Feindbestimmung nah und fern

Der Appell der Identitären zum Großen Austausch hat mal wieder einen besonderen Streitpunkt unter allen politisch Inkorrekten vorgeführt: die Feindbestimmung. Hier stehen sich Vertreter der nahen und der fernen Feindbestimmung gegenüber. Für die nahe Feindbestimmung sind die Invasoren vor Ort und an den Grenzen der Feind, den es abzuwehren gilt. Für die fernen Feindbestimmer, zu denen auch die Verfasser des identitären Textes gehören, sind diese nahen Feinde nur Symptome oder gar Opfer des eigentlichen, fernen Feindes. Das können die USA, internationale Netzwerke, Großunternehmen oder gleich der Liberalismus sein. Vertreter der nahen Feindbestimmung sind für sie oberflächlich oder gar unmoralisch. Spielen wir darum die ferne Feindbestimmung nach ihren eigenen Regeln durch, um die Berechtigung dieser Kritik zu prüfen.

(Von Peter M. Messer)

Feindbestimmung und Handlungsfähigkeit

Gehen wir also davon aus, dass die USA, internationale Eliten oder das Großkapital die Ursache aller Übel und somit auch des Großen Austausches seien. Dann stellt sich die Frage, wie ich diese Erkenntnis in politisches Handeln umsetzen soll. Denn wenn ich Geländegewinne gegen diesen Feind erzielen will, kann ich dies nicht durch abstrakte Bekenntnisse, sondern nur durch politische Entscheidungen, in denen sich Machtverhältnisse manifestieren und durch die ich die Machtressourcen des fernen Feindes vermindern kann. Politik besteht nun mal aus der Regelung von Lebenssachverhalten, aus dem Stellen, Durchsetzen oder Abwehren von Ansprüchen zwischen Menschen. Wie soll ich dann aber im konkreten politischen Prozess ausländische Netzwerke thematisieren und erfassen? Der Bundestag kann nicht George Soros enteignen, die Bilderberger auflösen oder die US-Außenpolitik ändern. Soll man auf die Verteidigung der Grenzen verzichten, bis eine für alle optimale Weltwirtschaftsordnung jeden Wanderungsgrund beseitigt? Bis die fertig ist, falls sie überhaupt möglich ist, sind wir längst ausgetauscht. Man kann metapolitisch alle möglichen tiefen Ursachen und Akteure des Großen Austausches benennen, zu fassen bekomme ich nur den Großen Austausch selbst, indem ich ihn bekämpfe. Das tue ich, indem ich gegen die Wanderungsbewegungen, aus denen er besteht, Grenzen ziehe. Das wiederum bedeutet, dass ich konkrete Menschen ausgrenze, weil ich nicht mit ihnen leben und mein Land nicht mit ihnen teilen will. Es ist wie im Krieg: Ich kann die Regierung des feindlichen Landes nie direkt bekämpfen, sondern muss die Soldaten bekämpfen, die sie gegen mich schickt. Wer in den Migranten und Invasoren (im Folgenden: Migrassoren) nur Opfer sieht, gestattet es dem fernen Feind, sie vor sich herzuschieben, seine Ziele mit Appellen an unser Mitleid zu fördern: Seht her, was haben euch diese armen Menschen denn getan! Wer diesen konkreten Kampf verweigert, und darauf läuft die Position des identitären Textes hinaus, der überlebt nicht lange. Wenn die ferne Feindbestimmung sich selbst politisch konkret zu Ende denkt, dann erkennt sie im Feind der nahen Feindbestimmung den Soldaten des fernen Feindes – und nicht sein Opfer. Der identitäre Text will hier zwischen dem Prozess, den er bekämpfen will, und der Substanz, aus der er besteht, unterscheiden, und diese künstliche Trennung ist politisch nicht umsetzbar.

Bis jetzt haben wir den fernen Feind als alleinigen Akteur angesehen. Die Migrassoren waren nur seine Werkzeuge ohne eigene Motivation. Das dürfte nicht der Wirklichkeit entsprechen. Die Migrassoren haben durchaus eine Eigenmotivation und Eigeninteressen für ihre Wanderung. Diese Eigenmotivationen sind eine zusätzliche Machtressource des fernen Feindes, und sie macht aus den Migrassoren mehr als seine Werkzeuge, nämlich seine Verbündeten. Wieso sehen Vertreter der fernen Feindbestimmung nicht deren eigene Aggressivität? Die Migrassoren wissen doch, dass sie hier nicht erwünscht sind, sonst stünden sie doch ganz normal am Grenzübergang. Sie wissen, dass sie unsere Grenzen und Gesetze verletzen, und ihre Ankunft ist ihr erster Sieg. Kein Wunder, dass dieser ersten Aggression bald weitere folgen.

Die ferne Feindbestimmung könnte durchaus die Orientierung der nahen Feindbestimmung ergänzen und Fehler vermeiden, etwa den, eine interventionistische Außenpolitik zu unterstützen, die weitere Kriege schafft. So wie sie hier vorgeführt wurde, und das ist kein Einzelfall, ist sie reduktionistisch und schiebt alles auf eine ferne, aber unangreifbare Ursache. Damit verkennt sie die vielen verschiedenartigen Faktoren, die häufig zu einem Prozess beitragen, und übersieht beim Vorstoß auf den fernen Feind das Nahe und Offensichtliche – und die Handlungsmöglichkeiten, die tatsächlich gegeben sind.

