Die edlen Armen

Eindringlich fordern uns die Bischöfe zur Solidarität mit Armutsmigranten auf. Wir vernehmen die Vorboten eines ultrasozialen Trivial-Evangeliums, dessen Konturen sich im Dunstkreis von Armutsdebatten, Kapitalismuskritik und Franziskus-Effekten abzuzeichnen beginnen.

(Von Marcus B.)

Reiche Welt und arme Welt

Demnach teilt sich die Welt grob in Reiche und Arme auf. Reich ist der Reiche auf Kosten des Armen, dem er wegnimmt oder zumindest vorenthält, was diesem zusteht. Somit steht der Reiche ganz in der Schuld des Armen – moralisch wie ökonomisch.

Zwar bestiehlt der Reiche den Armen nicht direkt, wohl aber mittelbar über „ungerechte Strukturen“. Auch ist nicht jeder in den reichen Ländern unmittelbar schuld. Nur ein harter Kern von Verderbten geht ganz bewusst über Leichen. Die große Mehrheit der Bevölkerung macht sich jedoch durch ihre „Gleichgültigkeit“ mitschuldig.

Umgekehrt sind die Armen 100% Opfer! Opfer aber sind immer unschuldig und die Armen insgesamt die soziologische Inkarnation verlorener Unschuld. So etwas wie „Wirtschaftsflüchtling“, „Scheinasylant“ oder „Sozialbetrug“ kann es daher logisch gar nicht geben – und darf nicht gedacht, geschweige denn gesagt werden.

Wir fallen auf einen soziologischen Rechtfertigungsbegriff zurück: Ob Du gerecht vor Gott bist, hängt von Deiner Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe ab. Gehörst Du zu den Armen, bist Du ein Gerechter. Bist Du ein Reicher – dann nimm Dich in Acht! Lass Dich vom zärtlichen Rohrstock der Bergoglio-Barmherzigkeit züchtigen!

Erlösung von kollektiver schuldhafter Verstrickung finden die Reichen nur durch radikale Umkehr und Wiedergutmachung. An der Reinheit der Armen müssen die korrumpierten Reichen Läuterung suchen. Dies ist nur möglich durch einen Akt der vorbehaltlosen materiellen Selbstübereignung.

Da die – materielle wie moralische – Schuld der reichen Völker kollektiv ist, hat auch die Umkehr und Wiedergutmachung kollektiv über die politischen Organe zu erfolgen: Der Staat akquiriert zwangsweise die Mittel für das Solidarsystem, das seinerseits vorbehaltlos allen geöffnet werden muss, die mühselig und beladen sind – weltweit.

Einwände, dass übermotivierte gute Absichten ökonomisch durchaus unvernünftig sein können und bisweilen mehr Übel hervorrufen als sie beseitigen, sind vom Diskurs ausgeschlossen! Von der Natur der Dinge und von Zwängen zu sprechen, die in der Natur der Sachen liegen, ist blanker Defätismus, faule Ausrede und Ausdruck lauer christlicher Mittelmäßigkeit.

Zuwanderer, Migranten und Flüchtlinge sind auch (nur) Menschen

Trotzig setzt sich der karitative Irrationalismus über Vernunft und Wahrheit hinweg. Authentisch aber ist die christliche Menschenliebe, soll sie mehr als seichte Sentimentalität sein, doch nur dann, wenn sie in der vernünftigen Einsicht in die Wirklichkeit des Menschen gegründet ist – ja, mehr noch, wenn sie diese Wirklichkeit auch auszuhalten vermag.

Richtig, der Mensch ist Ebenbild Gottes, was sich als Wesenszug der Art auf jedes Individuum überträgt – auch auf solche, die nicht schön anzuschauen sind und die wir als bedrohlich empfinden. So weit so gut. Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass alle Menschen auch Kinder Adams sind und wie an der Gottebenbildlichkeit so an der gefallenen Menschennatur teilhaben.

Folglich ist es unvernünftig und unwahrhaftig – und somit selbst wieder moralisch bedenklich – so zu tun, als ob die menschliche Unzulänglichkeit und Boshaftigkeit nicht auch den Armen als Disposition eingefleischt wäre, indem man jeden Aspekt der sozialen Wirklichkeit, der darauf hindeutet, zwanghaft ausblendet.

Die Möglichkeit, dass Flüchtlinge ihre Daheimgebliebenen im Stich gelassen haben oder zugewanderte Banden die Arglosigkeit der Solidargemeinschaft mit krimineller Energie ausnutzen, liegt sehr wohl im Horizont des „christlichen Menschenbildes“.

Wer sich als Zuwanderer durch Verschlagenheit am Eigentum der Einheimischen vergreift, begeht objektiv Unrecht, und die Betroffenen haben das volle Recht, sich gegen diesen Übergriff zu wehren: Wer betrügt, der fliegt! Betrug bleibt Betrug – auch wenn das Unrechtsbewusstsein durch den Armutsbonus getrübt ist.

Wer übrigens fliegt, weil er betrogen hat, dem werden die Folgen missbrauchter Freiheit zugemutet, weil ihm die Fähigkeit zur besseren Einsicht und Entscheidung immerhin zugetraut wurde. Personen als handelnde Subjekte zu würdigen, die für das, was sie tun, verantwortlich sind – das gehört ebenfalls zum vollständigen „christlichen Menschenbild“.

Vergleichbar jener pathologischen Kinder- und Tierliebe, die sich vom konkreten Gegenüber ablöst und im Rausch des guten Gefühls verliert, werden im sozialevangelischen Enthusiasmus die Armen zugleich überhöht und banalisiert. Heraus kommt eine narzisstische Projektion, an der sich die ganz eigene Befindlichkeit aus Bemutterungsinstinkten und dunklem Verlangen nach Sühne und Selbsterlösung abarbeitet.