Immer wieder ist der Verlag antaios für die Publikation vergessener oder verfehmter konservativer Autoren gut. So auch aktuell mit der Textsammlung „Verlorene Posten“ des französischen Autors Richard Millet. Obwohl der an seinen Berufsstand anspruchsvolle Millet mit Grass, Enzensberger, Walser und Handke die letzten verbliebenen Schriftsteller Europas eigentlich rechtsrheinisch verortet, könnte dieser traurige Ehrentitel längst ihm gebühren. Weitgehend unbemerkt vom deutschen Publikum hat sich der mit dem Essay-Preis der Académie française geehrte und früher auch vom deutschen Feuilleton gepriesene Romanautor und Essayist nämlich – zum Wohle von Literatur und Sprache – mit dem linken Kultur- und Politbetrieb Frankreichs aufs Eklatanteste überworfen.

(Rezension von Thorsten M.)

Granteleien gegen seine Schriftsteller-Kollegen, die er der Produktion von „Postliteratur“ und der Arbeitsweise von Schreibwerkstätten bezichtigte, wollte das hegemoniale linke Kulturestablishment ihm noch durchgehen lassen. Selbst die Weigerung jemanden, der sein Kind als Einwanderer in der dritten Generation in Frankreich noch Mohammed nennt – Pass hin oder her – als Franzosen anzuerkennen, konnte er noch als Diskussionsbeitrag platzieren. Dass er sich aber nach den Anschlägen von Oslo und Utoya eine allgemein falsch verstandene „Literarische Lobpreisung des Anders Breivik“ als Erklärungsversuch erlaubte, machte ihn zum Paria des französischen Literaturbetriebs – und zugleich zu einem freien Menschen, wie er in der anspruchsvollen westlichen Literatur im Moment wohl seinesgleichen sucht.

„Verlorene Posten“ – ist das in Lettern gefasste Abbild dieser Freiheit. Es verbindet die gedankliche Tiefenschärfe eines wahren Schriftstellers, mit dem Problemfeld der Einwanderung, des Multikulturalismus, der Islamisierung, des Konsumismus als letzter verbleibender Klammer einer nur noch willkürlich zusammengeworfenen Bevölkerung, die sich an die Stelle der europäischen Völker zu setzen anschickt. Selbst wenn die Textsammlung über weite Teile eine scheinbar zufällige Abfolge von Gedanken darstellt, ist sie ein Feuerwerk der Denkanstöße, ja Aphorismen. Man kann das Buch an beliebiger Stelle aufschlagen und findet sofort Ideen, die im offiziellen politischen Diskurs Europas, völlig abseits populistischer Parteien, mindestens eine Reflexion verdient hätten – aber erstaunlicherweise dort nicht auftauchen. So zum Beispiel die Frage nach der „Erschöpfung des Sinns“, die die identitätslosen Menschen immer trauriger werden lässt oder die der unsäglichen Allianz zwischen Islamisierung und Amerikanisierung, die sich nur vordergründig spinnefeind sind. In Wahrheit pflügen sie sich in einer allmächtigen Einheit von „Markt und Recht“ durch die gewachsenen Völker Europas. Und nicht zu vergessen, der demaskierte Widerspruch, das Authentische im migrantischen Wilden im gleichen Atemzug zu verehren, wie man den eigenen Ethnozentrismus des „weißen Mannes“ verurteilt.

Auch das sachliche Sezieren („exemplarisches Produkt jener westlichen Dekadenz, die den Anschein eines amerikanisierten Kleinbürgertums angenommen hat“) Anders Breiviks in einem eigenen Kapitel ist lesenswert, weil es unter den monströsen Sargdeckel von Worten wie „Massenmörder“ und „Rechtsextremist“ schaut und mit dem Schnitzmesser statt mit der Axt nach Erklärungen forscht.

