Ralph Giordano: Europa, Deine Heuchler!

ralph_giordanoAnschläge in Paris »Tod den Juden!«; eingeschlagene Fensterscheiben im Haus des Oberrabiners im niederländischen Amersfort; verbrannte israelische und amerikanische Flaggen in Brüssel, und ganze Heereszüge propalästinensischer Demonstranten bis in die letzten Winkel bundesdeutscher Klein- und Großstädte – die agile Truppe der antisemitisch-antisraelischen Internationale hat unter der Losung »Gaza« mobil gemacht!

Womit also – salute! – die antizionistisch verbrämte Judenfeindschaft der getreue Begleiter meines nunmehr fast hundertjährigen Lebens geworden ist …

Nirgendwann und nirgendwo in diesen Äonen aber ist die innere Unaufrichtigkeit ihrer Verfechter so offen zu Tage getreten, wie in dem ebenso penetranten wie zentralen Hinweis auf »die Ungleichheit der palästininensischen und der israelischen Totenzahlen im Gaza-Konflikt!« Europa – deine Heuchler!

Denn wieder wird ungeheuerlicherweise und notorisch unterschlagen, dass die Hamas, und nicht Israel, erstverantwortlich auch für die palästinensischen Opfer · ist. Wieder also ist die kollektive Entbindung der wahren Übeltäter von der Primärverantwortung für jeden Zivil- und Militärtoten des Konfliktes ihr historischer Makel, das brüchige Fundament, auf dem das Aggressionspotential der Bewegung steht, das Stigma einer Lebenslüge.

Nein, Israel steht nicht unter kritischem Naturschutz – palästinensisches Leben ist nicht weniger wert als israelisches. Dreht sich einem doch das Innerste nach außen, wenn man von hier auf jetzt elternlos gewordene Kinder klagend durch Trümmerlandschaften flüchten sieht, bis es sie dann im nächsten Augenblick durch Kugel oder Granatsplitter selber trifft (wobei nichts die Hamas exakter charakterisiert, als dass sie von diesen Toten gar nicht genug kriegen kann).

Noch einmal, Israel steht nicht unter kritischem Naturschutz. Im Gegenteil – je schmerzhafter Kritik ist, desto heilsamer – die Humanitas ist unteilbar. Gerade darin, in seiner demokratischen Charta, seinem ehernen Grundgesetz, liegt doch Israels Kraft. Es ist ein Kampf, den es seit seiner Geburt unter größten Anstrengungen gegen äußere und innere Gegner erfolgreich bestanden hat, mit der Majestät der Freiheit in seinem Rücken, aber ohne Wechsel auf die Zukunft.

Nichts davon schlägt sich auch nur andeutungsweise in den mörderischen Losungen und geifernden Parolen der wüsten Aufmärsche wieder.

Aber wollen (noch!) ungefährdete Deutsche tatsächlich allen Ernstes die Israelis besserwisserisch belehren, wie sie vor den Mordanschlägen der Dschihadisten und der Hisbollah zu schützen sind? Wie es sich leben lässt in einem Land, in dem jedermann jederzeit überall zum Subjekt von Anschlägen werden kann? Und darf man angesichts so hassverzerrter Mimik fragen, was wäre, wenn der Raketenregen auf die Bundesrepublik Deutschland niedergehen würde? Was, wenn Attentatsfurcht in ihren Alltag einzöge? Es bedarf wohl keiner großen Phantasie, um sich die hiesigen Folgen vorzustellen – Panik, Chaos, Rufe nach dem »starken Mann« und nach der Todesstrafe. Und die Demokratie? Hier versagt meine Phantasie …

(Weiterlesen in der Jüdischen Allgemeinen)