Feindbestimmung im Diskurs

Betrachten wir nun das Verhalten der Fernfeindbestimmer in dem, als was sich die politische Auseinandersetzung hauptsächlich vollzieht, im politischen Diskurs. Also der Gesamtheit aller politikbezogenen Aussagen, die ihre Geltung daraus beziehen, wer sie ausspricht und wie oft sie wiederholt werden. Hier müssen wir anhand des identitären Artikels leider feststellen, dass man sich nicht darauf beschränkt, in richtiger und wichtiger Weise eine rein ökonomische Migrassionskritik um wichtige Punkte zu ergänzen, sondern dass die Fernfeindbestimmer gegenüber den Nahfeindbestimmern Aussagen und Begriffe der Abschaffer und Austauscher wiederholen und damit ausgerechnet den Gegner stärken: Wer gegen gegen Asylanten demonstriert, ist kaltherzig, sozialneidisch und materialistisch, die Indentitären schrecken noch nicht mal vor dem Austauscher-Kampfbegriff Populismus zurück. Auch das ist kein Einzelfall. Sehr oft lässt sich bei Fernfeindbestimmern neben einer Opposition im Fundamentalen und Abstrakten eine Übereinstimmung mit den Linken im Konkreten, im Fühlen, in Habitus und Ausdruck feststellen. Mit lautem Pöbel will man keinesfalls etwas zu tun haben, so weit reicht die Bindungskraft des Begriffes „Volk“ dann doch nicht. So wird letztlich linkem Denken in rechten und konservativen Kreisen Geltung verschafft und ein gegenseitiges Vertrauen, dass man im Zweifel füreinander einsteht, als Fundament für echten Widerstand untergraben.

Und das ist der Grund, warum mich die ganzen Analysen der Fernfeindbestimmer nur noch mäßig interessieren. Ich leugne die Existenz ferner Feinde nicht, aber ich brauche sie nicht zur Deutung unserer Situation. Ich bin nicht links und bin es nie gewesen, aber durch eine Verkettung glücklicher Umstände bin zu einem strikt funktionalen Gebrauch linker Theorie gekommen. Und wenn man so etwas wie Diskurstheorie erst einmal begriffen und akzeptiert hat, und das ist eigentlich ganz einfach, dann erkennt man, aus wie vielen konservativen oder gar rechten Gedanken sich die Inhalte der heutigen Linken, die nichts mehr mit der alten Arbeiterlinken zu tun hat, herleiten lassen, als ihre Konsequenz oder ihre exzessive, krebsige Entartung. Vieles wirkt auch einfach als Einfallstor und Brückenkopf. Viele ach so tiefe Denkereien sind nichts weiter als der Versuch, das Pferd des politischen Konflikts mit glitzerndem metapolitischen Zaumzeug von hinten aufzuzäumen, weil man dem Gaul nicht von vorne in sein hässliches Gesicht sehen kann: Dass man bei der Verteidigung des Eigenen eben auch materialistisch, egoistisch, gewalttätig und wenig mitfühlend ist. dass Kampf Kampf ist. Das kann man mit seinem Selbstbild als anständiger, sensibler, menschlicher, hilfsbreiter Bürger nicht vereinbaren. Das linke Argument mit der verwerflichen Ausgrenzung von Menschen wäre nicht so wahnsinnig erfolgreich, wenn es nicht einen bürgerlich-konservativen Nerv schmerzhaft genau treffen würde. Gegenwärtig wird auch bei PI viel über Raspails „Heerlager der Heiligen“ geschrieben, in dem eine Migrassorenflotte ungehindert in Frankreich landen und das Land besetzen kann, weil niemand bereit ist, auf diese das Feuer zu eröffnen. Der indentitäre Artikel zeigt doch genau diesen Unwillen zum konkreten Konflikt, zu echten Verteidigungshandlung. Verteidigung des Eigenen ja, aber bitte nur vegan.

Ich kann das den Verfassern des Textes gar nicht mal besonders vorwerfen, weil sie hier gewissermaßen Opfer einer bei Konservativen, aber auch manchen Rechtsinellektuellen verbreiteten Weigerung sind, sich mit dem nächstliegenden aller Feinde zu befassen: den Dingen in uns selbst, die uns schwach und wehrlos machen und die wir irrtümlich für besonders wertvolle Bestandteile unserer Identität halten. Nicht diejenigen, die tief und weit denken, sondern diejenigen, die das Nächstliegende tun, sind diejenigen, die am meisten begriffen haben, diejenigen, die laut und wütend auf die Straße gehen. Das mag erstaunen, aber die Nahfeindbestimmer könne sich gegenüber den Fernfeindbestimmern auf einen Ausspruch Oscar Wildes berufen: Nur flache Charaktere urteilen nicht nach der äußeren Erscheinung. Das Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren.