Exkurs in die ukrainische Geschichte

kiewIm Nachgang des vor einigen Tagen erschienenen Kommentars zur Lage in der Ukraine im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der ukrainischen Geschichte. Ohne einen – wie immer bei solchen Themen oberflächlichen – Überblick über die Entstehung der Ukraine, ist es für den durchschnittlichen Westeuropäer umso schwerer, sich eine halbwegs objektive Meinung zum derzeitigen Konflikt zu bilden. Dies vor allem, da unsere Medien nicht wirklich versuchen, neutral und unvoreingenommen zu berichten. Exemplarisch sei an die Empörung über die Verwendung des Begriffs „Noworossija“ (Neurussland) durch Putin vor einigen Monaten erinnert, was zum Anlass genommen wurde, einen „russischen Neoimperialismus“ herbeizuschreiben.

(Von Nemez)

Kiewer Rus und Tatarenjoch

Obwohl der Name es nicht erwarten lässt, entstand dieses Staatsgebilde nicht um die heutige Hauptstadt der Ukraine herum, sondern in einer der ältesten russischen Städte- Nowgorod. Der Waräger (die ostslawische Bezeichnung für „Wikinger“) Rjurik machte diese Stadt im Jahr 862 zu seiner Basis, da sie sich gut als Zwischenstation auf der Handelsroute von Skandinavien/Nordrussland nach Konstantinopel eignete. Innerhalb von 20 Jahren dehnte dieser Gründer der bis Ende des 16. Jahrhunderts in Russland herrschenden Rjurikiden-Dynastie seinen Einfluss auch auf die von anderen Warägern kontrollierte Stadt Kiew aus und verlegte schließlich 882 seinen Hauptsitz hierher. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurden alle ostslawischen Gebiete unter der Oberherrschaft der Kiewer Rus vereinigt:

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Nach einigen (teilweise außerordentlich erfolgreichen) Eroberungszügen der heidnischen Rus gegen Konstantinopel nahm schließlich im Jahr 988 der Kiewer Fürst Wladimir (Beiname „der Heilige) das orthodoxe Christentum an, für sich und seine Untertanen. Der Staat, ein Verbund von mehr oder weniger autonomen Fürstentümern vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee und zum Weißen Meer unter Kiewer Oberhoheit, entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten wirtschaftlich und kulturell, immer jedoch im Konflikt mit verschiedenen aus dem sogennanten „Wilden Feld“ zu Raubzügen einfallenden Nomadenvölkern aus den osteuropäischen und asiatischen Steppen.

Im Jahr 1223 tauchten erstmals die Mongolen der „Goldenen Horde“ unter Dschingis Khan in der Kiewer Rus auf, was in der für Kiew verlorenen Schlacht an der Kalka, in mehreren Eroberungszüge durch andere Teilfürstentümer der Rus und im Jahr 1240 in der Eroberung Kiews und dem zwei Jahrhunderte andauernden so genannten „Tatarenjoch“ in Osteuropa gipfelte. Kiew war völlig zerstört, die geistliche Elite nach Wladimir geflohen, die einzelnen Fürstentümer in unterschiedlichem Maße der Goldenen Horde tributpflichtig. Im äußersten Westen der heutigen Ukraine bildete sich das Fürstentum Galizien, im heutigen Russland spielten die Fürstentümer Smolensk, Twer, Nowgorod, Wladimir und Moskau eine wechselnde Rolle, teils in Kooperation mit den Tataren, teils in offenem Konflikt, bis deren Herrschaft im 15. Jahrhundert von Iwan III. (dem „Sammler der Russischen Erde“ und ersten Zar Russlands) abgeschüttelt wurde.

