Das „Bild der Schande“

Die Pizza ist im Ofen und die Wartezeit überbrückt man mit einer Runde Zapping im TV. Plötzlich ist da das Bild eines kleinen Jungen, der am Strand liegt. Schnell wird klar, es ist das Bild eines toten Kindes, eines toten Jungen namens Aylan (Foto), der nur drei Jahre alt wurde. Aylan ist ertrunken – auf seiner Flucht aus Syrien. Sein Körper wurde angespült an einem Strand im türkischen Bodrum.

(Von Selberdenker)

Die erste Reaktion war schmerzhafte Betroffenheit. Das ist nicht gerecht! Er liegt da in seinem roten Hemdchen, mit dem Gesicht im Sand, hat seine Schuhe noch an, mit denen er eigentlich noch die Welt erkunden sollte. Man möchte helfen, den Jungen wiederbeleben, seine Eltern in den Arm nehmen – irgendetwas. Hilflosigkeit macht sich breit, Wut macht sich breit.

Der Beitrag im TV geht weiter. Ein interviewter Journalist bezeichnet das Bild des toten Kleinkindes als „Bild der Schande“, es sei eine „Schande für Europa“ und sollte überall massenhaft gezeigt werden, gar in Riesengröße an die Gebäude zuständiger Institutionen projiziert werden, damit „die endlich aufwachen“.

Viele hoffen, dass dieses Bild eine ähnliche Wirkung haben könnte, wie 1972 das Foto des durch einen amerikanischen Angriff verbrannten kleinen Mädchens Kim Phuc in Vietnam. Das Bild solle endlich zu einem Umdenken zugunsten von noch mehr Engagement für Flüchtlinge führen und die Kritiker der gängigen Aufnahmepraxis sollten sich spätestens jetzt – was schämen.

Ich soll mich also schämen, jetzt endlich den Mund halten, angesichts des toten Jungen. Moment, liebe Journalisten! Eure Betroffenheit landet mir etwas zu schnell auf der politischen Waagschale! Wir sind uns einig darüber, dass wir möglichst alles tun müssen, um Kinder zu schützen! Unsere menschlichen Gefühle der Betroffenheit unterscheiden sich wahrscheinlich kein Stück – obwohl ihr uns permanent als Menschenfeinde hinstellt.

Seit Beginn der Flüchtlingswellen sind Tausende ertrunken – kein vernünftiger Mensch bejubelt das. Der Tod des kleinen Aylan ist ein weiteres ungeheuer trauriges Ereignis in einer schlimmen Reihe von Ereignissen. Die Schuld dafür trägt aber nicht Europa, schon gar nicht die hilfsbereiten Europäer – im Falle des kleinen Aylan trägt die Schuld auch nicht die Türkei. Die Schuld trägt der Islamische Staat und alle die, die für das Chaos in Syrien verantwortlich sind. Kein Europäer muß sich also „schämen“.

„Schämen“ müssen sich auch sicher nicht die Leute, die von Anfang an dafür plädiert haben, den Leuten vor Ort zu helfen, militärisch gut gesicherte Anlaufstellen für syrische Flüchtlinge in Syrien und benachbarten Staaten einzurichten, statt sie mit einer „Willkommenskultur“ genannten Verantwortungslosigkeit noch auf die gefährliche Reise zu locken.

Zudem haben sich vernünftige Kritiker des gerade ablaufenden Asylwahnsinns niemals gegen echte Flüchtlinge (nach Genfer Konvention) ausgesprochen, sondern dagegen, dass diese Leute zusammen mit jenen in einen Topf geworfen werden, die nur auf Kosten der Flüchtlingswelle reiten, selbst aber keinen Flüchtlingsstatus besitzen. Trotzdem werden alle Ankommenden weiterhin, immer und überall, pauschal als „Flüchtlinge“ bezeichnet.

Vielleicht sollen wir uns langsam besinnen, dass es darum geht, gemeinsam vernünftige, weitsichtige Lösungen zu finden, die denen gerecht werden, die wirklich akut verfolgt werden. Um das tun zu können, müssen wir aber jene knallhart zurückweisen, die rücksichtslos Ressourcen binden und das Leid echter Flüchtlinge für sich auszunutzen wissen. „Je suis Aylan“ ist schon wieder zu lesen – das bringt uns jedenfalls nicht weiter! Auch dürften wir nicht der Versuchung nachgeben, schreckliche Bilder von toten Kindern moralisierend vor unseren politischen Karren zu spannen. Denn das ist wirklich das Allerletzte.