Nicaragua: Realitäts-Check eines 68er-Traums

DSCF1000cNachdem sich selbst zu hartgesottenen Weltfremden die traurige Realität des Real-Existierenden-Sozialismus (RES) der damals sog. DDR herumgesprochen hatte, die Revolution in Chile trotz massiver Unterstützung der Russen am entschlossenen Gegner gescheitert war, Kuba – natürlich nur wegen der amerikanischen Blockade – wirtschaftlich und menschenrechtlich vor sich hindümpelte, war Nicaragua der letzte feuchte Traum westlich-jugendlicher Salonsozialisten. Daß eine Ablösung des schweinischen Somoza-Regimes in Nicaragua überfällig war, wird auch von eingefleischten Kommunistenfressern nicht bestritten. Allerdings: es wurde dann verdächtig ruhig um den verbliebenen sozialistischen 68er-Traum Nicaragua. Warum also sich nicht selber einmal vor Ort umschauen.

(Ein PI-Realitäts-Check mit Photos aus Nicaragua von Mr. Merkava)

Zur Ankunft begrüßte den Besucher ein nagelneuer, schicker internationaler Airport, der baulich keinen Vergleich mit anderen internationalen Flughäfen scheuen muß. Leider nur hat man sich hier von der erniedrigenden amerikanischen Steinzeit-Security mit „Gürtel weg und auf Socken herumschleichen“ anstecken lassen; da kann man nur einen Benchmarking-Besuch bei der professionell-effizienten, reibungslosen Sicherheitskontrolle am israelischen Ben-Gurion-Flughafen empfehlen:

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Nicht nur am Airport, auch im Straßenbild dominieren zahlreiche Uniformierte: Polizei aller Schattierungen sowie private Sicherheitsdienste, deren größter namens El Goliat SA – kaum verschleiert von einem engsten Ortega-Vertrauten betrieben – pikanterweise sehr viele öffentliche Gebäude bewacht und angeblich auch noch die Rechte der Beschäftigten mißachte:

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Gehätschelt wird von Präsident Ortega auch die kleine Armee, die in einem Land der ewigen Putsche und Bürgerkriege im Machtspiel durchaus ihr Gewicht hat:

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Um eine lange, meist gewalttätige Geschichte Nicaraguas an dieser Stelle kurz zu fassen: das von den Amerikanern bis in die 70er Jahre hauptsächlich als antikommunistisches Bollwerk unterstützte, unglaublich korrupte Somoza-Regime wurde 1979 durch die sog. Sandinisten gestürzt, eine „volksrevolutionäre“ Gruppierung, die sich aus dem Widerstand gegen die Besetzung Nicaraguas durch die USA bis in die 30er Jahre gebildet hatte und sich namentlich auf den Freiheitskämpfer Augusto Nicolás de Sandino y Calderón gründet. Daß die Sandinisten, eng liiert mit Kuba und ideologisch und militärisch unterstützt von der Sowjet-Union, Ihren marxistischen „Freiheitskämpfer“-Kollegen in El Salvador bewiesenermaßen Waffen lieferten, war für die USA eine Steilvorlage, Nicaragua und dessen ungeliebte sozialistische Sandinisten bis in die 1990er Jahre direkt und indirekt zu blockieren.

Innenpolitisch folgte in Nicaragua eine Zeit der „nationalen Aussöhnung“, die im Wesentlichen aber von der aus den Sandinisten hervorgegangenen Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) geführt wurde und in der sich selbige dann gegenseitig mit den Contras, den Gegnern aus dem Bürgerkrieg, der Verletzung der Menschenrechte – wohl bei beiden Seiten leider sehr zutreffend – beschuldigten.

