Essen: Peter Renzel und die Geister, die er rief

renzelIn Essen spielt sich im Moment das im Kleinen ab, was innerhalb Europas auf Deutschland zutrifft: viele „Flüchtlinge“ wollen gerade in die Ruhrstadt und nur ungern in Kommunen des Ostens oder Südens. Und wie die AfD das für Deutschland insgesamt beklagt, gibt es dasselbe auch wieder im kleineren Maßstab für Essen. Dort beklagt sich der Sozialdezernent der Stadt, Peter Renzel (Foto), dass alle nur zu ihm wollten und nicht woandershin.

(Von Sarah Goldmann)

Der FOCUS berichtet:

Ein zutiefst „unsolidarischer Akt“ sei das, was im Osten und Süden Deutschlands geschehe. So formuliert es Essens Sozialdezernent Peter Renzel. Er wirft Kommunen aus dem Osten und Süden vor, anerkannte Asylbewerber gezielt nach Essen ins Ruhrgebiet zu schicken.

„Sie haben Zettel mit Essener Adressen in der Hand und sagen, dass man ihnen empfohlen habe, in unsere Stadt zu kommen“, sagte Renzel der „Rheinischen Post“. Es gebe Hinweise auf „gezielte Ansprachen“. Den Flüchtlingen sei erzählt worden, dass sie im Ruhrgebiet bessere Chancen hätten, eine Arbeitsstelle und eine Wohnung zu finden.

Was Renzel daran vor allem stört: die Kosten. Wer als Asylbewerber anerkannt ist, hat Anspruch auf Sozialleistungen. In diesem Jahr seien bereits 2500 anerkannte Asylbewerber nach Essen gekommen. Finanziell sei das kaum machbar, klagt man im Ruhrgebiet.

Jetzt gäbe es eine ganze Menge Argumente, die man im Großen den Zweiflern an der Asylpolitik entgegenhielt und die jetzt auch wieder passen bzw. nicht passen und den ganzen Unsinn der Asylpropaganda offenbaren. Fangen wir an.

Als erstes wären da Assads Fassbomben. Haben Sie, Herr Renzel, an die armen Kinder gedacht, die vor Assads Fassbomben in Sicherheit gebracht werden müssen? „Hab ich!“, wird Herr Renzel zugeben. „Aber die sind doch in München und im Osten genauso sicher!“

Richtig. Und sie waren auch schon in der Türkei sicher und in Griechenland, danach in Serbien, in Österreich. Bis sie schließlich nach Deutschland kamen. Klingelt’s?

Wie sieht es aus mit der kulturellen Bereicherung, soll Essen etwa nicht bunt und bunter werden? Gab es etwa keine Demos für ein buntes Essen? Also, wer es farbenfroh mag, sollte sich nicht ärgern, sondern freuen, wenn es bunter wird. Kulturelle Bereicherung, Herr Renzel, wird Ihnen gerade zuteil. Reichtum kann man nicht nur in Geld ausdrücken! Freuen Sie sich gefälligst.

Und Schäubles Inzucht. Bitte nicht vergessen, welcher immense Genpool sich da für Essen auftut. „Besonders türkische Frauen besäßen ein „enormes innovatives Potenzial“ schrieb der Rassepolitiker aus der CDU. Könnte dies nicht auch für Syrerinnen und Afghaninnen zutreffen? Ihr Parteifreund hat darauf hingewiesen, dass wir in Inzucht verkommen, wenn die Cousinen aus dem Morgenland nicht mit ihren Kindern bei uns aufschlagen. Also, greifen Sie zu, Herr Renzel.

Lokalpatriotismus. Man hört es aus jedem Ihrer Worte, wie Sie Essen lieben. Sie wollen doch bitte schön nicht die Menschen, die da kommen, von der konstruktiven Mitwirkung an der Entwicklung in Ihrer Stadt ausschließen?! Sie sollten zu Ihrem Versprechen stehen, das da lautet:

Wir möchten für alle Essenerinnen und Essener die gesellschaftliche Teilhabe sichern und Beteiligung der Menschen an der Entwicklung unserer Stadt ermöglichen.

Also dann bitte wirklich für alle, und keinen ausschließen oder vergessen oder ablehnen. Mit der Ankunft in Essen sind die Asylbewerber Essenerinnen und Essener geworden, schon vergessen? Es sind Geschenke! Frau Göring-Eckard von den Grünen (die Sie ja auch gewählt haben) hat doch verständlich gemacht, dass diese Menschen Geschenke sind. Und Essen wird im Moment reich beschenkt. Und Geschenke soll man nicht ablehnen.

Schließlich noch die Wirtschaft. Sie jammern, dass es so viel kostet, wenn Ihre Geschenke nach Essen kommen. Haben Sie mal daran gedacht, welche Vielzahl von Fachkräften sich da aufgemacht hat? Auf Ihrer Homepage schreiben Sie:

Essen ist ein wirtschaftlich starker Standort – historisch gewachsen und mitten im Ruhrgebiet. Einige große Konzerne haben hier ihren Hauptsitz. Zusätzlich sind ein starker Mittelstand und das Handwerk Motor für Arbeitsplätze, Innovation und Wirtschaftskraft.

Nun denn, da sind sie nun, die Ihnen bei der Besetzung der dringend gesuchten Fachkräfte-Stellen helfen werden. Es ist also kein unsolidarischer, sondern „ein zutiefst solidarischer Akt“, wenn andere Ihnen ihre wertvollen Fachleute überlassen.

Appellieren Sie einfach an die wirtschaftlich starken Firmen in Ihrer Region, sie sollen mehr Flüchtlinge einstellen, dann wird das schon. Dann sprudeln die Steuergelder in Ihre Kassen und letztendlich werden unser aller Renten gesichert. Und wenn Sie das nicht tun, droht „Arbeitslosigkeit für Deutschland“, schon mal daran gedacht?

Etwas Optimismus, Herr Renzel. Wir raten Ihnen, machen Sie ein Selfie, so wie Ihre Kanzlerin. Und das setzen Sie dann unter den Text auf Ihrer Homepage:

Ich lebe gern in Essen! Wir Essenerinnen und Essener wissen, das wir im Zentrum einer der interessantesten Regionen Europas leben, fühlen uns sehr wohl und können zu jeder Zeit das Leben in vollen Zügen genießen.

Sehen Sie, geht doch. Und wenn Sie dann beim Blick in den Spiegel oder in den Hauhaltsplan Ihrer Stadt doch mal leise Zweifel beschleichen, dann machen Sie es einfach wie Ihre Kanzlerin. Dann sagen Sie ganz laut: „Wir schaffen das!“ „Ja, wir schaffen das!“