Wer ist Richard Millet in inzwischen sechzig Lebensjahren geworden? Ein katholischer Solitär – ein Waldgänger wie der Untertitel des Buches nahelegt – ein Zurückgezogener? Ein Vordenker der Identitären Bewegung, wie sie sich in Frankreich und Österreich – sonst weitgehend ohne großen intellektuellen Unterbau – zaghaft herausbildet? Oder ist er einfach nur ein Qualitätsschriftsteller, der verstanden hat, dass minimalistisch kommunizierende Massen im sprachlichen Niemandsland der nicht-assimilierten Einwanderung ihn obsolet werden lassen – und der darum wie ein Löwe um seine Daseinsberechtigung kämpft? In jedem Fall ist Millet ein Schriftsteller, der diese Bezeichnung noch verdient, weil er kompromisslos nach der Wahrheit sucht. „Verlorene Posten“ ist ein schönes Stück „Gegenliteratur“ für Einwanderungs-, Islamisierungs-, Verwahrlosungskritiker, die daran verzweifeln, ihre Gedanken durch den ängstlichen Kollektiv-Boykott der westlichen Intelligenzija häufig nur auf Bildzeitungs-Niveau formatiert wiederzufinden.

Verlorene Posten. Richard Millet; 978-3-944422-25-1; 246 Seiten; 22 Euro. Das gebundene Buch ist vor zwei Wochen erschienen. Man kann es direkt beim Verlag antaios bestellen oder über die gängigen Internet-Großversande.

Siehe auch PI-Beiträge:

» Buch-Tipp: R. Millet über die Abschaffung Europas
» Lesehilfe zu Richard Millets Multikulti-Kritik

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12 KOMMENTARE

  1. In der Formulierung von Geistesblitzen sind die franz. Schrifsteller unschlagbar. Dass sie dabei auch mal unverhofft über die Stränge schlagen ist zu erwarten.

    Nun hat sich Millet bei seinem Versuch Brevick zu verstehen nichts Schlimmeres zukommen lassen als es alle Linken beidersets des Rheins ja schon lage bez. des Islams tun. Alles was islamische Attentäter tun wird ja vom Establishment automatisch entschuldigt. Sogar die 9/11 Anschläge werden sage und schreibe immer noch verharmlost, wenn nicht sogar, im Zuge anti-amerikanischer Polemik, verherrlicht.

    FR befindet sich z.Z. im labilsten politischen Zustand seit dem 19. Jahrhundert – manche sagen seit 1789. Es bahnt sich nähmlich eine Revolution an – und die wird diesmal von Rechts kommen. Marine Le Pen kommt immer mehr in der Mitte an, unter vormals linken Arbeitern schon sowieso. Wenn sich Europa in den nächsten paar Jahren erneuert wird der Impuls – wie immer – aus FR kommen.

  2. Es ist erfreulich und aufbauend, zu sehen, dass es noch einige Rosen gibt im Sumpfland des Kleingeistigen, wo BILD die Meßlatte bestimmt, wo Geist aufhört bzw. beginnt.

  3. Ich habe Millets Buch ebenfalls gerade ausgelesen und komme zu einer ganz anderen Wertung als Thorsten. Trotz des von Thorsten genannten ‚Feuerwerk der Denkanstöße‘ bleibt das Buch oberflächlich und langweilig. Den scharfen Ton kann Pirinci besser und Argumente finden sich keine im Text.

    Man möchte ihn fragen: was bitte, ist Kultur? Was ist Identität? Was hat wer davon, wenn die französische Sprache ‚rein‘ bleibt? Es bleibt alles im Ungewissen. Die Begriffe Liberalismus, Markt, Kapitalismus und Globalisierung verwendet er in einer Weise, dass der kundige Leser weiß, dass Millet von Ökonomie keine Ahnung hat. Da ist er ganz auf der Linie von Papst Franziskus, Frau Käßmann oder anderen deutschen Gutmenschen jeder Couleur.

    Die offensichtlichen materiellen Gewinne für Milliarden Menschen – gerade für die Ärmsten – bedeuten ihm nichts. Die digitale Welt und ihre neuen Möglichkeiten (z.B. PI!) kommen nicht einmal vor in seinem Text, statt dessen ein Anschreien gegen die Amerikanisierung durch die Popkultur, als wenn die französische, oder meinetwegen auch die deutsche Literatur sich heutzutage noch mit der amerikanischen messen könnte, als wenn französische Filme mit Hollywood konkurieren könnten – sie können es schon 80 Jahre lang nicht mehr.