Ortega selber fiel bei insgesamt drei Wahlen gegen eine konservative Kandidatin sowie zwei weitere konservative Kandidaten durch und wurde erst 2006 und dann 2012, zuerst mit überwältigender Mehrheit und später mit ein wenig Drehen an der Verfassung zum Präsidenten gewählt. Seitdem wird gar nicht so sehr ein Ortega-Personenkult betrieben, von einem etwas einfältigen Standardplakat einmal abgesehen, sondern es werden im großen Stil FSLN und Staat verknüpft – sozusagen den Staat als Beute auch hier:

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Weiterhin werden selbstverständlich Monumente der – sandinistischen – Vergangenheit, Märtyrer sowie Allianzen mit jedem erreichbaren absurden Politiker zelebriert; und natürlich möchte man Hilfe an die gegen Israel freiheitskämpfenden Brüder im Gazastreifen senden:

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Bemerkenswert übrigens im Stadtbild, daß Kuba und Kirche in Nicaragua anscheinend halbwegs friedlich nebeneinander stehen. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, daß Ortega sich bei der katholischen Kirche anbiedert, wie seine Gegner sagen, um seine Macht zu erhalten – auch durch ein kompromißloses gesetzliches Abtreibungsverbot:

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Bei der weniger gebildeten Landbevölkerung hat Ortega Rückhalt durch große und erfolgreiche Sozialprojekte hinsichtlich Alphabetisierung, Gesundheitswesen, Landumverteilung sowie durch eine gewisse Stabilität und einen vorsichtigen wirtschaftlichen Aufschwung im Lande, wobei für letzteren sicherlich eher seine kompetente konservative Vorgängerin Violeta Barrios de Chamorro die Grundsteine gelegt hat.

Die gebildetere Stadtbevölkerung lehnt den Präsidenten überwiegend ab – aber wehrt sich mit einer gewissen indiohaften Duldsamkeit auch nicht gegen Korruption, Nepotismus oder diesen und jenen Ortega-Skandal. Daß er seine 11-jährige Stieftochter Zoilamérica Narváez über Jahre sexuell mißbraucht habe, ließ sich wegen seiner Immunität als Präsident nie beweisen oder widerlegen. Ihr 48-seitiges Pamphlet dazu liegt immer noch auf dem Tisch.

Das alles verdrängt die neue Mittelschicht gezielt, da sie Frieden sowie Stabilität will und endlich anfangen möchte, die Früchte des vorsichtigen Wirtschaftsaufschwungs – nicht zuletzt auch aus dem sich entwickelnden Tourismus – zu genießen; als Kinder von langanhaltender Traurigkeit sind Latinos sowieso nicht bekannt:

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Gerne wird allerdings auch in Nicaragua (so wie in zahlreichen anderen Ländern der 2. und 3. Welt) der ausländische, vorwiegend natürlich westliche Tourist als irgendwie dämliche Milchkuh betrachtet und durch völlig überhöhte – interessanterweise vorwiegend staatliche regulierte – Ausländerpreise im touristischen Zusammenhang unbefangen diskriminiert:

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Ein interessanter Fall in Nicaragua ist noch das touristisch tatsächlich hochinteressante Granada: eine schöne, historische Stadt am riesigen Lake Nicaragua, die sich in der Zeit der Stabilität bis heute zu einem attraktiven Touristen-Hotspot entwickelt hat:

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Ein besonderes Sonntagsvergnügen des einfachen Mittelstandsvolkes ist die Kaffee-, genauer Bierfahrt nachmittags zu den „Isletas de Granada“ – 365 kleinen Inseln im Nicaraguasee, die malerisch dahin gesprenkelt sind. Wie schön, daß der einfache, vom Wesen her freundlich-gutartige, aber auch irgendwie Indios ähnlich duldsame Nicaraguaner mit nur mäßigem Grummeln hinnimmt, daß sich die Politiker und Reichen des Landes einen Großteil der 365 Inseln als Privatbesitz unter den Nagel gerissen haben – die ehemalige konservative Präsidentin Chamorro genauso wie der sozialistisch verbrämte Ortega-Clan:

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Wie schön, daß man sich da bei der Abreise am Flughafen von Managua noch schnell etwas sozialistisch-revolutionäre Erbauungsliteratur mitnehmen kann:

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Es ist tatsächlich eher feucht, das Klima in Nicaragua.