Wirtschaftliche Mittelschicht als Politische Unterschicht

Der Vorschlag des Soziologen Jürgen Friedrichs, angesichts der Asylantenschwemme die Migrassoren vorrangig in den Wohngebieten der Mittelschicht unterzubringen, ist hier ja auf wenig Gegenliebe gestoßen. Dabei hat er das doch so nett mit der Hilfsbereitschaft der Mittelschicht begründet. Tatsächlich steckt hinter dem Vorschlag aber eine soziologische Grunderkenntnis, die soziochinesisch so lautet: „Kennzeichnend für hierarchische Milieustrukturen ist eine umgekehrt u-förmige Beziehung zwischen gesellschaftlichem Rang und Konformitätsbereitschaft“ (Gerhard Schulze). Zu deutsch: Die Mittelschicht ist die anpassungsbereiteste aller Schichten, und darum ist von ihr am wenigsten Widerstand zu erwarten.

(Von Peter M. Messer)

Der Grund ist ganz einfach und wurde von einigen Kommentatoren hier klar erkannt: “Es zählt zu den Besonderheiten der mittleren Position,“ so wieder der Soziologe Gerhard Schulze, „dass man etwas zu verlieren hat, sich gegen den drohenden Verlust jedoch nicht durch Machtmittel, sondern nur durch Konformität gegenüber den Mächtigen schützen kann. Der brave Mann ist kein großer Mann.“ In den oberen Rängen dagegen könne man sich so viel Nonkonformität in der Lebensführung leisten, wie man bezahlen könne. Exzesse dienten dort nicht nur dem Genuss, sondern seien auch Statusdemonstrationen nach unten. Neben dem lasterhaften Nonkonformismus gäbe es noch den tugendhaften Nonkonformismus des konventionensprengenden Genies und des innovativen Unternehmers. Ganz unten dagegen hat man wenig zu verlieren, und sofern von der Unterschicht gehorsam verlangt wird, wird nur der verlangt und keine allgemeines Selbstdisziplinierung: „Wer ganz unten steht, lebt ungezwungener.“

Der geringere Konformismus von Oberschicht und Unterschicht bzw. Randgruppen lässt sich sehr schön daran zeigen, dass es immer wieder zu direkten Stiltransfers von der Unter- zur Oberschicht kommt, vor allem in der Mode. Ein am gesellschaftlichen Rand entstandenes Phänomen wie Punk wird von Modeschöpfern wie Jean-Paul Gaultier oder godmother of punk Vivienne Westwood für den Luxussektor adaptiert und sickert von dort irgendwann auch in verdünnter Form auf die Mittelschicht herab. Aktuell demonstriert das ein Kleidungsstück besonders, der Kapuzenpulli, der Hoodie: Er kleidet das Streetgang-Mitglied ebenso wie Dotcom-Milliardäre wie Mark Zuckerberg.

Über diesen durch die Mittellage erzwungenen Konformismus lagern sich zwei weitere Schichtungen der Konformität. Erstens wird der Konformitätszwang verinnerlicht und positiv umgedeutet als das „Anständige“, als „Maß und Mitte“. Das Sich-Eingliedern in die Verhältnisse muss auch nicht notwendig schlecht sein, die Mittelschicht gedieh im Westen während des größten Teils des 20. Jhs., warum hätte sie den Aufstand proben sollen? Problematisch wird das aber, wenn sich die Verhältnisse verändern und die Macht ihre Lebensverhältnisse nicht mehr garantiert. Dann hat man verlernt, die eigene Unterordnung als Unterwerfung zu begreifen und sich dagegen zu wehren.

Für die Gegenwart kommt noch eine weitere Schichtung der Konformität hinzu: Gerhard Schulze, aus dessen schon klassischem Buch „Die Erlebnisgesellschaft“ ich hier zitiert habe, machte die Beobachtung, dass die Konformität der Mittelschicht immer weniger von außen erzwungen sei, denn es gäbe für die Lebensführung immer weniger bindende gesellschaftliche Vorgaben. Darum sei Konformität heute verstärkt innenmotiviert. Die Übereinstimmung mit Normen habe eine eigene Erlebnisqualität, die von bestimmten Menschen bewusst gesucht werde und die dazu ein Bild von sozialer Verbindlichkeit konstruieren müssten, das tatsächlich gar nicht mehr gegeben sei. Übereinstimmung mit diesen fiktiven Normen werde als bestätigend und lustvoll empfunden. Diese Konformitätslust könnte ihre Kreise weit außerhalb des Milieus der Angestellten und Beamten ziehen, wenn ich manchmal konservative Intellektuelle sehe, die einem „sinnlosen Dienen“ durchaus etwas abgewinnen können.

Gegenstand von Schulzes Buch ist die detailliert belegte Beobachtung, dass die heutige Lebensführung wesentlich auf das Haben vor Erlebnissen abziele. Bewegen wir uns von der persönlichen Lebensführung wieder auf das Feld der Politik, dürfen wir die gesellschaftliche Ausdehnung der konformistischen Mitte weit über die wirtschaftliche Mittelschicht hinaus ziehen. Denn wäre heute wirklich so vermögend und unabhängig, dass er sich einen Zusammenstoß mit der Political Correctness leisten könnte? Jedenfalls kann man leicht sehen, dass das norm- und gesetzeskonforme Milieu der Mitte von unten wie von oben durch norm- und gesetzesverletzende Milieus eingekeilt ist, die seine Lebenswirklichkeit bestimmen: Von unten etwa durch Straßenkriminalität und Einbrecher, die für eine permanente Grundangst sorgen, und durch Migrassoren, die das Lebensumfeld negativ verändern. Von oben z. B. durch die rechtsbrechenden Eliten bei der Euro-„Rettung“ und den Vermögensverlust durch deren Niedrigzinspolitik. Die Hilflosigkeit der normkonformen Mitte zeigt sich darin, dass sie trotz dieser offensichtlichen Rechtsbrüche weiterhin ohnmächtig das Recht beschwört, und zwar an erster Stelle, egal ob es um Euro oder Asylpolitik geht. Wäre der Migrassorenansturm denn völlig in Ordnung, wenn er gesetzeskonform erfolgen würde? Aber die antipolitische Vergötzung des Rechts (die ihm letztlich sogar schadet) ist so schwer zu überwinden, weil für die Mittelschicht Konformismus das einzige Mittel zur Absicherung ist. Im Zweifel ist man immer noch bereit, die Vorgaben des Establishments gegen seine Gegner zu exekutieren.

Was aber kann man dagegen tun? Man muss erst einmal die eigene Lage als die eines Unterworfenen begreifen und begreifen, dass sich die Herrschenden dieser Lage bewusst sind und sie eiskalt instrumentalisieren. Es wurde ja berichtet, dass das Bundeskanzleramt gegenwärtig Verhaltensökonomen und Psychologen sucht, und es sucht sie genau zu solchen Zwecken. Wer immer noch von Anstand, ewigen Werten und Recht schwafelt, zieht sich selbst den Ring durch die Nase, an dem er zur Schlachtbank geführt wird. Man kann zwar nicht die machtpolitische Prekarität der Mittellage ändern, aber man kann die beiden Formen der inneren Bejahung von Konformität beseitigen, die den Mächtigen das Leben leicht machen. Es ist irrwitzig, einerseits zu beschwören, dass es erst noch schlimmer kommen müsse, und andererseits Werte und Normen hochzuhalten, die dafür sorgen, dass man immer mehr hinnimmt.

Dazu bedarf es oft genug keiner Radikalisierung, sondern einfach nur Präzision. Wenn ich etwa meine, die Pegida-Spaziergänger gegen den Vorwurf verteidigen zu müssen, dass sie Rechte seien, indem ich dagegenhalte, sie seien die bürgerlich Mitte, habe ich das herrschende Beurteilungsschema akzeptiert. Stattdessen sollte man sagen, dass sie keine Feinde von Freiheit und Demokratie seien, sondern Bürger, die sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen wehren. Das bringt das Gewollte zum Ausdruck, aber nicht in der Sprache der Mächtigen. Das Problem ist, dass denen immer noch Vertrauen entgegengebracht wird. Das zeigt sich spätestens dann, wenn es um diejenigen geht, die den Kopf herausstrecken und Widerstand leisten. Die wirken dann leicht schräg und schmuddelig. Man sollte sich aber endlich eingestehen, dass aus der Mitte Widerstand nun mal am wenigsten zu erwarten ist. Er kommt eher aus der Unterschicht, und wenn er aus der Mitte kommt, dann von eher von Personen, die in irgendeiner Weise aus der Reihe tanzen. Damit muss man leben, anders ist Widerstand nicht zu haben. Ihnen sollte man das Leben so leicht wie möglich machen. Freiheitsräume, die man hat, und sei es nur bei der Abfassung eines Online-Kommentares, muss man zu ihren Gunsten nutzen und sich von den Kriterien der Mächtigen lösen. Es ist selbstzerstörerisch, an nebulösen Konzepten wie „Anstand“ festzuhalten, deren gesamtgesellschaftliche Geltung fiktiv ist und die der Gegner einem selbst gegenüber nicht einhalten wird.