HoGeSa feiert Comeback in Köln

koeln2.0Am 19. Oktober feierte Pegida Geburtstag, diesen Sonntag (14 Uhr, Breslauer Platz) begehen die Hooligans ein Jahr HoGeSa Köln. Auch für das Engagement der Hooligans, denen das Leben noch schwerer gemacht wird als den Pegidianern, sollte man darum Bilanz ziehen. Dabei wird erkennbar, welche Rolle die Hooligans im Widerstand spielen, welche Leistungen sie aufzuweisen haben und welches besondere Potential sie weiterhin bieten – und zwar außerhalb ihrer Gewaltfähigkeit. Update: Neuer Versammlungsort ist der Barmer Platz.

(Von Peter M. Messer)

In Westdeutschland haben die Hooligans mit den Demonstrationen in Köln und Hannover mit 5.000 bzw. 3.000 Teilnehmern immer noch ungeschlagen die größten Veranstaltungen auf die Beine gestellt, selbst die letzte Großveranstaltung in Ludwigshafen war mit 800 bis 1.000 Teilnehmern größer als die allermeisten westdeutschen Pegida-Demos. Dazu kommen noch kleinere Demonstrationen und die Teilnahme an Pegida-Spaziergängen, bei denen sie oft eine wichtige Schutzfunktion eingenommen haben – jedenfalls wenn man dem „Rechtsextremismusexperten“ Olaf Sundermeyer glauben darf. Ihm zufolge hätten die Hooligans den Erfolg Pegidas im Osten wesentlich mit ermöglicht, weil ihre Anwesenheit viele Bürger erst ermutigt hätte, trotz der Bedrohung durch die Antifa mitzuspazieren.

Mindestens so beachtlich wie diese Aussage ist übrigens die Tatsache, dass die FAZ ohne Probleme einen Text veröffentlichte, in dem es als völlig normal angesehen wird, Bürger durch Gewaltandrohung von der Teilnahme an Demonstrationen abzuhalten. Martin Sellner hat auf sezession.de gefordert, dass Rechte Widerstand u. a. dadurch leisten müssten, indem sie die Aufgaben übernehmen, bei denen der Staat versagt, und dabei nicht an die Hooligans gedacht – aber die Hools tun genau das, wenn sie Demonstranten vor der Antifa schützen.

Die fast zeitgleich mit HoGeSa entstandene Pegida-Bewegung wurde damals von vielen als die bessere und saubere Alternative zu den Hooligans angesehen. Ein Jahr später ist festzustellen, dass sie von Medien und Politik genauso behandelt wird wie die Hooligans, lediglich die Behandlung durch die Polizei ist an vielen Orten noch besser. Das ist bis in die Selbstwahrnehmung vorgedrungen, als Pegidianer die Beschimpfungen ihrer Feinde in stolze Selbstbezeichnungen verwandelten: Erst den Ausdruck „Mischpoke“, dann die Bezeichnung als „Pack“, die selbst im exquisiten Publikum der Sezession großen Anklang fand. Man sah ein: wir können uns verhalten, wie wir wollen, wir werden von Politik, Medien und Gesellschaft ausgeschlossen – wie die Hooligans auch.

Und dann gab es da noch eine dritte Gruppe. Man kann sich schon gar nicht mehr vorstellen, dass vor einem Jahr der Strahlemann Bernd Lucke der Hoffnungsträger der allermeisten frustrierten Bürger war. Die weitere Entwicklung ist bekannt, die Reaktion der Medien auch, und so ist man auch schon in Teilen der AfD zu der Erkenntnis gekommen, dass man sich eher als Pack verstehen sollte: Bei einer Demonstration der AfD in Freilassing begrüßte der niederbayerische AfD-Bezirksvorsitzende Stephan Protschka die AfD-Demonstranten mit den Worten: „Servus, Pack! Es freut mich, dass so viel Pack nach Freilassing gekommen ist“.

Pegida und die AfD konnten also die Erkenntnis gewinnen, die die Hooligans längst hatten: wer wirklich widerständig ist, ist draußen. Es zeigt sich wieder einmal, dass es völlig sinnwidrig ist, durch die Abgrenzung oder Ablehnung von anderen Widerständlern Begriffe und Institutionen zu stärken und ihnen Legitimität zu verleihen, die sich am Ende in völlig unbeeinflussbarer Weise gegen einen selbst richten werden. Das heißt wohlgemerkt nicht, dass ich mich auf die Seite jedes beliebigen Gegners der Verhältnisse stellen muss. Es heißt nur, dass ich mich niemals und unter keinen Umständen auf die Seite des Feindes stellen darf. Man kann notfalls immer noch schweigen.

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Hooligans, AfD und Pegida sind aber immer noch besser dran als eine vierte Gruppe: Die anständigen, aber besorgten und kritischen konservativen Bürger, die ja eigentlich auch irgendwie gegen die herrschenden Verhältnisse sind, aber bitte sachlich und differenziert. Nach Ablauf dieses Jahres kann man auf die Frage, was ihnen geblieben ist, nur eines antworten – nichts. Ob Kirchen, Justiz, oder FAZ, es gibt keine Institution, die sich nicht gegen sie stellt und massiv die Abschaffung dieses Landes und seines Volkes betreibt. Es gibt keine konservative Regel, deren Einhaltung sie auch von Gegner erwarten können, kein Sachargument, mit dem sie gehört werden, außer kurzfristig von Alibikonservativen wie einem Wolfgang Bosbach, der damit all diejenigen Schäfchen weiter an die CDU bindet, die noch nie etwas davon gehört zu haben scheinen, dass Ausnahmen die Regel nicht brechen, sondern bestätigen. Am schlimmsten ist für sie der vollständige Zusammenbruch der Rechtsordnung, und das ist keine Übertreibung. Denn Recht beruht auf Unterscheidungen, und für die interessiert sich niemand mehr. Niemanden interessiert der Unterschied zwischen politisch Verfolgten, Flüchtlingen und Sozialmigranten und in vielen Fällen auch nicht mehr der Unterschied zwischen Mein und Dein, denn eine Verurteilung wegen Ladendiebstahls ist mittlerweile eine Form von Inländerdiskriminierung. Polizisten sollten langsam an den Eintritt in die Schauspielergewerkschaft denken, die auch seriöser sein dürfte als ihre eigenen Gewerkschaften, deren Vertreter die Beobachtung der AfD durch der Verfassungsschutz fordern, weil sie nicht verfassungsfeindlich sei, ihr Anblick aber trotzdem unerträglich wäre: „In einem Land, in dem die überwältigende Mehrheit der Menschen Auftritte, wie den von Herrn Höcke am Sonntagabend oder Hetzreden, wie in Dresden am Montagabend unerträglich findet, muss es möglich sein, die Schwelle dessen, was für konsequentes Einschreiten notwendig ist, notfalls auch herabzusetzen.“ Die Ordnung des Rechts ist längst durch eine Ordnung des Anblicks ersetzt worden: Der unerträgliche Anblick des Migrassoren“elends“ löst alle Grenzen auf und rechtfertigt jeden Zugriff auf alle, die leistungsfähig erscheinen. Der unerträgliche Anblick von Parteien und Kundgebungen rechtfertigt ihre geheimdienstliche Repression, auch wenn sie nicht gegen die Verfassung agitieren.

An diesen Zusammenbruch des Rechts sollte man denken, wenn es um einen Standardvorwurf gegen die Hooligans geht – ihre angeblich fehlende Selbstbeherrschung. Der stimmt schlicht nicht, und zwar nicht deshalb, weil sie oft genug gezeigt haben, dass sie friedlich demonstrieren können. Dass sie effektiv austicken können, zeichnet sie ja gerade aus. Es geht darum, dass sie das nicht ständig tun. Sie haben ein Alltags-Ich, in dem sie wie der normale Bürger nach den Gesetzen des Marktes funktionieren, und ein Kämpfer-Ich für Ackermatch und Demonstration. Sie sind nicht permanent gewalttätig, aber gewaltfähig, und das stellt sie in eine lange Traditionslinie, in der der freie Mann, der Krieger und der gewaltfähige Adelige stehen. Der anständige Bürger hat dagegen nur sein Markt-Ich und muss zu seinem Schutz immer an die Organe des Staates appellieren. Wenn ihn Selbstbeherrschung auszeichnen würde, müsste er ja bei Bedarf die Kampfleistung eines Hooligans abrufen können, was nicht der Fall ist. Er hat seine Gewaltfähigkeit an das Gewaltmonopol des Staates abgegeben dafür die Prothesen des Rechts erhalten, die so lange sehr gut funktionierten, solange sie funktionierten. Jetzt sind sie zerfallen, und der Anstandsbürger schaut hilflos auf die Gliederstümpfe seiner Handlungsfähigkeit und kreischt nach einem Recht, das es nicht mehr gibt.

Trotz ihrer offensichtlich gewordenen Funktionslosigkeit halten die anstandsbürgerlichen Illusionen die meisten Menschen weiterhin mit hundert unsichtbaren Händen fest. Denn der heutige Staat übt seine Macht nicht mehr alleine oder auch nur hauptsächlich mit gesetzlichen Normen oder Tatsachenbehauptungen aus, sondern über Selbstbilder. Er organisiert seine Macht „anhand kultureller Vorstellungen und moralischer Auffassungen vom Individuum“, wie die Soziologin Eva Illouz schreibt. Und hier liegt neben ihrer Beschützerrolle ein noch zu wenig gehobenes Potential der Hooligans. Wer sich mit diesen „rauen Gesellen“ identifiziert, der hat mit dem anstandsasthmatischen Selbstbild gebrochen, auf dem die Macht dieses Staates über uns wesentlich gründet. Das erklärt auch das merkwürdige Verhalten des Staates ihnen gegenüber, nämlich die möglichst vollständige Repression. Es wäre doch zu erwarten, dass er über einen auftragsgemäß umgeworfenen Polizeiwagen hinaus Krawalle provoziert, um den braunen Teufel an die Wand zu malen. Aber bei diesen Krawallen würden sich die Hooligans mit der staatlichen Antifa prügeln, und die ist wenig beliebt. Vielleicht trüge ihnen das sogar Sympathien ein, ihre Wirkung ist darum kaum kalkulierbar. Wer sich mit den Hooligans identifiziert, der ist für den Staat wirklich verloren, und das nicht auf eine resignative Weise, sondern auf eine aggressive Weise, weil es sich mit aggressiven Menschen identifiziert, die von allen Deutschen am sichersten behaupten können, keine Opfer zu sein. Das ist in der gegenwärtigen Lage sehr viel. Wer dagegen von Straßenschlachten träumt, sollte sich klar sein, dass die Antifa, Türken oder Kurden Straßenzüge verwüsten können, weil ein Staat und/oder eine Gemeinschaft hinter ihnen stehen, während es mit der Gemeinschaft unter anständigen Konservativen meist nicht weit her ist, siehe die Auslassungen Dieter Steins über Björn Höcke. Der eigentliche Grund von Steins Kritik an der Verwendung der Deutschlandfahne dürfte übrigens nicht sein, dass er ihre elegantere Handhabung gewünscht hätte, sondern dass Höcke die Flagge wieder als das verwendete, als was sie entstand: Als Feldzeichen, um das man sich im Kampf sammelt, und nicht zur Feierstunde. Der Gedanke an echten Kampf ist Stein wohl unerträglich.

Mit dem Widerstand der Hooligans ist es wie mit einer chemischen Reaktion: Die setzt, sofern sie kein bloßer Zerfall ist, immer mehrere Komponenten voraus, und manchmal Katalysatoren: Substanzen, die eine Reaktion ermöglichen oder beschleunigen, die aber nicht Teil des Reaktionsproduktes werden. Die Hooligans sind mindestens solche Katalysatoren, die helfen, den anstandsbürgerlichen Verblendungszusammenhang aufzulösen. Das können sie aber nicht alleine schaffen. Dazu brauchen sie die Mithilfe derer, die über sie reden und schreiben. Was immer am Sonntag in Köln passieren wird, auf zwei Dinge haben die Hooligans Anspruch: Dass man sich nicht auch die Seite ihrer Feinde stellt, sondern notfalls schweigt, und das man sich in Zweifelslagen für sie entscheidet. Ob man dazu in der Lage ist ist ein Anzeiger dafür, ob man seine wirkliche Situation in dieser Gesellschaft begriffen hat oder ob man sich immer noch für einen Angehörigen der maßgeblichen Klasse hält.

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