Die unendliche Schuld der Lügenjournalisten

Am Sonntag, den 27.09.2015, fand ich auf WELT-Online einen Artikel, mit dem man sich mal wieder zu Tränen rühren lassen konnte – außer natürlich, man geht dem widerwärtigen journalistischen Lumpenpack (warum diese harten Worte völlig gerechtfertigt sind, folgt unten) schon länger nicht mehr auf den Leim, da man sich inzwischen unabhängig zu unterrichten pflegt. So wie z.B. wir PI-Leser. Der einzige Lichtblick ist, dass nahezu alle Kommentatoren unter dem Artikel genau das ebenfalls beherrschen! Wie sich mir später zeigte, trifft die WELT allerdings nur eine Teilschuld. Wie so oft, hat man dort einfach nur den Text ungeprüft von den anderen Lügenexperten kopiert.

(Von le waldsterben)

Viel schlimmer treiben es z.B. FOCUS, STERN oder BILD. Insbesondere BILD, denen man schon in den 80igern mit leichtem Galgenhumor das Arbeitsprinzip nachsagte: ‚Bild sprach zuerst mit dem Toten‘, hat mit geradezu hochkrimineller Energie sogar einen Reporter vor Ort geschickt, um die Täuschung noch plastischer gestalten zu können.

Ich beziehe mich trotzdem einmal auf den einfach nur abgeschriebenen WELT – Artikel, denn bedauerlicherweise ist Abschreiben nur in der Schule oder für einen Minister Guttenberg strafbar. Journalisten scheinen das hingegen für ihr täglich Brot zu halten, wobei wohl gilt: je falscher, desto knalliger – wer will schon Fakten, die Weltbilder trüben könnten?

Vor allem aber – einziges Lob, das man der WELT zollen könnte (falls es nicht ein Versehen ist, das noch korrigiert werden wird) – zeigt der WELT-Artikel geradezu als Paradebeispiel die mittlerweile berühmte Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Die Kommentarspalte mutiert somit zur eigentlichen Nachrichtenspalte:

Der genannte Artikel stellt – rührselig ohne Ende – den Vater des mittlerweile weltbekannten toten Kindes vor (PI berichtete mehrfach) – und der unbedarfte Leser weiß gar nicht mehr, wohin mit so viel Mitleid angesichts des grausamen Schicksals dieses Mannes. Denn dass die Geschichte eine der schlimmsten Höhepunkte unserer inzwischen nur noch lesertäuschenden Medien ist – woher soll er das wissen?

Dabei entwickeln die Macher des Textes ein nahezu schon kriminelles Geschick:

Vordergründig geht es wieder einmal um die Frage, ob dieses Foto „gezeigt werden durfte“, was der „leidgeprüfte“ Vater großmütig gewährt und uns somit hintergründig direkt auf den eigentlichen Zweck des Artikels leitet:

Tränendrüsen: Wasser marsch!

Ich will die ganze hollywoodmäßige Inszenierung, die sich BILD + Co. da leisten, gar nicht inhaltlich analysieren – wer es wissen will, lese selbst bei BILD oder dem betreffenden WELT-Artikel nach:

Viel interessanter ist, was uns die Artikel genau NICHT wissen lassen. Und die allerinteressanteste Frage ist … – das hebe ich mir bis zum Schluss auf.

Denn: was nicht mitgeteilt wird, findet sich samt und sonders bereits in den ersten Kommentaren:

„Eine irakische Flüchtlingsfrau, die auf dem Boot war, hat gegenüber einer britischen Zeitung angegeben, dass dieser Mann das Unglücksschiff gesteuert hat (…) Dass er natürlich das Gegenteil behauptet, liegt auf der Hand“

„Und er selbst habe sie nach der Ankunft gebeten ihn nicht als „Kapitän“ zu outen“

„Hinzu kommt das im kanadischen Fernsehen gegebene Interview seiner Schwester, worin diese aussagt, er würde bereits seit 2 Jahren Wohnung und Arbeit in der Türkei haben. Jedoch benötige er eine vollständige Zahnsanierung … und er sich erhoffte diese Behandlung hier dann kostenlos zu bekommen.“

„Von welchem Photo spricht er? Von dem photogen arrangierten Photo, das durch die Presse gegangen ist, oder dem unscheinbaren Photo an der steinig zerklüfteten und abgeschiedenen Küste?“

„Was mir nicht in den Kopf will, ist folgendes. Die Familie ist angeblich wegen des Bürgerkrieges aus Kobani geflohen und hat längere Zeit in der Türkei gelebt.

