Deniz Yücel in taz: „Suren-Bingo“

denizyuecel-2Die abartigen Grausamkeiten des Islamischen Staates lösen so langsam eine öffentliche Diskussion über die Frage aus, inwieweit dieser Horror durch die Lehren des Islams zu begründen ist. Deniz Yücel (Foto) lieferte gestern in der taz einen interessanten Beitrag mit seinem Kommentar „Suren-Bingo für Fortgeschrittene“. Er zitiert darin einschlägige Verse des Korans, mit denen die Dschihadisten ihre fürchterlichen Taten begründen, und klärt über so wichtige Begriffe wie die „Abrogation“ auf, mit der vermeintlich harmlose Koranverse aus der militärisch schwachen Anfangsphase des Islams durch die späteren Kampf- und Tötungsbefehle ersetzt werden.

(Von Michael Stürzenberger)

Deniz Yücel zu der inner-islamischen Auseinandersetzung über die Frage, inwieweit der Islamische Staat etwas mit dem Islam zu tun habe:

Man streitet über die Deutung des Korans und der Hadithen, also die Überlieferungen des Propheten, man beruft sich auf dieselben Referenzen und argumentiert mit denselben Kategorien, und man wendet sich an ein Publikum, das zum Teil mit dem „Islamischen Staat“ sympathisiert.

Der wiederum rechtfertigt seine Taten mit Koran und Hadithen. Die Härte gegenüber Andersgläubigen und den vermeintlich vom Glauben Abgefallenen, die Kreuzigung und Enthauptung von Feinden, die Versklavung jesidischer Frauen und Kinder (also von Menschen ohne „Buchreligion“) – für all das finden sich entsprechende Textstellen.

Der Koran versteht sich als Gottes Wort, durch den Erzengel Gabriel Mohammed offenbart und von Mohammed verkündet. Gottes Wort ist also auch: „Tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet!“ (Die Reue, 9:5) Mit dem „Schwertvers“ und ähnlichen Passagen kann man sagen: Der Islam ist eine kriegerische Religion. Weshalb dieser Vers bei Dschihadisten so beliebt ist wie bei Hobbyislamkritikern aus dem Internet.

Yücel enttarnt auch die Taktik, mit scheinbar harmlosen Koranversen eine vermeintliche „Friedlichkeit“ des Islams darzustellen:

Doch im Koran steht auch: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Die Kuh, 2:256). Dieser Vers ist ebenfalls ein Klassiker der Islamdebatte; keine Talkshow und kein „Tag der offenen Moschee“ kommt ohne aus und natürlich wird er auch im offenen Brief erwähnt. Mit solchen Stellen kann man wiederum vom Islam als einer friedliche Religion sprechen. Suren-Bingo: Was immer Sie über „den“ Islam sagen wollen, Sie werden im Koran die passende Stelle finden.

Diese Widersprüche erklärt der Koran mit dem Prinzip der „Abrogation“, also der Aufhebung älterer Vorschriften durch jüngere. Bei manchen Themen, dem Alkoholverbot etwa, ist eine klare Linie zu erkennen: von der Lobpreisung des Weines als Zeugnis der Schöpfung (Die Bienen, 16:67) über das Verbot, betrunken zum Gebet zu erscheinen (Die Frauen, 4:43) bis zum Gebot, Alkohol als „Werk des Satans“ zu meiden (Der Tisch, 5:90). Nur von der Nummerierung der Suren darf man sich nicht irritieren lassen; sie sind im Koran nicht chronologisch angeordnet, sondern der Länge nach.

Zu dem so oft zitierten „Kein Zwang im Glauben“-Vers ist es wichtig zu erwähnen, dass in den Versen vorher und nachher Allah als der einzig wahre Gott dargestellt ist und andere Religionen in die Verirrung führten, an deren Ende das fürchterliche Höllenfeuer stehe. Zwar sollten Andersgläubige nicht zum Islam gezwungen werden – man lädt sie vielmehr dazu ein – aber wenn sie den Übertritt verweigern, müssen sie eben die äußerst unangenehmen Folgen tragen: Zahlung einer Schutzsteuer, Entziehung vieler Rechte und ein elendes, teils lebensgefährliches Dasein als minderwertiger „Kuffar“. Weiter bei Yücel:

Bei anderen Themen hingegen ist die Abfolge weniger eindeutig. Zum Beispiel, wenn es um die Aufforderung zum Dschihad, zum Heiligen Krieg geht. So gehört die Sure 2 mit dem „Toleranzvers“ zu den späten, die Sure 9 mit dem „Schwertvers“ aber wurde noch später, nämlich als vorletzte verkündet. In der abschließend verkündeten Sure 5 wiederum findet sich ein weiterer Klassiker der Debatte: „Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne dass es einen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet hat, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte.“ (Der Tisch, 5:32).

