TV-Tipp: SWR-„Nachtcafé“ zum Bildungsplan – Stängle und Steeb gegen sieben Petitionsgegner

Im SWR-Fernsehen treffen heute Abend um 22 Uhr in der Sendung „Nachtcafé“ Befürworter und Gegner der inzwischen bundesweit diskutierten und polarisierenden online-Petition „Bildungsplan 2015“ aufeinander. Überschrieben ist die Sendung mit dem Titel: „Schwul, lesbisch, hetero – wirklich selbstverständlich?“. In einem für öffentlich-rechtliche Sendeanstalten üblichen Kräfteverhältnis treffen der Initiator der Petition gegen den „Bildungsplan 2015“, Gabriel Stängle (Foto l.), und an seiner Seite der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (r.), auf sieben (!) Gegner der Petition – Publikum und Moderator Wieland Backes noch nicht mitgerechnet. Update: Jetzt mit Video der Sendung!

Noch bis kurz vor Aufzeichnung der Sendung am Donnerstag stand ein Kräfteverhältnis der Diskutanten von 6:2 fest. Das reichte offenbar nicht aus, um gegen Stängle und Steeb antreten zu können und so wurde im letzten Moment noch der homosexuelle CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann aus Stuttgart mit in den Ring gestellt.

Zu den einzelnen Diskutanten schreibt der SWR:

Pro Petition:

Gabriel Stängle hat die Online-Petition gegen den neuen Bildungsplan ins Leben gerufen. Er befürchtet, dass im Zuge der Reform eine Minderheit versucht, der Gesellschaft ihre „Ideologie“ aufzudrücken: „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, ich finde nur, dass eine kleine Gruppe nicht unsere demokratische Grundordnung torpedieren sollte“, so der Nagolder Realschullehrer.

Hartmut Steeb, der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, sieht dadurch das traditionelle Bild von Familie und Ehe in Gefahr: „Ich empfinde andere sexuelle Orientierungen als die heterosexuelle als nicht schöpfungsgemäß“. Deshalb gehört der 10-fache Familienvater selbstverständlich auch zu den Unterzeichnern der Petition von Gabriel Stängle.

Contra Petition:

Mit dem Entwurf des neuen Bildungsplans aus dem Ministerium von Kultusminister Andreas Stoch begann die heftige Debatte in der Öffentlichkeit. Der Entwurf sieht vor, dass zukünftig in den Schulen auch die Akzeptanz sexueller Vielfalt gelehrt werden soll, das heißt Kinder und Jugendliche sollen lernen, mit allen sexuellen Identitäten selbstverständlich umzugehen. Stochs klares Ziel: „Schulen sollen Orte der Toleranz und des Miteinanders sein, nicht Orte der Ausgrenzung.“

Stephan Schmidpeters Sohn Michael verliebte sich mit 17 in einen Jungen aus seiner Clique, doch als er seine Liebe im Freundeskreis gestand, wurde der einst lebensbejahende Schüler ausgegrenzt und abgewiesen. Er sah keinen Ausweg mehr und nahm sich in seiner Verzweiflung das Leben. „Die Gesellschaft versagt mit ihrer angeblichen Moral. Ich meine damit alle, mich einschließlich. Man muss sich mit Homosexualität noch viel stärker auseinandersetzen“, meint Schmidpeter.

Ines Pohl ist Chefredakteurin der taz und verheiratet mit einer Frau. Sie hält die Petition von Gabriel Stängle für populistische Stimmungsmache und eine Bildungsreform für längst überfällig. Schließlich müssten Kinder heutzutage lernen, dass es Lebensentwürfe jenseits der heterosexuellen Norm gibt: „Es gibt auch noch etwas anderes als die schwäbische Mutti und den schwäbischen Papi, die dann auch noch ein schwäbisches Baby bekommen“, empört sich die 46-jährige Journalistin.

Stefan Kaufmann ist der einzige Bundestagsabgeordnete der CDU-Fraktion, der offen homosexuell lebt. So tanzte der Kreisvorsitzende der Stuttgarter CDU mit seinem Partner beim Landespresseball und verteilte beim Christopher Street Day Wassereis mit der Aufschrift „schwul ist cool“. „Ich setze darauf, dass mich Menschen wählen, die sonst der CDU eher fern stehen“. [Anm.v.PI: Stefan Kaufmann steht in der Gegnerschaft zur Stängle-Petition fest an der Seite von Cem Özdemir (Grüne) und Ute Vogt (SPD). Sie haben einen gemeinsamen Aufruf gegen die Petition unterschrieben.]

Traudl Fuchs weiß aus eigener Erfahrung, was in Eltern vorgeht, deren Kind schwul oder lesbisch ist: „Wir haben damals Rotz und Wasser geheult, als unsere Tochter davon erzählte“, so die 66-Jährig. Heute kämpft sie wie eine Löwin für mehr gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen und Lesben. Dabei hat sich die Kirchengemeinderätin nicht nur einmal mit Kirchenvertretern angelegt.

An der Bar:
Der 20-jährige Jan Küpperbusch kann aus eigener Erfahrung über die alltägliche Diskriminierung von Schwulen berichten. Deshalb engagiert er sich im Rahmen eines von ihm gegründeten Vereins für mehr Aufklärung über Homosexualität in Schulen. Die geplante Bildungsreform in Baden-Württemberg begrüßt er, denn „ein so schlimmes Outing, wie ich es hatte, möchte ich anderen gern ersparen.“

Bent Vansbotter lebt mit seinem Partner Jörg seit vielen Jahren ein ganz normales Familienleben – mit Pflegekind. Der 7-jährige Junge wächst genauso auf wie andere Kinder auch und hat bislang noch keinerlei Ausgrenzung erfahren. Die Debatte in Baden-Württemberg macht Vansbotter nachdenklich: „Schwule Familien können offensichtlich doch nicht überall so unbehelligt leben, wie wir es in Berlin können.“

Wie sich die mittlerweile teils sehr tiefen Gräben auf die Gespräche auswirken und die nicht minder große Distanz in Glaubens- und Wertefragen die Diskussion befeuern werden, darf man gespannt sein.

Wer wissen möchte, wie es zu der extremen meinungsrelevanten Schieflage bei der Gästestruktur (zwei gegen sieben!) kommen konnte, kann dies über das Nachtcafé-Kontakformular der SWR-Redaktion in Erfahrung bringen.

(Videobearbeitung: TheAnti2007)