Nach dem tragischen Tod seiner Frau und der beiden Kinder kehrt der Flüchtling Abdullah Kurdi unbehelligt zurück in seine frühere Stadt Kobani, läßt seine dahin überführten Familienangehörigen beisetzen und beschließt dort wohnen zu bleiben. Demnach müssen sich doch die Verhältnisse in Kobani gewaltig geändert haben, denn wie könnte er sonst an diesen Ort zurückkehren und dort leben wollen?“

„Soviel ich weiß, war die Familie schon in der sicheren Türkei.
Wer also dann seine Familie in Gummiboote setzt um übers Mittelmeer zu schippern und sich diesen Strapazen aussetzt, nimmt den Tod billigend in Kauf.

Niemand anders trägt Schuld am Tod seiner Familie als er selbst.“

„Pro Minute verhungern 5 Kinder unter 5 Jahren da ist auch keiner „geschockt“. Das Foto hatte genau einen Zweck und zwar Politiker weich zu kochen und Kritiker den Mund zu stopfen wenn sie nicht als „gefühlskalt“ gesehen werden wollen. Und das hat es hervorragend erledigt.“

„Das Boot ist auch nicht gekentert, wie der Vater den deutschen Journalisten erzählt hat, sondern nach nur 500m Fahrt abgesoffen, weil das Ding einfach Luft verloren hatte. An Land geschwommen ist der auch nicht. Er wurde nach einiger Zeit mit Anderen von Helfern aus dem Wasser gefischt! Die ganze Familie konnte offenbar nicht schwimmen. Hatte nur der Vater eine Schwimmweste?

Man kann nur mit hilfloser Wut diese Rührstory lesen. Dieser Vater hat verantwortungs- und gewissenlos gehandelt. Diesem Mann hätte man nicht so ungestraft davonkommen lassen dürfen. Er hat den Tod seiner Familie billigend bei Fahrtantritt in Kauf genommen.“

Und nun kommen wir zur wichtigsten Frage des ganzen Dramas. Zwei weitere Leserkommentare beleuchten dies gut:

„Jemanden, der das Leben seines eigenen Kindes für einen Zahnarztbesuch opferte, auch noch zu hofieren, halte ich für moralisch bedenklich.“

Und:

„Es ist schon sehr bezeichnend, daß man die Hintergrundinformationen mal wieder aus den Leserzuschriften bekommt.“

Hier nun meine entscheidende Frage – neben zwei möglichen Antworten:

Wieso kennen die kommentierenden WELT-Leser im Handumdrehen die Hintergründe dieser verlogenen Story, die verfassenden Redakteure von BILD, STERN, FOCUS, WELT … jedoch nicht?

Dazu fallen mir spontan zwei Möglichkeiten ein:

a) In einer Zeit, in der Wahrheiten nur wenige Mausklicks entfernt sind… – ok, Zwischeneinschub: ja, ich weiß: nur einen Mausklick entfernt sind auch jede Menge Schund, Spinnerei, Ewiggestrige und das Gefasel von Aluhüten – aber man kann sich ja auf Artikel beschränken, die zu Originalquellen verlinken. Die Seriosität jener kann dann z.B. über die englischsprachige Wikipedia – nicht die deutsche Bolschewikipedia, natürlich! – ermittelt werden. So habe ich mich z.B. einmal bis zu einem schwedischen Interview mit einer dortigen Polizeidirektion durcharbeiten und dann mit Babelfish übersetzten müssen, um eine Behauptung eines Blogs zu verifizieren. Niemand sagt, dass das einfach ist – aber es ist möglich!

So, weiter. Also:

a) In einer Zeit, in der Wahrheiten nur wenige Mausklicks entfernt sind, zeigt ein solcher, den Begriff „Totalversager“ völlig neu definierender Journalismus, dass man besser Sandkastenkinder nach dem Weltgeschehen fragen sollte, als unsere „Qualitätsjournalisten“.

Selbst wenn die Stromrechnung nur 0,5 ct gekostet haben sollte, um den Artikel auf den Bildschirm zu bringen, ist es wirklich schade um diesen halben Cent. JEDE andere Verwendung wäre sinnreicher gewesen, meinetwegen der Genuss von einer dreihundertstel Kugel Eis.

Ich fürchte nur, das ist nicht die Erklärung. Sie klingt eher in jenem Kommentar an:

„Es ist schon sehr bezeichnend, daß man die Hintergrundinformationen mal wieder aus den Leserzuschriften bekommt.“

Stimmt das, bedeutet es:

Unsere Medien wissen ganz genau, was sie da tun, und es ist verbrecherisch! Es ist Beihilfe zum Volksverrat, Mittäterschaft bei dem Versuch, eine ganze Gesellschaft untergehen zu lassen – und das ausgerechnet die freieste, rechtsstaatlichste, friedlichste und erfolgreichste Gesellschaft, die es je auf deutschem Boden gab!

Aber wer weiß: vielleicht ist es ja genau deswegen.

Oder ist es, weil ihr Lumpenjournalisten dafür von jenen, für die ihr die Decksarbeit macht, entsprechend entlohnt werdet? Den Gottessohn zu töten, brachte dreißig Silberlinge. Wie steht der Tarif für die Vernichtung eines ganzen Landes?