Mit der bruchstückhaften Zitierung dieses Verses 5:32 wird immer wieder versucht, ein generelles Tötungsverbot im Koran zu begründen, was natürlich unsinnig ist, denn der Koran strotzt nur so vor Kampf-, Kriegs- und Tötungsbefehlen. Dieser eine scheinbar tötungseinschränkende Vers ist ein Zitat aus der Thora, was zu Beginn dokumentiert ist:

Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels vorgeschrieben:

Mohammed maßte sich bekanntlich an, das „Siegel der Propheten“ zu sein, der letzte mit der allumfassenden „wahren Religion“. Sein Allah sei der Verkünder der Thora, wie übrigens auch der Bibel, und Juden wie Christen hätten ihre Schriften verfälscht. Nur im Koran sei das unverfälschte Wort Gottes zu finden. So ist auch nur folgerichtig, dass im Islam Jesus, Moses, Abraham und alle anderen „Propheten“ als Moslems gelten.

Mohammed nahm sich die Freiheit heraus, Elemente aus Bibel und Thora zu verwenden, veränderte diese aber entscheidend in seinem Sinn. Da bei ihm das Töten ein elementarer Bestandteil der Glaubenslehre war, setzte er im Vers 5:32 auch die Einschränkung „ohne dass er Unheil gestiftet hat“ voran. Hiermit lässt sich jeder Mord an einem „Ungläubigen“ rechtfertigen, denn wer sich dem Islam widersetzt, stiftet eben Unheil. Wichtig ist auch immer, den nachfolgenden Vers 5:33 zu zitieren:

Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und sich bemühen, auf der Erde Unheil zu stiften, ist indessen der, daß sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden, oder daß ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden, oder daß sie aus dem Land verbannt werden. Das ist für sie eine Schande im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe.

Diese Anweisung führt direkt zu den grausamen Bildern von Massenmord und Kreuzigungen im Islamischen Staat. So stellt auch Yücel fest:

Gleichwohl ist eine bestimmte Tendenz erkennbar: Die frühen Suren aus Mekka sind theologischer und toleranter, während die späteren aus der Zeit, in der der Islam in Medina zur Herrschaftsreligion aufgestiegen war, tendenziell kriegerischer und intoleranter ausfallen.

Einige Auslassungen über den Krieg kann man defensiv deuten („Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben“, Die Kuh, 2:191), andere lesen sich als Aufforderung zum Eroberungs- oder Bekehrungskrieg.

Yücel befasst sich auch mit dem Vorwurf, in der Bibel stünden Beschreibungen über das Töten, und schließlich hätte es auch Kreuzzüge sowie grausame Bekehrungskriege wie die der Spanier gegeben:

Wer mit dem Neuen Testament Krieg führen will, muss interpretieren. Wer mit dem Koran Krieg verurteilen will, muss interpretieren.

Leider verfährt sich Yücel am Ende seines Artikels in eine Sackgasse, indem er tatsächlich weismachen will, DEN ISLAM gebe es nicht, es komme darauf an, was Muslime daraus machten. Er versteigt sich in die Absurdität, dass mit dem Koran sogar die Homosexualität zu legitimieren sei. Als Beispiel bringt er einen südafrikanischen homosexuellen Imam, aber in dem verlinkten Artikel findet sich keine einzige Koranpassage, mit der dessen sexuelle Neigung islamisch zu rechtfertigen ist. Ganz im Gegenteil: Bekanntlich warten laut Koran 100 Peitschenhiebe auf denjenigen, der mit einem anderen Mann Sex hat. Im Iran ist es gar der Baukran. Ein gutmenschlicher Rest ist bei Yücel offensichtlich geblieben – oder die taz-Redaktion hat ihn bekniet, wenigstens das Ende seines Artikels politisch korrekt zu gestalten.