Die Lehre aus Nizza

gauck_mazyek_merkelAngesichts des jüngsten Anschlages auf unsere offene Gesellschaft finden sich die Worte nicht, um dem Entsetzen angemessen Ausdruck zu verleihen. Betroffen und sprachlos innehaltend, sind wir heute alle Nizza. Erneut setzt die Tat eines fanatisierten und verwirrten Einzeltäters, der vorgibt, im Namen einer Religion zu handeln, das friedliche Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft einer äußersten Belastungsprobe aus. Wichtig ist jetzt, nicht den Ängsten nachzugeben und kühlen Kopf zu behalten.

(Von Marcus)

Mit dem Islam hat dieser Gewaltakt nichts zu tun. Islam und Islamismus sind nicht miteinander vereinbar. Aber noch sind die Toten nicht erkaltet, da setzt schon die unsägliche Hetze auf den einschlägigen Portalen ein. Die größte Gefahr, die von den Ereignissen in Nizza ausgeht, ist, dass Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie weiter in die Mitte der Gesellschaft vordringen. Gerade jetzt ist es daher wichtig, ein Zeichen der Solidarität mit unseren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und gegen Pauschalisierungen zu setzten.

Als demokratische Gesellschaft müssen wir uns aber selbstkritisch hinterfragen, inwiefern die Schuld auch bei uns liegt. Rechte Parteien haben Aufwind, europaweit wird Stimmung gegen Migranten und Flüchtlinge gemacht. Mit dem Brexit enthemmt sich der nationalistische Hass. Alltagsrassismus und Vorurteile setzen Migranten und Muslime herab. Neoliberalismus und Sozialabbau der letzten Jahrzehnte haben deren Milieus von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzt.

Eine Kultur des Wegschauens und der Gleichgültigkeit hat verhindert, dass Fehlentwicklungen rechtzeitig von der Politik abgefangen wurden. Stattdessen hat die Politik lange verdrängt, dass unsere Gesellschaften Einwanderungsgesellschaften geworden sind. Unter dem Druck der Ausgrenzung und Teilhabeverweigerung wuchs unter den sozial Abgehängten mit der Ohnmacht die Gewaltbereitschaft. Gewalt, die immer auch ein Hilfeschrei ist, wurde zur einzigen Möglichkeit auf sich aufmerksam zu machen.

So muss sich zum Entsetzen auch die Scham über unser Versagen als Gesellschaft fügen. Was lernen wir daraus? Europa muss weltoffener, sozialer und solidarischer werden. Wir brauchen mehr Zuwanderung – insbesondere aus muslimischen Ländern. Denn in der multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft basiert der gesellschaftliche Konsens nicht mehr auf ethnischer Homogenität, sondern wird im demokratischen Prozess immer von neuem ausgehandelt. So entsteht Dialog, und mit dem Dialog bauen sich Vorurteile ab.

Zuwanderer müssen sich wohl fühlen und spüren, dass sie willkommen sind. Vor allem der Zustrom der Flüchtlinge ist hier nicht als Last sondern vielmehr als eine große Chance zu sehen, eine Kultur des Willkommens zu erlernen. Um das Vertrauen der muslimischen Bevölkerung, die ja in ihrer übergroßen Mehrheit friedlich ist und Gewalt als unislamisch ablehnt, muss mehr geworben werden. Hier müssen seitens der aufnehmenden bzw. nicht muslimischen Gesellschaft mehr Vorleistungen erbracht werden.

Das alles kostet viel Kraft und eine gemeinsame gesellschaftliche Anstrengung. Viel Aufklärungsarbeit ist erforderlich, um die Menschen der schrumpfenden und alternden Gesellschaften Europas abzuholen und mitzunehmen. Eine in der Verunsicherung für dumpfe Parolen anfällige Bevölkerung kann leichte Beute für die Demagogie von Populisten werden, die für die Probleme einer komplexen Wirklichkeit, scheinbar einfache Patentrezepte anbieten. Dem muss ein breites Bündnis der fortschrittlichen Kräfte entgegentreten.