Galizien, Krimkhanat und Kosaken

Im Westen der heutigen Ukraine entstand, wie bereits erwähnt, das Fürstentum Galizien-Wolhynien aus der „Konkursmasse“ der Kiewer Rus, zwar anfangs den Tataren tributpflichtig, aber dennoch weitgehend eigenständig. Es entwickelte sich zu einem Machtfaktor in Ostmitteleuropa, vor allem im (mal kooperativen, mal konfrontativen) Wechselspiel mit dem damaligen Großfürstentum Litauen und Polen. Nach dem Tod des letzten eigenständigen galizischen Fürsten Juri II. (der angeblich von den eigenen Bojaren vergiftet wurde, da er eine Mischung zwischen katholischem und orthodoxem Christentum beabsichtigte) wurde das Gebiet zum Zankapfel zwischen Litauen und Polen und wurde letztlich 1392 zwischen den beiden aufgeteilt (wobei sich diese im 16. Jahrhundert zu einem Großreich unter polnischer Führung vereinigten).

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Der Osten der heutigen Ukraine südlich und östlich von Kiew war nach dessen Fall zu einer weitgehend entvölkerten Steppe unter der Oberhoheit der Goldenen Horde geworden, die slawische Bevölkerung floh entweder nach Galizien im Westen oder in die zwar tributpflichtigen, jedoch weniger verwüsteten Fürstentümer im Norden (heute Russland). In den Jahren bis 1424 stand das Gebiet (aus dem heraus ständige Raubzüge nach Polen-Litauen, Russland und den nördlichen Balkan unternommen wurden) unter verschiedenen mongolisch-tatarischen Herrschern unter der Oberhoheit der Goldenen Horde bis deren Niedergang dazu führte, dass 1424 das Khanat der Krim ausgerufen wurde. Dieses wiederum unterstellte sich Ende des 15. Jahrhunderts dem Osmanischen Reich, nachdem dieses die genuesischen und venezianischen Kolonien auf der Krim erobert hatte. In die Zeit nach dem Mongolensturm fällt auch die Entstehung des Begriffs „Ukraine“ (ostslawisch/russisch: Grenzland, vergleichbar dem Begriff Mark in der deutschen Geschichte).

Das Gebiet nördlich der Krim befand sich im Einflussbereich des Krimkhanats, jedoch kam es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu Herrschaftswechseln einzelner Teile dieser Region (Polen-Litauen, Russland, Osmanisches Reich). Die slawische Bevölkerung bestand zu jener Zeit zu einem großen Teil aus geflohenen Leibeigenen der angrenzenden polnischen oder russischen Gebiete, die sich zu Wehrdörfern zusammenschlossen und von den Osmanen und Tataren „Kosaken“ (freie Krieger) genannt wurden. Die Kosaken standen im ständigen Konflikt mit den tatarischen Nomaden und dem Osmanischen Reich, oft wurden sie als Söldner von polnischen, litauischen oder russischen Fürsten angeheuert, wobei alle genannten Mächte mit wechselndem Erfolg versuchten, die Siedlungsgebiete der Kosaken ihren Reichen anzuschließen und die Kosaken zu unterschiedlichen Zeiten sowohl Kriegsgegner als auch Verbündete der genannten Staaten waren. Vom 16. bis ins 17. Jahrhundert hinein stand das Gebiet unter einer, wenn auch schwachen, polnisch-litauischen Oberhoheit, wobei wiederum Gegensätze um die religiöse Ausrichtung (orthodox oder katholisch) zunehmend für Konflikte und Aufstände sorgte.

Der Vertrag von Peresljawl und Neurussland

Die polnische Herrschaft endete, als der Kosakenhetman Bogdan Chmelnizkij, Oberhaupt der Saporoger Kosaken, im Jahr 1654 nach einem Aufstand gegen die polnischen Herren und zur Abwendung einer potentiellen Niederlage dem russischen Zaren den Treueschwur leistete- im Gegenzug für eine Kriegserklärung Russlands an Polen (genau 300 Jahre später gliederte übrigens Nikita Chruschtschow am Jahrestag dieses Treueschwurs die Krim zu Ehren dieses Vertrages und zum Zeichen der „Ewigen Verbundenheit zwischen Russen und Ukrainern“ an die ukrainische Sowjetrepublik an). Nachdem im Zuge dieses Krieges die polnische Herrschaft endete und das Gebiet um den Dnepr (einschließlich Kiew) Teil des Russischen Reiches wurde, wurden die Kosakenheere von den Zaren zur Bekämpfung des osmanischen Reiches und des Krimkhanats eingesetzt. Dies entsprach auch den Zielen der Kosaken, die seit langem osmanischen Überfällen ausgesetzt waren und die Tataren und Türken (auch aufgrund des Gegensatzes zwischen Christentum und Islam) als wichtigsten Gegner betrachteten. Berühmt ist in diesem Zusammenhang das Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan“ von Ilja Repin:

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Im 16. und 17. Jahrhundert kam es dann zu einer Vielzahl von erklärten und nicht erklärten Kriegen zwischen Russland und der Hohen Pforte, bis im Russisch-Türkischen Krieg 1768-1774 die Türken durch Katharina II. endgültig aus diesem Teil Osteuropas (einschließlich der Krim) vertrieben wurden. In der Folge kam es zur Neubesiedlung des „Wilden Felds“ aus Russland, und zwar unter der Federführung des Fürsten Potemkin. Man kennt den Ausdruck „Potemkinsche Dörfer“, weiß aber oft nicht, dass dieser genau das Gegenteil dessen bedeutet, was tatsächlich geschah: innerhalb kurzer Zeit wurden in den eroberten Gebieten unter anderem die Städte Odessa, Sewastopol, Mariupol, Dnepropetrowsk, Saporoshje, Nikolajew, Cherson und Lugansk sowie (am anderen Ufer des Asowschen Meeres) Noworossijsk gegründet- Donezk übrigens erst ein Jahrhundert später vom britischen Stahlbaron John Hughes (die Stadt trug daher ihm zu Ehren bis 1924 den Namen „Jusowka“).

Im Zuge der zweiten Polnischen Teilung 1793 kam dann auch ein Teil der heutigen Westukraine unter russische Herrschaft. Der äußerste Westen (das erwähnte Galizien-Wolhynien) mit dem Zentrum Lwow (dann Lemberg) geriet bereits 1772 bei der ersten polnischen Teilung unter österreichische Herrschaft.

1. Weltkrieg, 1. Ukraine

In Lemberg erarbeitete dann auch Anfang des 20. Jahrhunderts der Historiker Michail Gruschewskij sein Konzept der ukrainischen Nation, in Abgrenzung von der russischen. Diese damals sehr neue Perspektive der Aufteilung der Ostslawen in Russen und Ukrainer (die bis dahin „Kleinrussen“ genannt wurden) basierte unter anderem auf der unterschiedlichen Religionsangehörigkeit zwischen Galizien und der Restukraine sowie auf der ukrainischen Sprache, die in Moskau und St. Petersburg als „bäuerischer Dialekt des Russischen“ betrachtet wurde (im Zarenreich wurden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis 1905 Publikationen auf Ukrainisch verboten, um separatistischen Tendenzen vorzubeugen, auf die Umgangssprache hatte dies keinen Einfluss, Russisch als Verkehrssprache, Ukrainisch als lokale Sprache im Westen und der so genannte „Surschyk“- eine Mischung aus beiden- waren existierten neben- und miteinander).

Während des ersten Weltkriegs wurde die (west-)ukrainische Identität dann von Deutschland und Österreich gefördert, um das Zarenreich zu schwächen. Dies gipfelte schließlich in der Ausrufung einer autonomen Ukraine Anfang 1917 und einer unabhängigen Ukraine im Jahr 1918, die von Deutschland gestützt wurde. Vor und nach der deutschen Kapitulation im November 1918 kämpften im Russischen Bürgerkrieg die Rote Armee, die Weiße Armee, ukrainische Nationalisten und kurzzeitig auch die Armee des neuentstandenen Polens auf dem Gebiet der heutigen Ukraine um selbiges. Allein im Jahr 1918 wurden folgende Republiken ausgerufen:

1) die Ukrainische Volksrepublik: bürgerlich, von Deutschland gestützt, Unabhängigkeit von Russland, ukrainisch-sowjetischer Krieg, existierte tatsächlich einige Monate 1918, virtuell 1917-1920, mit Polen im polnisch-sowjetischen Krieg verbündet):

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2) die Sowjetrepublik Donezk-Kriwoj Rog: existierte 2 Monate im Jahr 1918 parallel zu 1), trat 1918 der ukrainischen Sowjetrepublik bei, heute berufen sich die Aufständischen in Donezk und Lugansk teilweise auf diese Republik.

