Stern TV: Sollten Deutschkurse Pflicht sein?

Masochisten hatten am Mittwochabend Gelegenheit, auf stern TV ihr Handicap zu pflegen. Das Saure- Gurken-Thema „Integration“ drehte sich diesmal um die unerhörte Frage, ob Deutschkurse für Menschen mit Migrationshintergrund Pflicht sein sollten (Video der Sendung hier), denn vor allem türkische Frauen, die schon lange in Deutschland leben, sind oft schlecht integriert, weil sie – wie der Bruder einer Protagonistin der Sendung feststellte – „zu faul sind, Deutsch zu lernen“. Wozu auch, Weihnachtsmann Hartz kommt auch so lebenslang, und die Kinder sollen gefälligst im Kindergarten und in der Schule Deutsch lernen, damit sie Vadda und Mudda helfen können, wenn es darum geht, sich ärztlich behandeln zu lassen und den Alltag im fremden Land zu bewältigen, das voller Vorurteilen gegenüber Fremden ist (wie der Bundespräsident und andere Politiker fortwährend sagen).

(Von Verena B., Bonn)

Moderator Steffen Hallaschka berichtet stolz und freudestrahlend, dass er in der tollen, multikulturellen Hafenstadt Hamburg lebe, kürzlich aber erschreckt darüber war zu hören, dass 23 Prozent der Grundschüler kaum Deutsch sprechen, da 25 Prozent der Schüler zu Hause nur die Heimatsprache sprechen. Die Werte in anderen Städten seien ähnlich. Soll nun die Erlernung der deutschen Sprache Pflicht werden oder reichen mehr Angebote zum freiwilligen Lernen? Darüber diskutierten Wolfgang Bosbach (CDU), Sevim Dagdelen (Die Linke), Bernd Siggelkow (Gründer des Kinderhilfswerks Arche in Berlin), Aysel Yildirim (40, Türkin, stumm), Hüyla Solinku (33, Türkin, ich gutt Deutsche spreche) und Renata Stonkute (25, aus Litauen, nach einem Jahr verständlich Deutsch sprechend).

Aysel Yildirim lebt seit 25 Jahren in Deutschland, aber noch immer spricht die 40-Jährige kein Deutsch. Ihre Wohnung verlässt die sechsfache Mutter nur selten. Kontakt zu Deutschen hat die Türkin nicht. Ihr Mann, ebenfalls arbeitslos, spricht auch kein einziges Wort Deutsch und grinst wortlos freundlich in die Kamera, als er etwas gefragt wird. Immerhin lebt man auf Staatskosten offenbar in einem schönen Haus mit Garten, das vom deutschen Gartenzwerg gerne finanziert wird. Ein Kindchen, das gefragt wird, wo es denn lieber leben würde, in Deutschland oder der Türkei, sagt klagend: „In der Türkei.“ Da leben die Cousinen und der Opa.

Kein Einzelfall: Vor allem Frauen, die nach Deutschland kommen, sind, wie oben gesagt, oft schlecht integriert. Die Bundesregierung will das ändern, im Koalitionsvertrag wurde deshalb festgeschrieben: „Der Erwerb der deutschen Sprache ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Integration. Wir werden die Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache ausbauen.“ Und weiter heißt es: „Die Leitlinie der Integrationspolitik bleibt Fördern und Fordern.“

Renata Stonkute muss ihren Deutschkurs von ihrem knappen Einkommen als Altenpflegerin selbst finanzieren, da sie aus einem EU-Land kommt. Aber sie schafft es, will später studieren.

Hüyla Solukcu hat sich selbst Deutsch beigebracht und spricht mehr als holprig, muss aber jetzt einen Sprachkurs absolvieren, weil sie arbeitslos geworden ist und Sozialleistungen bezieht. Sie empfindet das als eine Zumutung, wo sie doch so gut spricht, dass man sie nur mit Mühe verstehen kann. „Ohne Zwang lieber“, sagt sie stotternd.

Aysel Yildirim kann leider nichts zur Diskussion beitragen, trägt aber ein schönes Kopftuch und lächelt zufrieden.

Bernd Siggelkow stellt fest, dass Sprachkurs-verpflichtende Maßnahmen 30 bis 40 Jahre zu spät kommen. Damals habe man geglaubt, dass die Gastarbeiter wieder in ihre Heimat zurückkehren würden, und als das leider nicht der Fall war, sei man davon ausgegangen, dass sich das mit der Integration schon irgendwie von selbst regeln würde. Man habe eben „Scheiße gebaut“, gibt er zu.

Seit 2005 haben Ausländerbehörden die Möglichkeit, Migranten zum Deutschkurs zu verpflichten. Ob dieser Weg aber der richtige ist, bleibt umstritten (bei Frau Dagdelen). „Nein“, sagt die Linke, „wir brauchen bessere Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund statt Sanktionen und Drohgebärden.“ Es gebe nicht genügend Ganztagsschulen, nicht genügend Kitas und nicht genügend Sprachkurse. Auch müssten bessere Lehrer her. Außerdem hätten bisher ja eine Million Menschen mit Erfolg die Sprachkurse besucht. Dass die Polen dabei an erster und die Türken auf den letzten Plätzen rangieren, erwähnt sie immerhin. Für diese benachteiligten Menschen müsse eben noch viel mehr getan werden.

Wolfgang Bosbach (dessen jüngste Tochter Victoria jetzt auch einen türkischen Freund hat, der perfekt Deutsch spricht) platzt der Kragen: Man tue so viel wie kein anderes Land, habe 200 Millionen Euro in Integrationsmaßnahmen investiert, die der Steuerzahler aufzubringen habe, sorge für Sprachkurse und kostenlose Rundumversorgung der Migrantenfamilien – und da könne man ja nun wohl erwarten, dass die Betroffenen die Sprachangebote auch wahrnehmen. Und wenn sie sich (diese bestimmte Bevölkerungsgruppe) standhaft weigerten, die Kurse zu besuchen, müsse man sie eben zwangsweise dazu verpflichten und die Sozialleistungen entsprechend kürzen. Er findet: „Wer in Deutschland Leistungen bezieht, sollte auch die deutsche Sprache lernen müssen!“

Frau Dagdelen ist über diese unverschämte Forderung zutiefst empört. Sie denkt wohl insgeheim an das Wort ihres Ministerpräsidenten Erdogan: „Wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, verletzt die Menschenrechte“ (November 2011, Quelle: sueddeutsche.de). Laut sagt sie es aber lieber nicht.

Hier das Video der Sendung:



(Videobearbeitung: theAnti2007)