMMENTARE

  1. Villnöss steht übrigens nicht nur für die Geislergruppe und die Kirche von St. Magdalena – Wahrzeichen der Gemeinde – sondern auch für einen der weltweit bekanntesten Bergsteiger: Reinhold Messner, Ehrenbürger der Gemeinde, stammt aus diesem Tal.

  2. Julius Mosen 1831 widmete Hofer ein wunderbares Lied:

    1. Zu Mantua in Banden
    Der treue Hofer war,
    In Mantua zum Tode
    Führt ihn der Feinde Schar.
    Es blutete der Brüder Herz,
    Ganz Deutschland, ach in Schmach und Schmerz.
    |: Mit ihm das Land Tirol,
    Mit ihm das Land Tirol. 😐

    2. Die Hände auf dem Rücken
    Der Sandwirt Hofer ging,
    Mit ruhig festen Schritten,
    Ihm schien der Tod gering.
    Der Tod, den er so manchesmal,
    Vom Iselberg geschickt ins Tal,
    |: Im heil’gen Land Tirol,
    Im heil’gen Land Tirol. 😐

    3. Doch als aus Kerkergittern
    Im Festen Mantua
    Die treuen Waffenbrüder
    Die Händ‘ er strecken sah,
    Da rief er laut: „Gott sei mit euch,
    Mit dem verrat’nen deutschen Reich,
    |: Und mit dem Land Tirol,
    Und mit dem Land Tirol.“ 😐

    4. Dem Tambour will der Wirbel
    Nicht unterm Schlegel vor,
    Als nun der Sandwirt Hofer
    Schritt durch das Kerkertor,
    Der Sandwirt, noch in Banden frei,
    Dort stand er fest auf der Bastei.
    |: Der Mann vom Land Tirol,
    Der Mann vom Land Tirol. 😐

    5. Dort soll er niederknie’n,
    Er sprach: „Das tu ich nit!
    Will sterben, wie ich stehe,
    Will sterben, wie ich stritt!
    So wie ich steh‘ auf dieser Schanz‘,
    Es leb‘ mein guter Kaiser Franz,
    |: Mit ihm sein Land Tirol!
    Mit ihm sein Land Tirol!“ 😐

    6. Und von der Hand die Binde
    Nimmt ihm der Korporal;
    Und Sandwirt Hofer betet
    Allhier zum letzten Mal;
    Dann ruft er: „Nun, so trefft mich recht!
    Gebt Feuer! Ach, wie schießt ihr schlecht!
    |: Adé, mein Land Tirol!
    Adé mein Land Tirol! 😐

  3. Kewil, danke für das Bild an diesem trüben, kalten Novembertag! Und für Schloss Tirol vor ein paar Tagen. Goethe hat´s vortrefflich beschrieben.

  4. Das tägliche Leben blieb während dieser Zeiten in vielen Teilen Tirols wie überall in den Alpen ein schweres. Armut war weit verbreitet.

    So wie es damals war wird es sehr bald wieder kommen in Europa, wenn nicht endlich diese unsägliche EU eliminiert wird.

  5. Danke, Kewil und Ihr anderen PI-ler, für diese Serie!
    Endlich mal ein Blog, der das „Europa der Regionen“ aufrollt und mit Inhalt und Geist erfüllt. Wenn auch gänzlich anders, als es der portugiesische Maoist Barroso nebst seinem ausbildungslosen Europa-Parlaments-Capo Schulz vorzugeben belieben.
    Könnte man als Serie jederzeit auf alle mögliche andere Regionen unter der roten EU-Knute ausweiten…

    Don Andres

  6. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen, und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut zu werden anfängt, da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil…

    Goethe konnte noch das Geschrille der Heuschrecken hören.
    Heute hört man dort nur Autobahn und Flugzeuge im Himmel.

    Aber man kommt dorthin schneller als Goethe.
    Die grundsätzliche Frage ist:
    WOZU,
    wenn man das Geschrille der Heuschrecken nicht hören kann.

  7. Vielen Dank an PI für diese Reihe. Ich habe den Eindruck, viele Deutsche – vor allem die Jungen – sind mit der Geschichte Südtirols nicht bewandert.

    Da ich auch aus beruflichen Gründen sehr oft in Südtirol, aber auch Venetien, bin, muss ich feststellen, dass Südtirol nicht nur mit dem Problem der Italianisierung zu kämpfen hat, sondern auch – das trifft ebenso auf Italien im Allgemeinen zu – mit der Überfremdung, insbesondere durch Schwarzafrikaner. Die Folgen der seit Jahrzehnten lasch betriebenen Einwanderungspolitik – auch Berlusconi hat da nichts daran geändert – lassen sich gut in Bozen und selbst Meran beobachten: Schwarzafrikaner zuhauf im Straßenbild mit entsprechendem Anstieg der Kriminalität.

    Man kann nur hoffen, dass sich infolge der verschlechternden Wirtschaft in Italien, einhergend mit der zusätzlichen Besteuerung der Südtiroler, diejenigen politischen Kräfte Zuwachs erhalten, die für ein Ausscheiden Südtirols aus Italien eintreten. Die letzten Landtagswahlen waren da ja schon ganz erfreulich. Dann könnte man der Einwanderung aus fremdkulturellen Ländern einen Riegel vorschieben.

    Die dringend notwendige Festung Europa scheitert derzeit vor allem an Italien und Spanien. Selbst Griechenland sichert dazu seine Grenze vergleichsweise gut ab.

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