    Millet kann einem leid tun, ein vereinsamter Mann, aus der Zeit gefallen, ohne das geringste Verständnis oder auch nur Interesse für die Entwicklung der Welt, für die Dinge, welche die Menschen abseits der scheinbaren ‚Elite‘ interessieren und antreiben. Das ‚Streben nach Glück‘ kennt er ebenfalls nicht oder verortet es in der Unterordnung (von mir aus auch Hingabe) unter Gottvater.

    Soll er halt. Wir brauchen ganz etwas anderes. Wir brauchen keine nur rückwärts gewandte Sicht der Welt, die alles Schöne und Gute bei den Eliten der Vergangenheit sieht. Wir brauchen einen Zukunftsentwurf, der auf der realen Welt aufbaut und den Wünschen der Menschen ein Ziel bietet. Freiheit, Selbstverwirklichung, Streben nach Glück, Heimat, auch Sicherheit gefasst in ein Zukunftssmodell, welches aufbaut auf den guten Elementen (Schweiz, USA). Da leistet Millet keinen Beitrag.

    Zuletzt: Falls Millet ein sprachlich lesenswerter Literat ist, so bleibt in dieser Übersetzung davon nichts übrig.

    Drei Bücher aus PI-Empfehlungen las ich jetzt. Zu Jean Raspails ‚Sieben Reiter verließen die Stadt‘ und Björn Clemens ‚Pascal Ormuneit‘ sage ich: unbedingt lesen!
    Millet aber ist entbehrlich.

    Guten Rutsch!

  4. @Eulenspiegel
    Sie sagen es! Richard Millet ist – wie meine bessere Hälfte nach der quälenden Lektüre recht maliziös meinte – ein Teil der Problems „Niedergang der literarischen Hochsprache“.

    Mit anderen Worten: er kann einfach nicht schreiben und was er da für eine Art Stil bei sich hält, ist im Grunde ziemlich armselig (denn so vernichtend kann keine Übersetzung sein, daß von einem, sagen wir, Flaubert nur noch schwülstiges Geblubber übrigbleibt).

    Und Jean Raspail hat seine besseren Tage auch schon hinter sich gelassen; seine „Sieben Reiter“ sind im Vergleich zu früheren Werken (zB diese bezaubernde Erzählung über die Feuerländer oder der Roman über eine Truppe von Gringos im Nachkriegsjapan) lahm und brüchig und gehen da und dort aus dem kompositorischen Leim.

    Ein berechtigtes Anliegen macht eben nicht automatisch gute Literatur; vor allem nicht, wenn man längst über 80 ist und offenbar nicht mehr auf dem Gipfel der geistigen Fähigkeiten (klingt herzlos, aber Stanislaw Lem wußte als kluger Mensch, daß man im Alter eben nichts komplexes wie einen Roman schreiben kann – jedenfalls nicht, wenn man gewisse künstlerische und intellektuelle Ansprüche hegt).

    So sehr ich Herrn Kubitschek bewundere und nach Kräften unterstütze – mit der Wahl dieser beiden Werke hat er seinem Verlag keinen Gefallen getan (na ja, vielleicht gibt es ja genug Leute, die einen bescheidenen Kunstgeschmack mit eiserner Gesinnungsstärke ausgleichen – dann ginge die Rechnung doch noch auf).

  5. Dieser frz. Schriftsteller besitzt einen ungeheueren Mut. Er spricht aus, was im freien Westen kaum noch gedacht werden darf. Wenn er sich in einer U-Bahnstation, umgeben von lauter Immigranten, als letzter Franzose beschreibt, ist das ein Gefühl, das uns in unseren Metropolen auch immer häufiger befällt. Der Abgesang auf das alte Europa, das Jahrhunderte prägend für die Welt war, kann schmerzlicher nicht zum Ausdruck kommen. Millets „Verlorene Posten“ sind ein Endspiel nicht in Becketts Art der komischen Existenzialtragödie, sondern im direkteren Erfahren des alltäglichen Niedergangs, der uns als Bereicherung dauersuggeriert wird. Man muß das gelesen haben, in diesen Zeiten, da die Metapher vom Ende des weißen Mannes blutiger Ernst geworden ist.

