Bayern: Schüler lehnen EU-Beitritt der Türkei ab

Die Bayern gelten als heimatverbunden, aufgeweckt, leicht erregbar und störrisch, wenn es darum geht, die eigene Meinung wortgewaltig zu vertreten – man denke nur an den früheren Landesvater Franz Josef Strauß, der den Älteren unter uns noch in bester Erinnerung sein wird. So ist es nicht verwunderlich, dass junge Menschen auch schon in der Schule sagen, was sie denken, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Wurzeln.

(Von Verena B., Bonn)

Im Kelheimer Donaugymnasium (DGK), das dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ angehört, stand letzten Donnerstag „Europa“ auf dem Lehrplan. Zu diesem Zweck besuchte der niederbayerische Europa-Abgeordnete Manfred Weber die Abitur-Klasse Q 12 des DGK. Auch wenn die Fragestunde zunächst schleppend begann, verstand es der Abgeordnete, das Interesse der Schüler zu wecken, die sich munter an der Diskussion beteiligten und detaillierte Fragen stellten. Es ging ebenso um das Freihandelsabkommen, das die EU mit den USA verhandelt wie um Industriespionage und die geplante Abschaffung von Kinderarbeit durch die Brüsseler Vertretung sowie die Situation in der Ukraine und der Türkei – und wohin sich Europa entwickeln solle.

Im Rollenspiel wurde der CSU-Abgeordnete Weber nun zum EU-Ratspräsidenten und forderte Statements „seines Plenums“ ein, warum die Ukraine und die Türkei in die EU aufgenommen werden sollten oder warum nicht. Der Schüler Timur Ercan war der Ansicht, dass die Ukraine in die EU müsse, schon alleine wegen der geographischen Lage. Außerdem könne man dort die Demokratisierung vorantreiben. Bei der Türkei sah er das allerdings anders. „Die dortigen Machtverhältnisse um Ministerpräsident Recep Erdogan sind ein Problem, und die fortschreitende Islamisierung passt nicht zu Europa.“

Applaus brandete auf, und Weber (dessen CSU den Beitritt der Türkei ablehnt), freute sich über die Einigkeit der Abiturienten zu diesen Fragen. Auch die „Abgeordnete“ Sandra Knittel sprach sich für eine Aufnahme der Ukraine aus. „Unter geregelten Umständen und um ein Statement gegen Russland zu setzen.“ Das sah auch Sebnen Yagci so, hatte aber zur Türkei eine andere Meinung: „Mir als türkischstämmigem Deutschen würde ein EU-Beitritt der Türkei das Reisen in die Heimat meiner Eltern erleichtern, aber das Land ist nicht so weit. Es besteht ein zu großer kultureller Kontrast zu Europa.“

Ein anderer Politiker namens Helmut Schmidt, kein Bayer, sondern ein typischer Norddeutscher, hatte auch eine eigene Meinung zu dem Thema: „Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen.“

Auf dieses Zitat des verdienten Ex-Bundeskanzlers aus dem Jahre 1992 angesprochen, sagte ein Verfassungsschützer übrigens einmal auf einer Veranstaltung „Rechtsextremismus an Schulen“: „Das hätte Herr Schmidt mal lieber nicht sagen sollen!“