3) die Westukrainische Volksrepublik, existierte von November 1918 bis April 1920 (Einmarsch der polnischen Armee, Aufteilung unter Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien). Gilt heute bei ukrainischen Nationalisten quasi als Keimzelle der ukrainischen Nation, da hier die Unterschiede zur russischen Nation am größten sind (Sprache, Religion, Geschichte außerhalb des Russischen Reiches).

4) Die Volksrepublik Krim, bürgerlich, von weißgardistischen Kräften ausgerufen, Ende der Existenz mit der Eroberung durch die Bolschewiki am Ende des russischen Bürgerkriegs, gefolgt von der „Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Krim“ als Teil der russischen Sowjetrepublik.

Die Staatsgebilde 1, 2 und 4 wurden nach dem Ende des russischen Bürgerkriegs 1922 zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Deren Grenzen änderten sich im Jahr 1939 (Anschluss der bis dahin zu Polen gehörenden Westukraine um Galizien/Lemberg), im Jahr 1940 (Anschluss der Nordbukowina und eines Teils der heutigen Oblast Odessa von Rumänien), im Jahr 1946 (Anschluss der Karpatoukraine von der Tschechoslowakei) und im Jahr 1954 (Anschluss der Krim von der russischen Sowjetrepublik). Nachstehend eine Karte, die die Entwicklung des ukrainischen Staatsgebiets seit dem Vertrag von Peresljawl zeigt:´

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Zusammenfassung

Natürlich wurde hier auch einiges stark verkürzt oder weggelassen (es würde sonst den Rahmen dieses Beitrags) und auch die persönlichen Sichtweisen des Autors flossen unbeabsichtigt ein. Dennoch soll dieser Text keinesfalls als „Plädoyer“ für die Argumentation dienen, dass die Ukraine ein Kunststaat sei, der keine Existenzberechtigung hat. Auch Belgien ist ein Kunststaat, und das seit 1832, und auch Deutschland und Italien entstanden durch die Vereinigung vieler Kleinstaaten, die sich teilweise auch nicht ähnlicher sind als die ukrainischen Regionen.

Ziel dieses Textes ist einzig und allein, klarzumachen, warum viele Menschen in Russland (und nicht wenige in der Ukraine) die Trennung zwischen Russland und der Ukraine (zumindest deren Süden und Osten) für künstlich halten. Außerdem sollte verdeutlicht werden, dass das, was seit 1991 die Ukraine darstellt, über Jahrhunderte eine gegenläufige Entwicklung durchlaufen hat. Der orthodoxe und verbreitet russischsprachige Süden und Osten (sowie teilweise das Zentrum) als Teil Russlands, der überwiegend katholische und der ukrainischsprachige Westen als Teil Polens und Österreich-Ungarns.

Die Zeit vom Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hat die (dann in der Sowjetunion übertünchten) Gegensätze noch verschärft- zu Religion und Sprache kommen nun noch die absolut konträren Auffassungen über Bandera, die UPA und den Zweiten Weltkrieg: in Galizien gilt die Zeit von 1920 bis Anfang der 1950er Jahre als ukrainischer Befreiungskampf (erst gegen die Polen, bei denen aufgrund der UPA-Massaker an Polen bis heute eine tiefe Verachtung Banderas herrscht, dann als Verbündeter der Deutschen gegen die Sowjetunion und im Partisanenkrieg bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg), im Rest des Landes bildet der „Große Vaterländische Krieg“ und der Sieg über Hitlerdeutschland einen wesentlichen Teil der ethnischen Identität. Innerhalb der Sowjetunion spielte dies keine Rolle, seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 kochen diese Gegensätze immer wieder hoch, aktuell seit dem Maidan Anfang 2014 (der im Osten teilweise als Machtergreifung der Westukrainer betrachtet wird, sowie als Versuch, dem Osten die „galizische“ Sichtweise überzustülpen und deren Deutungshoheit darüber, was die Ukraine ist, durchzusetzen).

Lange Rede, kurzer Sinn – alles nicht so eindeutig…