  6. #4 Eulenspiegel141 (30. Dez 2013 20:41)
    #6 Bohemund (30. Dez 2013 22:03)
    #8 dipedilderich (31. Dez 2013 00:31)

    Euch allen vielen Dank für die kritischen Hinweise zu Millet und auch zu den beiden anderen Büchern. Ich finde es immer sehr nützlich, Urteile darüber zu lesen.

    Ich kenne bisher keins von den dreien, aber „Pascal Ormuneit“ werde ich wohl als erstes lesen. Es scheint mir den aktuellsten „Bezug“ zu haben.

  7. #4 Eulenspiegel141 (30. Dez 2013 20:41)

    Man möchte ihn fragen: was bitte, ist Kultur? Was ist Identität? Was hat wer davon, wenn die französische Sprache ‘rein’ bleibt? Es bleibt alles im Ungewissen. Die Begriffe Liberalismus, Markt, Kapitalismus und Globalisierung verwendet er in einer Weise, dass der kundige Leser weiß, dass Millet von Ökonomie keine Ahnung hat.
    ———————————

    Ich fürchte Sie haben Millets Botschaft verpasst. Wer dessen Sorge um die franz. Sprache als nebensächlich abtut, verkennt das zentrale Sendungsbewusstsein ihrer Eliten, ob links oder rechts. Und wer fragen muss, was Kultur und Identität sind, zeigt wohl dass er selbst keine hat. Deutsche haben ja im Moment keine, weil sie ihnen ja auf so vielseitige Art ausgetrieben wurde (wird). Zum Trost konzentrieren sie sich auf materielle Errungenschaften, in der Hoffnung das Loch ihres fehlenden Selbstbewusstseins zuzustopfen. Das aber ist eine Illusion, weil sich Identität nicht auf Dauer zuschütten lässt, und weil agressive Moslems uns ihre eigene analphabetische Identität aufzwingen wollen, der wir entweder begegnen, oder uns unterwerfen müssen.

  8. #4 Eulenspiegel141 (30. Dez 2013 20:41)
    #6 Bohemund (30. Dez 2013 22:03)
    #8 dipedilderich (31. Dez 2013 00:31)

    Muss ich allem zustimmen, was Millet denkt, fühlt und schreibt?
    Brauche ich ein Vorbild, dem ich zu hundert Prozent zustimme?
    Zu beidem Nein!
    Millets Feststellung, dass das Recht und der Antirassismus die Europäer wehrlos gegen Einwanderung und Auslöschung der eigenen Identität macht, ist jedenfalls bedenkenswert und hebt die Auseinandersetzung mit den „Schulen ohne Rassismus“ auf eine andere Stufe.

  9. Auch ich habe alle drei hier rezensierten Bücher gelesen. Sie sind sehr unterschiedlich, haben aber alle ihren Reiz.

    Pascal Ormunait ist gut geschrieben, die Handlung orientiert sich stark an den juristischen Erfahrungen des Verfassers. Fast ein politisch-juristischer Bildungsroman.

    Natürlich ist Millet über weite Strecken anstrengend bis langweilig, zu sehr auf die Literatur und Sprache fixiert. Er geht auch nicht in die Tiefe und verschweigt, was er unter Widerstand versteht. Dennoch habe ich das Buch mit Gewinn gelesen.

    Jean Raspail ist tiefgründig, es verlangt dem Leser schon was ab.

    Man muß nicht jedes Buch gut finden und man kann verschiedene Sichtweisen haben. Es ist aber sinnvoll, bei PI Bücher zu rezensieren, die der geistigen Aufrüstung und auch Erbauung dienen.

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