Gibt es das absolut Böse?

zehmKlar: Wenn man die Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) sieht, ist man sich sicher, hier marschiert das unfassbare, absolute Böse. Man versteift sich schnell darauf, dass so was aus den dunklen Ecken der menschlichen Seele kommt. Und man denkt, hier und nirgends anders sei nun das endgültig radikale Böse, das so viele Philosophen in Abhandlungen zu erklären versuchten, in seiner ungeschminkten Brutalität zur Entfaltung gekommen. Das Ende der Fahnenstange sei erreicht. (Zum wievielten Mal?) Man könne da nichts tun, wenn sich das unsagbar Böse entfalte.

Oder eben „mit allen Mitteln“ die Inkarnation des Schändlichen zerschlagen. Dabei ist die gesamte Angelegenheit doch viel einfacher: Der IS hat Erfolg, weil globale Faktoren den Grundstein legten. Der IS hat Erfolg, weil auch und vor allem der Westen stabile Staaten ins Chaos stürzte, um seine eigene Agenda zu verfolgen. Die erschreckendsten Beispiele zeigen sich in jenen Ländern, die vom IS heimgesucht werden, Irak und Syrien.

Der irakische Präsident Saddam Hussein war ein Despot. Er sorgte aber für Stabilität und Sicherheit in der Region. Er garantierte in einem gewissen Sinne säkulare Lebensmöglichkeiten. Dennoch wurde er von interessierten Kreisen als das „absolut Böse“ gezeichnet. Dann kamen die Amerikaner und überzogen den Irak mit Bombenteppichen, und dann kam das Chaos. Und aus diesem Chaos heraus mobilisierten IS-Fanatiker die sunnitischen Stämme. Hier ist also nicht das ewige Böse im Menschen Ursache, sondern ein machtpolitisches Vakuum. In dieses Vakuum stoßen die Verbrecher. Gäbe es dieses Vakuum nicht, müsste man nicht über IS und Konsorten reden.

In Syrien ist es ähnlich. Präsident Assad garantiert seit Anfang seiner autoritären Regierungszeit Religionsfreiheit und schützt die christlichen, alawitischen, schiitischen und andere Minderheiten vor sunnitischen Extremen. Dann wird er von westlichen Medien und NGOs in unfassbarer Schwarz-Weiß-Malerei als das „absolut Böse“ gebrandmarkt, das sein eigenes Volk töte. Man erfindet demokratische Armeen. Man rüstet islamistische Zellen auf. Man erfindet täglich neue, abgrundtief böse Taten der Assad-Regierung. Man träumt vom Aufbau einer westlichen liberalen Gesellschaft. Und man wacht auf im fundamentalistischen Chaos. Auch hier können IS-Banden nur von Erfolg zu Erfolg eilen, weil man das Böse bewusst freisetzte. Es ist pure Heuchelei, nun vom unfassbaren, vom unsagbaren, vom radikalen Bösen zu sprechen. Man rief die Geister und nun köpfen und versklaven sie. Warum? Weil sie es können! Weil die Grenzen fielen, weil staatliche Strukturen fielen, weil auch hier ein machtpolitisches Vakuum bewusst geschaffen wurde. Und der Medienkonsument reibt sich verwundert die Augen, dass es „noch bösere“ Mächte als Assads Staatswesen gibt.

Das Böse ist viel banaler, als die immer neuen Schreckensmeldungen der Medien verkünden. Günter Zehm hat alles Wesentliche zur Geschichte des Bösen und seiner Wahrnehmung niedergeschrieben. Im Buch „Das Böse und die Gerechten“ begab sich der DDR-Dissident und ehemalige Philosophie-Professor „Auf die Suche nach dem ethischen Minimum“. Er schreibt an gegen die Verblassung der Grautöne und will den Ohnmachtsgefühlen begegnen, die eintreten, wenn man dem substanzlosen Gerede vom absolut Bösen folgt. Zehm sucht in seinem spannenden Buch das ethische Minimum bei verschiedensten Personen und Strömungen des Geisteslebens. Auf diese Suche sollte sich jeder Leser selbst begeben. Wichtig dabei: „Das ethische Minimum ist indessen kein Phrasenkatalog, sondern eine ernste, phasenweise tödlich ernste, Herausforderung für alle Völker, alle Gesellschaften und jeden einzelnen Menschen.“

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» Günter Zehm: „Das Böse und die Gerechten“ (14,- €)
» Günter Zehm: Vorlesungspaket (4 Bücher, 1200 Seiten, Vorzugspreis 39,- €)