Putin-Berichterstattung am Beispiel der WELT

smirnovaDer Nachrichtensprecher/Moderator oder, wie im Fall der Julia Smirnova, die Berichterstatterin, beginnt nicht so sachlich wie möglich mit dem Bericht über das Ereignis (durch den Berichterstatter kommt immer eine subjektive Komponente hinein, es gibt keine Art von meinungsfreiem Roboterbericht), sondern er/sie beginnt ganz offen mit seiner/ihrer Meinung zum Thema, wie hier: „In seiner Rede an die Nation stellt sich Putin als Verteidiger des Vaterlands dar.“

(Von Dr. Gudrun Eussner)

Dieser Satz ist das Leitmotiv für alles, was nun folgt, ob weitere Meinung oder Zitate des Redners, alles ist definiert durch ‚Putin stellt sich als Verteidiger des Vaterlands dar’. So werden die Zitate zu Auszügen aus einem Schauspiel mit dem Darsteller Wladimir Putin. Der ist nun kein Staatspräsident mehr, seine Rede an die Nation wird ihres politischen Gehaltes entkleidet, sie wird in die Form des Theaters eingeschlossen: Komödie, Tragödie, Volkstheater, Weihespiel. Damit der Leser durch die Zitate aus der Rede nicht abkommt von seiner Rolle als Zuschauer des Schauspiels, gar in die Wirklichkeit zurückfindet, streut Julia Smirnova in den Bericht ihre Meinungsfetzen ein:

• Eine Korrespondentin des russischen Staatsfernsehens „schwärmt“,
• in Rußland gibt es eine „Patriotismuswelle“,
• Putin „präsentiert“ sich „als Retter und Wegweiser der Nation“,
• er verkündet eine „These“,
• die „Annexion“ der Krim sorgte für „einen besonderen patriotischen Jubel in Russland“,
• „innenpolitisch profitiert Putin vom Patriotismus“,
• „er versucht den Frust der Bevölkerung auf den Westen zu lenken“.
• „Der Westen nimmt also in diesem Weltbild die traditionelle Rolle der Gefahr von außen ein, die Russland angeblich ständig droht.“
• „In solchen Momenten wird Putin besonders pathetisch als Beschützer der Nation, die ständig verteidigt werden muss.“
• Im ersten Teil der Rede geht es um „Metaphysisches“, im zweiten um die Wirtschaft.
• „Wenig glaubwürdig und wie üblich macht der Kreml-Chef Versprechen [sic!].“
• „Das Hauptmotiv von Putins Auftritt lautet: Wir werden siegen.“

Nichts von allem ist Berichterstattung, sondern alles ist Meinung der Julia Smirnova, bis hin zu den von ihr zum Beweis der Richtigkeit ihrer Meinung eingestreuten Redezitaten.

Die Redaktion liefert kongenial die Überschrift aus dem Meinungsrepertoire der Julia Smirnova, mit dem nicht zu überbietenden “pathetischen Hitler-Vergleich”, und schon ist Wladimir Putin erledigt.

» Wladimir Putins pathetischer Hitler-Vergleich. Von Julia Smirnova, Moskau, DIE WELT, [4. Dezember 2014]


(Dieser Beitrag ist am 4.12. im Original auf dem Blog von Gudrun Eussner erschienen)